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Renten-Vorschlag von Wolfgang Schäuble : Eintritt, Bezugsdauer, Lebenserwartung: Zahlen und Fakten zur Rente

vom
Aus der Onlineredaktion

Wolfgang Schäuble will das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln. Dafür bekommt er Unterstützung - und Kritik.

Berlin | Die Leute werden immer älter, und es kommen mehr Menschen in Rente, deren Berufsleben in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit fiel: Angesichts der drohenden finanziellen Probleme haben die Spitzen der Koalition die Rente in den vergangenen Tagen wieder verstärkt auf ihre Agenda gesetzt. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (73) schlug vor, das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung zu koppeln - und löste eine heftige Diskussion aus.

Eine zunehmend höhere Lebenserwartung und weniger Kinder beeinflussen das Rentensystem maßgeblich. Ohne Reformen würden die Rentenausgaben bis zum Jahr 2060 um mindestens 2,5 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, warnte die Industrieländer-Organisation OECD.

Kann es also sein, dass man in Deutschland künftig länger arbeiten muss? Zumindest hat auch die Industrieländer-Organisation OECD Deutschland jüngst empfohlen, das gesetzliche Renteneintrittsalter weiter anzuheben. Bisher soll es bis zum Jahr 2029 stufenweise auf 67 steigen. Und: Die OECD unterstützt Schäubles Vorschlag, das Rentenalter an die Entwicklung der Lebenserwartung zu koppeln. So könne die Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen gestärkt werden.

Hintergrund der Diskussion: Die Lebenserwartung in Deutschland steigt seit Jahren - und das bedeutet natürlich auch, dass die Menschen im Rentenalter zunehmend viele Jahre vor sich haben und die Lücke zwischen Eintritt ins Rentenalter und Tod immer größer wird. Von 1960 bis heute hat sich die durchschnittliche Rentenbezugsdauer auf 20 Jahre verdoppelt. Die zusätzlichen Jahre gehen ins Geld.

Wie sehr sich die Lebenserwartung in Deutschland verändert hat, ist in dieser Grafik zu sehen:

Auch die künftige Lebenserwartung spielt in der Rentendiskussion eine Rolle. Wie wird sie sich entwickeln? Das Statistische Bundesamt berechnet die vermutete Lebenserwartung mit unterschiedlichen Rechenmodellen. Ein höherer Anstieg der Lebenserwartung würde folgendermaßen aussehen:

Aber: Bereits in den vergangenen Jahren arbeiteten die Menschen länger. Das durchschnittliche Rentenzugangsalter stieg von 63,1 Jahren 2004 auf 64,1 Jahre 2014. 53 Prozent der 60- bis 65-Jährigen arbeiten noch. Zehn Jahre zuvor waren es nur 25 Prozent.

Diese Grafik zeigt beispielhaft, ab wann ein Mann Rente ohne Abschläge bezieht, wenn er mit 20 begonnen hat zu arbeiten:

 

Unterstützung für seinen Vorschlag bekam Schäuble von der Jungen Union (JU) - sie schlug eine schrittweise Anhebung des Renteneintrittsalters von 67 auf 70 Jahre ab 2030 vor. „Um das Rentenniveau künftig nicht so weit absenken zu müssen, dass immer weniger Menschen davon leben können, sollten wir das Renteneintrittsalter an die steigende Lebenserwartung koppeln“, sagte der JU-Vorsitzende Paul Ziemiak der „Rheinischen Post“. Dies hätte nach seiner Einschätzung nur einen moderaten Anstieg des gesetzlichen Renteneintrittsalters zur Folge. „Der Jahrgang 1985, dem ich angehöre, müsste bis zum Alter von 67,5 Jahren erwerbstätig bleiben. Ein Renteneintrittsalter von 70 Jahren würden wir erst im Jahr 2100 erreichen.“

Weitere Reaktionen auf Schäubles Idee

Mit seiner Forderung ist Schäuble dagegen auf energische Ablehnung der SPD gestoßen. SPD-Chef Sigmar Gabriel nannte sie zynisch. Die Forderung zeige, „was droht, wenn die SPD nicht in der Regierung ist“. „Politiker und Wirtschaftseliten können leicht über die Rente mit 70 reden. Ihre Arbeit ist körperlich weit weniger anstrengend als bei normalen Arbeitnehmern“, so Gabriel auf Facebook.

Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) lehnt einen späteren Rentenbeginn ab. „Das ist kein abgestimmter Vorschlag der Bundesregierung“, sagte eine Sprecherin ihres Ministeriums. „Das steht nicht zur Debatte.“ Nahles will ein umfassendes Konzept zur Zukunft der Rente vorlegen, wie sie der Deutschen Presse-Agentur (dpa) gesagt hatte.

SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte nach einer Klausur der Fraktionsspitzen in Rust: „Ich halte nichts von einer gesetzlichen Verschiebung der Altersgrenze.“ Die SPD-Sozialexpertin Katja Mast sagte: „Wir brauchen kein allgemeines Renteneintrittsalter nach 67, sondern flexible Übergänge in Rente und viel mehr Prävention, damit alle ihr heutiges Renteneintrittsalter erreichen.“ Wie für CSU-Chef Horst Seehofer gelte auch für Schäuble: „Rente braucht keine Einzelideen, sondern ein Gesamtkonzept.“

EU-Kommissar Oettinger forderte in den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Wir haben einen Fachkräftemangel und müssen in den nächsten Jahren über die Rente mit 70 sprechen.“ Anders als mit einem späteren Rentenalter werde bei deutlich gestiegener und weiter steigender Lebenserwartung die Rente nicht mehr finanzierbar sein, sagte der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach warf Schäuble vor, die Rentenleistungen weiter verschlechtern zu wollen. „Jede Anhebung der Regelaltersgrenze ist de facto eine verdeckte Rentenkürzung.“ Die Zahl jener, die aus Gesundheitsgründen vorzeitig mit höheren Abschlägen aus dem Erwerbsleben ausscheiden, würde dann steigen.

Linke-Chefin Sahra Wagenknecht sagte: „Wer arm ist, stirbt früher und wer einen harten Job hat, kann nicht bis 70 arbeiten.“ Auch Sozialverbände wie die Volkssolidarität und der VdK lehnten den Schäuble-Vorstoß rundheraus ab.

Überblick über die aktuellen Baustellen in der Rentenpolitik

Die gesetzliche Rente

Zwei konkrete Vorhaben hat die Koalition in Planung. Die Übergänge in die Rente sollen flexibler werden. Und kleine Renten sollen aufgewertet werden. Doch diese Lebensleistungsrente birgt Tücken: Soll es eine Aufwertung zum Beispiel auch bei der Ehefrau eines Gutverdieners geben? Oder soll es künftig Bedürftigkeitsprüfungen in der Rente geben? Verstärkt rückt auch das Rentenniveau in den Blick. Doch dieses zu stabilisieren oder steigen zu lassen, käme für Beitrags- oder Steuerzahler teuer.

Die Betriebsrenten

Rund 60 Prozent der Beschäftigten haben eine Anwartschaft auf Betriebsrenten. Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) will die betriebliche Altersvorsorge besonders in kleineren Unternehmen weiter verbreiten. So könnten Unternehmen per Tarifvertrag zu solchen Angeboten an ihre Belegschaft verpflichtet werden. Geringverdiener könnten künftig mittels staatlicher Zuschüsse gezielter unterstützt werden.

Die Riester-Rente

Mehr als 16 Millionen Verträge über die vom Staat geförderte private Rente gibt es. Große Rendite-Hoffnungen haben sich angesichts der niedrigen Zinsen zerschlagen. Trotzdem kann man durch die staatliche Förderung eine Rendite erwirtschaften, etwa als Verheirateter mit zwei Kindern und einem Jahresbrutto von 30.000 Euro nach 20 Jahren 3,4 Prozent. Ein Sparanreiz für Geringverdiener könnte sein, dass Riester-Renten nicht mehr voll mit der Grundsicherung im Alter verrechnet werden.

Die Riester-Rente ist eine Reform aus dem Jahr 2001, die auf Walter Riester zurückgeht.

Wie geht's jetzt weiter? Erstmal soll die Flexi-Rente kommen: Wer bereits mit 63 in Teilrente geht, soll mehr vom Zuverdienst behalten können. Arbeiten über die reguläre Altersgrenze hinaus soll sich stärker auszahlen. Ein Konzept der Koalitionsfraktionen liegt vor. Vielleicht wird die Flexi-Rente mit einer Reform der Betriebsrenten zusammengeführt, die die betriebliche Altersvorsorge stärken soll.

Vorschläge für die Mindest- oder Lebensleistungsrente will Andrea Nahles (SPD) dieses Jahr noch machen - Kleinrenten sollen aufgewertet werden, möglichst nur bei Bedürftigen.

Studie: Jugendliche blicken optimistisch in die Zukunft

Grundsätzlich lässt sich schon jetzt beobachten, dass die Renten für viele Menschen niedrig sind - auch weil sie als Berufstätige zu wenig verdient haben. Das Problem betrifft immer mehr Rentner - auch in Schleswig-Holstein. Viele arbeiten noch nebenbei, wie diese Grafik zeigt:

 

Doch obwohl die Renten in Zukunft wohl weiter sinken werden - die Jugendlichen haben am Donnerstag vorgestellten Studie zufolge immer weniger Angst, von Altersarmut betroffen zu sein.

Etwa drei von vier jungen Leuten in Deutschland blicken optimistisch in die Zukunft - Altersvorsorge steht bei den meisten nicht hoch im Kurs. Das ist das Ergebnis der TNS-Infratest-Umfrage im Auftrag des Versorgungswerks Metall-Rente. Demnach gehen 73 Prozent der 17- bis 27-Jährigen von einer guten persönlichen Entwicklung aus - etwas mehr als in Vorgängerstudien der vergangenen Jahre.

Nur noch 26 Prozent glauben voll und ganz, 34 Prozent eher, dass die Wirtschaft durch verschuldete Euro-Länder gefährdet ist. 2013 lagen diese Werte noch bei 34 beziehungsweise 43 Prozent.54 Prozent sparen regelmäßig und 30 Prozent ab und zu - vor allem auf Urlaubsreisen und für Ausbildung und Studium. Nur 35 Prozent aller jungen Leute sparen laut der Umfrage regelmäßig für ihre Altersversorgung. 2010 waren es noch 38 Prozent.

Die junge Generation wolle das Leben zunächst genießen und lege auch deswegen weniger Geld für das Alter zurück, so die Studienautoren um den Jugendforscher Klaus Hurrelmann.

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erstellt am 21.Apr.2016 | 18:51 Uhr

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