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Politik

20. Oktober 2017 | 07:45 Uhr

Ein schlimmer Finger

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Peer Steinbrück polarisiert mit einer provokanten Geste – darf ein Kanzlerkandidat das?

Als Peer Steinbrück gestern Morgen am Flughafen Köln-Bonn landet, muss er erst einmal sein „Stinkefinger“-Bild auf dem Titel des Magazins der „Süddeutschen Zeitung“ signieren. „Das ist nicht etwas, was man skandalisieren muss“, versucht er die Aufregung um seine provokante Geste zu dämpfen. Der SPD-Kanzlerkandidat setzt auf den Humor der Deutschen. Sicher, von der Kanzlerin oder SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier würde es solche Fotos nie geben. Aber Steinbrück kultiviert damit nach Meinung der SPD seinen polarisierenden Stil – die Partei wittert Morgenluft im Wahlkampf.

„Das Programm muss zum Kandidaten passen und der Kandidat zum Programm. Ihr müsst mir aber auch etwas Beinfreiheit einräumen“, hatte Steinbrück vor knapp einem Jahr nach seiner Ausrufung zum Kanzlerkandidaten gesagt. Nach dem Holperstart war aber von der Beinfreiheit wenig zu sehen, die Partei beschloss ein eher linkes Programm mit Mindestlöhnen von 8,50 Euro und höheren Steuern.

Inzwischen aber hat Steinbrück seit dem „Burgfrieden“ mit Parteichef Sigmar Gabriel beim Parteikonvent Mitte Juni besser Tritt gefasst. Und er nimmt sich die Beinfreiheit, zieht sein Ding durch. Dazu passt es auch, dass er beim Foto-Shooting den Mittelfinger zeigt.

In Windeseile hatte sich das Titelbild noch vor dem gestrigen Erscheinen im Internet verbreitet. Schnell teilte sich das Meinungsbild in die zwei Lager „Ironie muss noch erlaubt sein“ und „Geht gar nicht“. Union und FDP wetterten gegen den „peinlichen Kandidaten“. Regierungssprecher Steffen Seibert sagte gestern: „Ich habe dazu keine Worte.“ Und der stellvertretende CDU-Vorsitzende Armin Laschet meinte: „Ein deutscher Bundeskanzler ist nicht Bushido.“ Insgesamt ist das Echo aber gemäßigter als etwa bei Steinbrücks Aussagen zum Kanzlergehalt. Er wird mittlerweile differenzierter beurteilt.

Losgelöst vom Kontext der Frage in dem Ohne-Worte-Interview („Pannen-Peer, Problem-Peer, Peerlusconi – um nette Spitznamen müssen Sie sich keine Sorgen machen, oder?“) kann einem Politiker so ein Bild sicher mächtig auf die Füße fallen – gerade als Kanzler. Im Willy-Brandt-Haus heißt es dazu: „Das ist halt Klartext. Aber wir müssen aufpassen, dass jetzt nicht wieder unsere Inhalte in den Hintergrund treten.“ Ob das Bild, das bereits Ende Juli entstanden ist, aber mit Wissen Steinbrücks erst jetzt veröffentlicht wurde, ihm bei der Bundestagswahl Stimmen bringt oder kostet, ist eine hypothetische Frage.

„Das schadet ihm natürlich. Das ist kein Kanzlerformat, sich so fotografieren zu lassen“, meint der Politikberater Michael Spreng. Der Politologe Oskar Niedermayer glaubt, mit der Aktion habe Steinbrück alte Vorurteile gegen ihn bestätigt. Selbst wenn er es ironisch meine, müsse er wissen, was vom politischen Gegner daraus gemacht werde.

Steinbrück selbst sieht sich als Gegenmodell zu Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die Probleme aus seiner Sicht aussitzt. „Wenn sie den Finger hochnimmt, dann ist es nicht, um eine Richtung anzugeben, sondern um den Wind zu messen“, meint er. Merkel hat darauf im TV-Duell süffisant geantwortet: „Ich handle nicht erst und denke dann. Ich mache das umgekehrt: Ich denke erst mal nach, dann entscheide ich und dann handle ich.“ So werden für den Wähler die Unterschiede deutlich.

Inzwischen gibt es einen eigenen Twitter-Account: „Peers Finger“. Hier werden Kurzbotschaften abgesetzt wie: „Lieber Gesten aus der Gosse statt Positionen aus dem Mittelalter.“ Was sagt es über diesen Wahlkampf und die Öffentlichkeit aus, wenn es wenig große Zukunftsdebatten über Europa, Energiewende, Pflege oder die Bändigung der Finanzmärkte gibt? Dafür aber Aufwallungen über die schwarz-rot-goldene Kette der Kanzlerin im TV-Duell (Twitter-Account: „schlandkette“), den seit langem bekannten Vorschlag der Grünen für einen fleischlosen „Veggie-Day“ in Kantinen – oder nun eben über ein ironisches Foto.


Umfragen sagen Kopf-an-Kopf-Rennen voraus


Jenseits davon zeigt sich rund eine Woche vor der Bundestagswahl: Nichts ist entschieden. Schwarz-Gelb und die Opposition liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die SPD hofft in der bayerischen Diaspora am Sonntag bei der Landtagswahl auf ein Ergebnis von 20 plus x, um mit voller Kraft in die letzte Wahlkampfwoche im Bund zu gehen. Nach dem gestern veröffentlichten ZDF-Politbarometer erreicht Schwarz-Gelb noch 46 Prozent, SDP, Grüne und Linke kommen zusammen auf 45 Prozent. Beim ARD-„Deutschlandtrend“ vom Vortag ist es umgekehrt: 45 zu 46 Prozent.

Da Rot-Rot-Grün und eine „Ampel“ mit Grünen und FDP glaubhaft ausgeschlossen werden, könnten die Zeichen auf große Koalition stehen. Steinbrück will dann die Gespräche mit CDU/CSU leiten. Er wolle nicht einfach durch die Hintertür verschwinden, sondern das Heft des Handelns behalten, hieß es gestern in SPD-Kreisen. Und versuchen, den Preis hochzutreiben – auch wenn er nicht nochmal Minister unter Merkel werden will. Er dürfte sich merken, wer ihn in der Union jetzt wegen des „Stinkefinger“-Fotos in Misskredit zu bringen versucht.

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