Absturz in der Ukraine : Ein Jahr nach Abschuss von Flug MH17: Was wissen wir, was nicht?

Schon bald jährt sich der Abschuss der malaysischen Passagiermaschine über dem ukrainischen Kriegsgebiet. Noch immer gibt es viele Unklarheiten.

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10. Juli 2015, 08:11 Uhr

Den Haag/Kiew | Sichtlich erschüttert tritt der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte am späten Abend des 17. Juli 2014 vor die Kameras. „Dies ist ein tiefschwarzer Tag für die Niederlande“, sagt der sonst so wohlgemute Premier am Amsterdamer Flughafen Schiphol. Die Boeing 777 mit Flugnummer MH17 der Malaysia Airlines ist kurz zuvor auf dem Weg von Amsterdam nach Kuala Lumpur über der Ostukraine abgestürzt. 298 Menschen verlieren ihr Leben.

Die Opfer kommen aus 10 Ländern, 196 sind Niederländer. Den Angehörigen und seinem zutiefst schockierten Land verspricht Rutte: „Wir werden alles tun, um die Verantwortlichen dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Wir werden jeden Stein umdrehen“. Es klingt wie ein Schwur. Doch ein Jahr später ist das Versprechen weiter nicht eingelöst. Es prallt auf die knallharte Realität des militärischen Konflikts in der Ukraine und der neuen Ost-West-Spannungen.

Der Zugang zu den Steinen, die umgedreht werden sollten, ist im wahrsten Sinne des Wortes versperrt. Nur mit Mühe erreichen Bergungskräfte und Ermittler die Absturzstelle Hrabowe in dem heftig umkämpften Gebiet. Erst im Mai dieses Jahres werden die wohl letzten sterblichen Überreste geborgen und in die Niederlande ausgeflogen.

Durch den Abschuss der malaysischen Boeing MH17 am 17. Juli 2014 erlangten die ostukrainischen Dörfer Hrabowe und Rossypne traurige Berühmtheit. Die Trümmer der Maschine mit 298 Menschen an Bord stürzten hier, im Hinterland der prorussischen Separatisten etwa 60 Kilometer von der Großstadt Donezk entfernt, auf freies Feld. Die Bilder von schwer bewaffneten Kämpfern, die das Gelände absperrten und durchsuchten, gingen um die Welt.

Das Cockpit landete am südlichen Teil der 500-Einwohner-Siedlung Rossypne. Der Hauptteil des Rumpfes mit Motoren und Flügeln wurde etwa vier Kilometer weiter östlich bei Hrabowe gefunden. Auf insgesamt 28 Hektar Fläche - so groß wie 40 Fußballfelder - suchten internationale Experten nach Hinweisen zur Ursache der Katastrophe. Wegen der nahen Gefechte war es keine ungefährliche Arbeit.

Die größten Trümmer sowie die Habseligkeiten der Opfer und die Leichenteile wurden zur Untersuchung in die Niederlande gebracht.


Der Absturz der Maschine zerstört auch die anfänglichen Hoffnungen auf eine lokale Begrenzung des Konflikts zwischen ukrainischen Regierungseinheiten und den von Russland unterstützten Separatisten, der im April 2014 ausgebrochen war. Die Konfrontation in der Ex-Sowjetrepublik bekommt durch die Tragödie mit vielen ausländischen Opfern auf einmal eine internationale Dimension.

Doch die Aufklärung des MH17-Dramas wird zum politischen Gefecht. Für Kiew ist die Schuldfrage sofort nach dem Abschuss geklärt. Schon zwei Stunden später verkündet der Berater des ukrainischen Innenministers Anton Geraschtschenko in einem erstaunlich detaillierten Bericht den Hergang samt präziser Opferzahl. „Terroristen haben mit einem liebevoll von (Wladimir) Putin übergebenen Flugabwehrsystem Buk ein ziviles Flugzeug abgeschossen“, heiß es da. Keine Spur von den sonst bei Katastrophen dieser Art vorsichtigen Formulierungen oder offenen Fragen zu Ermittlungen.

Kiew hat demnach Hinweise, dass die Aufständischen in dem Gebiet über das Luftabwehrsystem Buk samt Raketen verfügten. Bereits drei Tage zuvor wird eine ukrainische Transportmaschine in einer Höhe von 6500 Metern von den militanten Gruppen abgeschossen. Anders als den MH17-Abschuss geben sie das auch zu. Sie beteuern aber, für Höhen, in denen Passagiermaschinen fliegen, keine passenden Waffen zu haben.

Auch die USA zeigen sich rasch überzeugt: Die Separatisten seien schuld, und der russische Präsident trage die Verantwortung. Der australische Regierungschef Tony Abbott erklärt wütend, er werde sich Putin beim anstehenden G20-Gipfel in Australien im November 2014 „vorknöpfen“. An Bord der Maschine waren auch 27 Australier. Putin lässt Abbott abblitzen und betont aber einmal mehr, dass die Ukraine die Schuld trage, weil sie den Luftraum über dem Kriegsgebiet nicht gesperrt habe.

Seither legen viele Seiten Dokumente vor. Telefonmitschnitte, Zeugenaussagen, Radarbilder und Satellitenfotos. Sie belegen vor allem eins: Niemand will es gewesen sein. Komplott-Theorien und Spekulationen werden zusätzlich genährt, da der niederländische Sicherheitsrat - der die Untersuchung leitet - noch immer nicht seinen Abschlussbericht veröffentlichte. Russland sieht dies als Zeichen, dass da etwas vertuscht werden soll.

Der Sicherheitsrat, der nun im Oktober seinen Bericht vorlegen will, soll vor allem Antworten auf zwei Fragen geben. Wurde die Maschine tatsächlich von einer Buk-Rakete abgeschossen? Und: Von welcher Stelle aus wurde das Geschoss lanciert? Wurde dieser Ort damals von ukrainischen Truppen kontrolliert - oder von den Separatisten? Experten können mit der Analyse der Trümmer, Fotos, der Aufnahmen von Satelliten, Radarbildern und der Daten der Flugschreiber sehr weit kommen. Schwieriger sind dagegen die strafrechtlichen Ermittlungen, die ebenfalls unter Leitung der Niederlande stehen. Die Frage ist, ob die Ermittler tatsächlich alle Beweismittel erhalten. Vieles ist in Händen der Geheimdienste in Russland, den USA und der Ukraine.

Dennoch sind die Ermittler zuversichtlich. „Wir kommen stichhaltigen und überzeugenden Beweisen immer näher“, sagt der leitende Staatsanwalt Fred Westerbeke. Sie möchten soweit wie möglich in der Befehlskette vordringen, von „Ausführern“ bis zu „Auftraggebern“.

Sicher ist jedenfalls: Spekulationen zur Katastrophe reißen nicht ab. Der Stand der Ermittlungen im Überblick:

Was ist gesichertes Wissen zum MH17-Absturz und was nicht?

Unumstritten ist, dass die Passagiermaschine über dem Kriegsgebiet abgeschossen wurde. Die Untersuchungen konzentrieren sich auf eine Rakete, die von einem bodengestützten Luftabwehrsystem des Typs Buk abgefeuert wurde. Gestritten wird aber darüber, wer das Geschoss abgefeuert hat. Die Ukraine geht davon aus, dass Russland das Buk-System in das von Separatisten kontrollierte Kriegsgebiet lieferte. Russland weist dies zurück.

Wie ist der offizielle Stand der Ermittlungen?

Der niederländische Sicherheitsrat schloss in seinem ersten Zwischenbericht zur Ursache im September 2014 technisches und menschliches Versagen sowie einen Terroranschlag aus. Der Abschlussbericht soll im Herbst vorliegen. Die Ermittlungen der niederländischen Staatsanwaltschaft weisen in Richtung eines Abschusses durch eine Abwehrrakete.

Gibt es Beweise für eine Schuld Russlands oder der Separatisten?

Das internationale Ermittlerteam unter Leitung der Niederlande hat Videos und abgehörte Telefongespräche der Separatisten veröffentlicht. Die deuten daraufhin, dass diese über ein Buk-System verfügten und eine Rakete zum fraglichen Zeitpunkt abgefeuert hatten.

Der russische Hersteller des Buk-Systems erklärte, dass die Ukraine eine Vielzahl solcher Waffen besitze. Die Firma geht nach eigenen Recherchen davon aus, dass die Rakete von ukrainisch kontrolliertem Gebiet aus abgeschossen wurde.

Wie reagiert Russland auf die Schuldvorwürfe?

Die russische Führung verlangt unvoreingenommene Ermittlungen durch die internationalen Ermittler und den Sicherheitsrat in den Niederlanden. Das Land leitet die strafrechtlichen Ermittlungen sowie die Suche nach der Ursache, weil die meisten der 298 Opfer von dort stammten.

Kremlchef Wladimir Putin hatte der Ukraine die Schuld an der Tragödie gegeben, weil sie trotz bekannter Gefahren den Luftraum über dem Kriegsgebiet nicht komplett für die zivile Luftfahrt gesperrt hatte. Separatisten hatten vor dem Absturz der MH17 mehrere Militärflugzeuge abgeschossen.

Wie ist der Stand der Ermittlungen in Russland?

Von Anfang an erhoben die Russen den Verdacht, dass ein anderes Flugzeug die Passagiermaschine abgeschossen haben könnte. Später präsentierte die oberste Ermittlungsbehörde dazu auch einen mutmaßlichen Zeugen, einen ehemaligen ukrainischen Militärangehörigen, der sich nach Russland abgesetzt hatte. Der 22-Jährige belastete einen Kampfpiloten aus seiner Einheit, der den Flug MH17 von einem Suchoi-Bomber Su-25 abgeschossen haben soll. Die Ukraine hatte dies zurückgewiesen.

Die Behörden in Moskau gehen aber nach eigenen Angaben auch anderen Hinweisen nach. Kremlchef Wladimir Putin hatte zuletzt im Gespräch der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass er einen Bericht auf seinem Tisch habe, nach dem die Maschine von einer Buk-Rakete von ukrainisch kontrolliertem Gebiet aus abgeschossen wurde.

Gibt es Beweise durch Satellitenbilder?

In den USA gab es Berichte über eigene Satellitenbilder, die die Schuld der prorussischen Rebellen beweisen sollen. Sie wurden aber nicht veröffentlicht. Russland präsentierte kurz nach dem Abschuss Satellitenbilder, nach denen ukrainische Truppen ein Buk-System nahe der Absturzstelle stationiert hatten. Experten streiten aber darüber, ob die Bilder echt sind.

 

Doch was dann? Wer soll über mutmaßliche Täter Recht sprechen? Die Niederlande und auch Malaysia plädieren für die Einrichtung eines UN-Tribunals, nach dem Vorbild des UN-Kriegsverbrechertribunals zum früheren Jugoslawien in Den Haag. Doch dazu muss es eine Resolution des Weltsicherheitsrates geben. Und die Vetomacht Russland signalisiert bereits ihre Antwort: Njet. Sie fordert, dass zuerst die Ermittlungen abgeschlossen werden.

Das Flugabwehrraketensystem Buk („Buche“) wurde in der sowjetischen Armee 1979 eingeführt. In unterschiedlichen Varianten befindet es sich in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion bis heute im Einsatz. Eine komplette Einheit besteht aus dem Kommandofahrzeug, einem Suchradar und mehreren Raketenfahrzeugen. Letztere verfügen über eigene Leitradare und können damit begrenzt unabhängig agieren.

Die für den Abschuss der malaysischen Boeing MH17 infrage kommende Modifikation M1 zerstört Ziele in einer Höhe von bis zu 22 Kilometern und ist innerhalb von 5 Minuten feuerbereit. Die Raketen explodieren in mehreren Metern Entfernung vor dem anvisierten Ziel. Die dabei entstehenden Splitter durchlöchern die Außenhaut des Flugzeugs, was zum Absturz führt. Die Abschusswahrscheinlichkeit mit einer Rakete beträgt bei Flugzeugen bis zu 96 Prozent.

Die ukrainische Armee hatte dem Londoner Internationalen Institut für Strategische Studien zufolge 2014 mehr als 60 Systeme des Typs Buk-M1 im Bestand. Dagegen hatte die Ukraine zuletzt behauptet, sie habe gar keine Buk-Systeme mehr. Der russische Hersteller der Anlagen sah nach eigenen Ermittlungen zuletzt Hinweise für einen Abschuss durch die ukrainischen Streitkräfte. Russland verfügt über etwa 350 Systeme unterschiedlicher Modifikationen.

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