Besuch in Hanceville und Birmingham : Ein Jahr Donald Trump – „Wie ein Bürgerkrieg, in dem nicht geschossen wird“

US-Präsident Donald Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Pensacola, Florida, USA.
Nach einem Jahr Trump im Weißen Haus fühlt sich das Land so zerrissen wie auf dem Höhepunkt der Vietnam- und Rassenunruhen Ende der 60er Jahre an.

Ein Präsident, zwei Amerikas. Unser Korrespondent reiste in den Südstaat Alabama, wo sich beide Welten finden. Eine Spurensuche.

shz.de von
13. Januar 2018, 12:51 Uhr

Kenneth Nail (54) ist mit sich selbst und der Welt zufrieden. Pünktlich um 9 Uhr morgens wartet der Bürgermeister des 3000-Seelen-Nests Hanceville in seinem Silverado-Pick-Up-Truck vor dem roten Klinkerbau an der Hauptstraße. „Es ist immer ein guter Morgen, wenn sie Birmingham verlassen können“, heißt der aufgedrehte Südstaatler seine Besucher aus der 40 Meilen entfernten Metropole Alabamas willkommen.

 

Mit breitem Grinsen auf dem Gesicht sperrt Nail das Rathaus auf und bittet freundlich in sein Büro. Stolz zeigt er an der Wand zwei Puzzlebilder, die Motive aus dem Krieg zwischen den konföderierten Südstaaten und der Union des Nordens darstellen. „Das Hobby meiner Frau“, erläutert der im Herbst wiedergewählte Bürgermeister die Dekoration seines Arbeitszimmers, das er wie ein kleines Heimatmuseum eingerichtet hat.

Kenneth Nail in seinem Büro.
Thomas Spang
Kenneth Nail in seinem Büro.

Der Bürgerkrieg, der vor 150 Jahren zu Ende ging, fasziniere auch ihn, „weil er der tödlichste in der amerikanischen Geschichte war, in dem Brüder gegen Brüder gekämpft haben“. Zum Beispiel sein Ur-Ur-Ur-Großvater, ein bettelarmer irischer Einwanderer, der auf Seiten der Südstaaten stritt. „Glauben Sie, dass es dem um die Sklaverei ging?“, fragt Nail während er ein altes Schwarz-Weiß-Foto hervorkramt.

„Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen.“

Kenneth Nail

Womit der Mann im kleinkarierten Hemd und Bürstenschnitt dann auch schon bei dem Thema ist, mit dem er nach seiner Wahl Schlagzeilen machte. Als er hörte, dass New Orleans nach den Fackelmärschen von Rechtsextremisten in Charlottesville seine Konföderierten-Denkmäler entfernen wollte, bot er dem Bürgermeister dort an, den Monumenten ein neues Zuhause zu geben.

Bürgermeister Kenneth Nail mit Fotos seiner Vorfahren.
Thomas Spang
Bürgermeister Kenneth Nail mit Fotos seiner Vorfahren.
 

Und nicht nur diesem. Nail lud alle Kommunen dazu ein, die ihre Denkmäler loswerden wollten, diese nach Hanceville zu schicken. Übrigens nicht zu verwechseln mit „Hanceville Colony“, das so schwarz wie sein Ort blütenweiß ist.

Von ein paar Ausnahmen aus dem Nachbarort abgesehen, fänden die Bürger des Südstaaten-Nests, das Donald Trump mit 87,1 Prozent eines der besten Wahlergebnisse in den USA bescherte, seine Initiative großartig.  Er habe Fan-Post aus allen Teilen der USA bekommen. „Heißt das, das wir die Sklaverei gutheißen? Keinesfalls. Da sind schlimme Sachen passiert“, rechtfertigt er seinen Vorstoß. „Aber wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen“.

Es sei eine Schande, was in den großen Städten des Südens vor sich gehe. „Traurig, fürchterlich, traurig“, sei das angesichts der Gewalt, die Schwarze gegen Schwarze dort jeden Tag aneinander verübten. „Stattdessen diskutieren wir über ein paar Steinstatuen, die wirklich niemandem etwas getan haben“. 

Bürgermeister Nail spricht in Superlativen und Ausrufesätzen, wie Donald Trump, der sich auf eine Koalition aus Landbevölkerung, weißen Evangelikalen, Nationalisten und reaktionären Globalisierungs-Gegnern stützt. Von der Abtreibung über die Steuerreform bis zum Waffenrecht ist Nail hoch zufrieden mit dem ersten Amtsjahr des Präsidenten.  

Natürlich trage er auch selber eine Waffe, verrät Nail, der aus der Schublade eine verschlossene Flasche Whisky und eine Magnum-Revolver zieht. „Die Flasche bitte nicht auf das Foto“, sagt der Baptist, der fundamentalistische Wähler nicht verschrecken will. Wenn er einen Rat an Trump habe, dann diesen: Twittern einstellen und nicht alles rechtfertigen.

Konföderierten-Denkmal im Linn-Park in Birmingham.
Thomas Spang
Konföderierten-Denkmal im Linn-Park in Birmingham.
 

Wie sein Vorbild im Weißen Haus argumentiert der Bürgermeister gerne mit Anekdoten. So sei er kürzlich in Birmingham gewesen und habe dort das mit einem schwarzen Bretterkasten eingehüllte Konföderierten-Denkmal auf dem Linn Place gesehen. „Und wissen Sie was?“, fragt Nail empört. Da habe eine Gruppe Obdachloser herumgelungert, die nicht den Eindruck machte, als ob ihnen das Denkmal sonderlich wehtäte. „Ich würde morgen einen Lkw schicken und es abholen.“

„Wir stehen an der Spitze des Widerstands gegen Trump“

Randall Woodfin

Randall Woodfin (36) wäre damit rundum einverstanden. „Kein Problem, das können wir gerne so machen“, sagt der afro-amerikanische Bürgermeister der knapp 212.000 Einwohner großen Südstaaten-Metropole, der gerade erst gewählt worden ist. Das Denkmal-Problem erbte der charismatische Linkspolitiker von seinen Amtsvorgänger, einem eher traditionellen Demokraten, den er überraschend geschlagen hatte. „Wir warten jetzt erst einmal ab, was der Richter sagt“, meint Woodfin zu dem emotional aufgeladenen Thema, das der Stadt einen Prozess eingetragen hat.

Wenn dieses Denkmal Probleme wie in Charlottesville verursachte, werde er es entfernen lassen. Trotz eines neuen Gesetzes des republikanisch regierten Bundesstaats Alabama, das es Kommunen verbietet, Konföderierten-Monumente abzumontieren. „Wir dürfen keine Angst haben, das Richtige zu tun,“ sagt der am Morehouse College ausgebildete Jurist. Dieselbe schwarze Eliteschule in Atlanta, die einst Martin Luther King besucht hatte.

Der Bürgermeister von Birmingham, Alabama, Randall Woodfin.
Thomas Spang
Der Bürgermeister von Birmingham, Alabama, Randall Woodfin.
 

Fünfzig Jahre nach dessen Tod sei es nicht mehr akzeptabel, „so etwas direkt vor der Nase zu haben“, meint Woodfin, dessen Büro nur einen Steinwurf von dem Denkmal entfernt liegt. Er weiß, dass die meisten dieser Konföderierten-Monumente erst Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg während der Zeit der Restauration errichtet wurden. Als klares Signal an die schwarze Bevölkerung, das mit der Verschärfung der Rassentrennung einher ging.

Was Diskrimierung bedeutet, versteht der junge Hoffnungsträger aus eigener Erfahrung. Der frisch gewählte Bürgermeister wuchs im armen Teil Birminghams in einer Arbeiterfamilie mit acht Personen aus vier Generationen auf. Woodfin zieht andere Lehren aus der Geschichte wie der Trump-nahe Kollege im ländlichen Hanceville. Als Bürgermeister der Stadt, die in den 60er Jahren zu einem nationalen Symbol im Kampf gegen die Rassentrennung geworden war, sieht er sich in der Tradition der Bürgerrechtsbewegung. Das Schüren ethnischer Konflikte sei keine Korrektur von zu viel politischer Korrektheit, sondern zynisches Kalkül.

„Wir stehen an der Spitze des Widerstands gegen Trump“, sagt der junge Stadtvater, der einen Mangel an Anstand beklagt und politische Führung vermisst. Dies habe sich in Alabama bei der Unterstützung des Präsidenten für den Rechtsaußen-Kandidaten Roy Moore gezeigt.  

Der Senats-Bewerber stand nicht nur in dringendem Verdacht, als 30-jähriger Staatsanwalt mehrere minderjährige Mädchen sexuell belästigt oder missbraucht zu haben. Kurz vor den Wahlen äußerte der Republikaner die Ansicht, die letzte große Periode in der Geschichte der USA sei in der Zeit der Sklaverei gewesen. Das sei „eine großartige Zeit“ für Familien gewesen, in der das Land „eine Richtung“ hatte.

„Obama und Trump stehen für die zwei Amerikas.“

Randall Woodfin

Moore verlor im November knapp gegen einen Demokraten, der als Außenseiter angetreten war. „Wenn wir jemanden wie Doug Jones hier wählen können“, sagt Woodfin zu dem ersten Sieg eines Demokraten in Alabama seit Ende der Rassentrennung, „dann geht es überall in den USA“. Erfolgreiche Opposition gegen Trump fange unten an. „Alle Politik ist lokal.“ Die Großstädte im Süden spielten dabei eine Schlüsselrolle.  

„Von Jackson, Mississippi über New Orleans, Louisiana bis hin zu Atlanta, Georgia haben wir überall neue progressive Bürgermeister, die sich als Repräsentanten ihrer Wähler verstehen“. Sie könnten dort, wo sie direkte Kontrolle haben, für soziale Gerechtigkeit arbeiten.

Das Geheimnis seines eigenen Erfolgs, teilt Woodfin mit Trump und Barack Obama. In einem polarisierten Land, in dem oft nicht einmal die Hälfte der Menschen von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen, gewinnt, wer ein paar Prozent Nichtwähler motivieren kann.

„Obama und Trump stehen für die zwei Amerikas“, beobachtet Woodfin. „Auf der einen Seite findet sich Hoffnung, auf der anderen Angst. Und egal wo sie stehen, können Sie damit Leute motivieren, wählen zu gehen, die normalerweise nicht auftauchen.“ 

Während Trump seine Basis im ersten Amtsjahr mit dem Schüren von Rassismus, Fremden-Hass, Muslim-Bann und Eliten-Schelte zusammenschweißte, fehlt den Demokraten auf nationaler Ebene das charismatische Gegenstück. Woodfin lacht auf die Frage, ob er sich einmal im Weißen Haus sehen könne. „Ich freue mich auf meine Aufgabe als Bürgermeister von Birmingham.“

So etwas Ähnliches sagt auch der Gemeindevorsteher von Hanceville. Als dem stolzen Mitglied der „Söhne der Konföderierten“ jemand die Idee antrug, für das Staatsparlament von Alabama zu kandidieren, betete der fromme Nail zu Gott. „Ich habe das Gefühl, an der richtigen Stelle zu sein“, sagt der Baptist bei einem Rundgang durch den Veteranenpark. 

Neben dem Denkmal aus dem Linn Park in Birmingham, mit einer Inschrift für den Präsidenten der Südstaaten, Jefferson Davis, kann er sich entlang des Ententeichs von Hanceville auch eine Statue für den schwarzen Bürgerrechtler Martin Luther King vorstellen.  

Von dem Kollegen in New Orleans habe er bis heute nichts gehört, beschwert sich Nail. „Ich finde das ziemlich respektlos“. Wie er auch von den Bedenken schwarze Bürgerrechtler und Politiker nicht viel hält, die in Frage stellen, welcher Geschichte mit den Konföderierten-Denkmälern eigentlich gedacht werden soll. „Die sollten nicht so vernagelt sein.“  

Zum Abschied drückt der Bürgermeister aus Hanceville seinen Besuchern einen Anstecker in die Hand. „Eine positive und progressive Gemeinde“ steht darauf. Nicht weniger als das verspricht Randall Woodfin für Birmingham. Doch beide meinen etwas gänzlich anderes damit.

Zwischen der Metropole und dem Dorf liegen nur ein paar Meilen, doch kulturell trennen Welten die beiden Amerikas. Nach einem Jahr Trump im Weißen Haus fühlt sich das Land so zerrissen wie auf dem Höhepunkt der Vietnam- und Rassenunruhen Ende der 60er Jahre an. Schwarz gegen Weiß, Arm gegen Reich, Religiöse gegen Säkulare, Protektionisten gegen Globalisierer, Nord gegen Süd – wie ein Bürgerkrieg, in dem nicht geschossen wird. 

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