Inauguration 2017 : Ein Jahr Donald Trump – Die „Veränderten Staaten von Amerika“

Der Leibarzt von Donald Trump befindet den US-Präsidenten für körperlich und geistig fit, er sei nur etwas zu dick.
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Der Leibarzt von Donald Trump befindet den US-Präsidenten für körperlich und geistig fit, er sei nur etwas zu dick.

Trumps Präsidentschaft ist der Selbstausdruck einer Gesellschaft, die ihren Kompass verloren hat, meint Thomas Spang.

shz.de von
20. Januar 2018, 11:42 Uhr

Donald Trump fiel vor einem Jahr nicht vom Himmel. Er mag zwar nicht die absolute Mehrheit der Stimmen erhalten haben – aber er gewann deutlich im Wahlmänner-Kollegium, das nach der amerikanischen Verfassung den Präsidenten wählt. Dass die Russen mit ihrer beispiellosen Einmischung in den demokratischen Prozess der USA nachgeholfen haben, steht außer Frage. Das verleiht Trumps Wahl einen bitteren Beigeschmack und könnte ihm noch zum Verhängnis werden. Die Ermittlungen Robert Muellers hängen wie ein Damoklesschwert über dieser Präsidentschaft.

Trump ist kein Betriebsunfall

Es wäre allerdings zu einfach, alles auf Moskau zu schieben und sich nicht mit den gesellschaftlichen Wurzeln dieser Zäsur zu befassen. So bitter die Erkenntnis auch sein mag: Trump ist kein Betriebsunfall, sondern Selbstausdruck einer zerrissenen Gesellschaft, die über lange Zeit die mit der Globalisierung einhergehenden Verwerfungen ignorierte.

Allen voran haben es die USA versäumt, die Spaltung zwischen Gewinnern und Verlieren, Arm und Reich, Schwarz und Braun, Säkularen und Religiösen, Nord- und Süd sowie Stadt und Land zu überwinden. Dafür hätte es massiver Investitionen in Bildung und Infrastruktur bedurft.

 

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft mit starken Gefällen, deren Mitglieder sich nicht viel zu sagen haben. Amerikaner stehen einander oft sprachlos und voller Hass gegenüber. Zuweilen fühlt es sich an wie in einem Bürgerkrieg, in dem nicht geschossen wird. Genau das reflektiert das politische System, in dem es heute nicht mehr darum geht, Kompromisse zu finden, sondern über die andere Seite zu triumphieren.

Donald Trump steht für den Sieg eines Amerikas, das es immer schon gab, aber stets in der Minderheit war. Dass er nun mit einer Koalition aus weißen Nationalisten, christlichen Fundamentalisten, Isolationisten, Protektionisten und, ja, auch Rassisten, regieren kann, verdankt Trump der geringen Wahlbeteiligung. Ein Kandidat, der mit dem Appell an deren niedersten Instinkte zwei, drei Prozent an Nichtwählern mobilisiert, kann so am Ende mit einer Minderheit eine Mehrheit regieren.

Wer dachte, der Spuk dieses „Horror-Clowns“ sei nach 100 Tagen vorüber, muss sich nach dem ersten Jahr eines Besseren belehren lassen. Trumps selbstherrlicher Stil verschreckt das andere Amerika, kommt aber bei seinen Fans an. Endlich mal einer, der auf den Tisch haut, den Sumpf austrocknet und der Lügenpresse über den Mund fährt. Das „Trump“-Amerika hat genau das bekommen, was es gewählt hat. Einen Außenseiter, der sich nicht schert, was der Rest denkt; weder in den USA noch in der Welt.

Spaltpilz Donald Trump

Im Weißen Haus regiert seit einem Jahr jemand, der systematisch die Justiz umbaut, die freie Presse unterminiert, Steuergeschenke an seine Milliardärs-Freunde verteilt und Frauen- und Minderheitenrechte zurückdreht. Ein chronischer Lügner, dessen Wort nach einem Twitter-Zyklus schon nicht mehr zählt. Donald Trump ist ein Spalter, der im Inneren die Wunde des Rassismus aufgerissen hat, Hass gegen Einwanderer und Flüchtlinge schürt und alle, die nicht für ihn sind, als Feinde betrachtet.

 

Genauso führt sich der National-Chauvinist auf der Weltbühne auf. Statt nach einem Ausgleich zu suchen, sorgt er gezielt für Unfrieden. Er steigt aus dem Pariser Klimaschutz-Abkommen aus, stellt den Atomvertrag mit Iran in Frage, erkennt Jerusalem als Hauptstadt Israels an und streicht den Vereinten Nationen die Mittel.

Die Alliierten in der Nato und Europa lässt er raten, ob sie sich noch auf die USA verlassen können. Während Trump gleichzeitig nichts dabei findet, sich Autokraten wie Wladimir Putin an den Hals zu werfen. Seine Weltsicht ist so amoralisch wie unverbindlich. Die Trump-Doktrin lässt sich auf einen Einzeiler herunter brechen: Gibst du mir, geb ich dir.

Es geht um Schadensbegrenzung

Wer die Schlichtheit dieses transaktionalen Präsidenten mit mangelnder Tatkraft verwechselt, tut dies auf eigene Gefahr. Andere Irrtümer bestehen darin, ihn für bedürftig, belehrbar oder biegbar zu halten. Wie die Schar derer, die bei seiner Wahl besserwisserisch verkündeten, Trump werde sich im Amts schon einhegen lassen.

Zuletzt hieß es, der Bruch mit Bannon stehe für eine Distanzierung Trumps von den weißen Nationalisten. Spätestens seit der „Drecksloch-Affäre“ verlor auch diese Theorie ihre Glaubwürdigkeit.

Wem die transatlantische Werte-Gemeinschaft am Herzen liegt, muss spätestens jetzt nach einer Strategie suchen, die rettet, was noch gerettet werden kann. Um es klar zu sagen: Es geht um Schadensbegrenzung. Die USA sind schon nach einem Jahr Trumps im Weißen Haus ein anderes Land geworden.

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