#MeToo-Debatte : Ein Hashtag verändert die USA

Unter dem Hashtag „#MeToo“ trauen sich immer mehr Opfer sexuellen Missbrauchs, mit ihrer Erfahrung an die Öffentlichkeit zu gehen.

Unter dem Hashtag „#MeToo“ trauen sich immer mehr Opfer sexuellen Missbrauchs, mit ihrer Erfahrung an die Öffentlichkeit zu gehen.

Männliche Machtstrukturen in Hollywood, in den Medien und in der Politik geraten ins Wanken.

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12. November 2017, 10:21 Uhr

Der liberale Komödiant Louis C.K. und der ultrareligiöse Kandidat für den US-Senat in Alabama Roy Moore könnten verschiedener kaum sein. Umso erstaunlicher, dass sich die beiden Männer vergangenen Freitag wegen derselben Vorwürfe auf der öffentlichen Anklagebank wiederfanden: Sexueller Missbrauch von Frauen.   

Die New York Times enthüllte, der Spaßmacher habe sich vor mehreren Frauen ohne deren Zustimmung selbst befriedigt. Louis C.K. gab sein Verhalten zu, entschuldigte sich, verlor seine lukrativen Arrangements bei HBO und musste die Premiere seines Films „I Love You, Daddy“ auf unbestimmte Zeit hin absagen.

Die Washington Post berichtete am selben Tag über schwere Vorwürfe einer heute 53 Jahre alten Frau in Alabama, die von Senats-Kandidat Moore als minderjährige Teenagerin sexuell belästigt worden sein soll. Der Posterjunge der christlichen Rechten tut das als „Fake News“ ab und behauptet, die Kräfte des Bösen hätten ihn mit einer Verschwörung ins Visier genommen.

Zu beiden Fällen ließen sich viele Details hinzufügen. Und beide Männer verdienen faires Gehör. Wie all die Dutzenden anderen mutmaßlichen Täter, die nun von Betroffenen unter dem Hashtag #MeToo ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden.

Beinahe täglich treten Frauen, manchmal auch Männer, vor, die berichten, wie sie von Männern mit Einfluss sexuell drangsaliert, missbraucht und ausgenutzt wurden. Zu Tage kommt eine Unkultur toxischer Maskulinität in den USA, die keinen Unterschied zwischen den politischen Neigungen, religiösen Überzeugungen oder gesellschaftlichen Kreisen erkennen lässt.

„Wer ist der Nächste“ titelte kürzlich die Los Angeles Times über den Strom an Anschuldigungen gegen Produzenten, Regisseure und Schauspieler in Hollywood. In Tinseltown zeigte die Mauer des Schweigens zuerst Brüche als vor mehr als einem Monat "Miramax"-Gründer Harvey Weinstein ins Visier geraten war.

Inzwischen haben mehr als 50 Frauen, darunter Super-Stars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie, schwere Vorwürfe erhoben. Dreizehn sagen, sie seien von dem Produzenten vergewaltigt worden.

Der Weinstein-Effekt stürzte in den Tagen danach Ikonen wie Oscar-Preisträger Kevin Spacey, Produzent Brett Ratner, Regisseur James Toback und Schauspieler Steven Seagal. Auch die ungesühnten Sünden Roman Polanskis und Woody Allens kamen wieder auf den Radar.

Längst zieht #MeToo weitere Kreise. Einflussreiche Journalisten wie Mark Halperin (NBC), Leon Wieseltier (New Republic) und der Nachrichtenchef des öffentlichen Radio-Sender NPR, Michael Oreskes, sahen ihre Karrieren beendet, nachdem Frauen ihr Schweigen brachen.

Auf dem Kapitolhügel drängen Frauen auf mehr Transparenz. Bisher schützen Gesetze die Politiker davor, dass sich die Öffentlichkeit überhaupt nur einen Überblick verschaffen kann, wie viele Fälle von sexuellen Übergriffen im Kongress gemeldet werden.        

Ganz zu schweigen von den Tausenden Frauen, die im Büro, Restaurant oder Friseursalon Opfer ungewollter sexueller Avancen werden. Nach einer US-Regierungsstudie von 2016 erfährt eine von vier Frauen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz.

Die Schriftstellerin Amanda Marcotte spricht von einem Modell der Männlichkeit, „das auf Dominanz und Kontrolle ausgerichtet ist“. Marcotte fragt, warum die Gesellschaft Männer und das Männerbild nicht ernsthaft hinterfrage.     

Die konservative Kolumnistin Katheleen Parker tut genau das. In der Washington Post schlägt sie einen Bogen über ein Vierteljahrhundert von Bill Clintons Affäre mit einer Praktikantin hin zu Amtsinhaber Donald Trump, den mindestens elf Frauen wegen sexueller Übergriffe beschuldigt haben.

Parker sieht ein Zeitalter dem Ende entgegengehen, in dem das, was in den Untergrund verbannt wurde, in Form der #MeToo-Bewegung als Rache zurück kommt. „Wir haben nicht einen Wendepunkt, sondern einen Siedepunkt erreicht“.

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