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„Ein europäisches Drama“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Italien fordert von der EU mehr Hilfe und eine neue Flüchtlingspolitik / Papst warnt vor Gleichgültigkeit

Nach dem größten Flüchtlingsdrama seit Jahren vor der italienischen Küste hat Rom einen Kurswechsel in der Einwanderungspolitik der EU gefordert. „Wir werden laut unsere Stimme in Europa erheben, um die Regeln zu ändern, die die ganze Last der illegalen Einwanderung auf die Länder des ersten Eintritts abwälzen“, sagte Innenminister und Vize-Regierungschef Angelino Alfano. In diesem Jahr seien bereits 30 000 Flüchtlinge nach Italien gekommen.

Am Unglücksort gingen indes die Bergungsarbeiten weiter. 111 Leichen waren bislang aus dem Mittelmeer geborgen worden, Hunderte weitere Tote wurden befürchtet. „Das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Körper im Wrack des gesunkenen Bootes sind“, sagte Alfano. Nur 155 der mindestens 400 Menschen an Bord des Schiffes konnten gerettet werden. Das voll besetzte Boot hatte vor der kleinen Isola dei Conigli bei Lampedusa Feuer gefangen und war gekentert. Flüchtlinge hatten eine Decke angezündet, um Fischerboote auf sich aufmerksam zu machen. Am Morgen erreichte eine Fähre mit Särgen für die Opfer die Insel.

Ein Fischer, der 47 Menschen rettete, schilderte dramatische Szenen: „Hunderte nach oben gestreckte Arme, Menschen, die versuchten, sich mit Plastikflaschen oder Fischkästen über Wasser zu halten, Hilfeschreie“, sagte er. Einige Überlebende erhoben Vorwürfe gegen Fischer, die nicht geholfen hätten. Lampedusas Bürgermeisterin Guisi Nicolini kritisierte die italienischen Gesetze: „Die Fischer sind weitergefahren, weil unser Land schon Prozesse wegen der Förderung illegaler Einwanderung gegen Fischer und Reeder geführt hat, nachdem sie Menschenleben gerettet haben.“ Für gestern hatte Italien einen Tag der Staatstrauer ausgerufen, vielerorts gab es Schweigeminuten. „Heute ist ein Tag des Weinens“, sagte Papst Franziskus. Zugleich warnte er bei einem Besuch im Geburtsort des Heiligen Franz von Assisi vor Gleichgültigkeit gegenüber der Not anderer Menschen.

Staatspräsident Napolitano hatte eine Änderung der Gesetze gefordert. Eine schnelle Überprüfung von Normen, die eine Aufnahmepolitik verhinderten, sei nun notwendig, sagte er. „Das ist ein europäisches Drama“, sagte Innenminister Alfano.

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erstellt am 05.Okt.2013 | 00:35 Uhr

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