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Tod des SPD-Politikers : Egon Bahr: Der Ost-Architekt, mit SH und Dänemark im Rücken

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Egon Bahr prägte den Wandel der bundesdeutschen Ostpolitik und entspannte sich in seinem Wahlkreis an der Flensburger Förde.

shz.de von
erstellt am 21.Aug.2015 | 07:28 Uhr

Berlin | Zu seinem 90. Geburtstag verriet Egon Bahr der „Berliner Morgenpost“, dass er ein „entspanntes Verhältnis“ zum Tod habe. „Die Vorstellung, schmerzlos zu sterben, das ist ein Ziel, das ich noch erreichen will“, sagte er damals. Es war ihm vergönnt. Als er jetzt – drei Jahre später – an Herzversagen starb, war seine zweite Frau Adelheid bei ihm.

Sein großes politisches Ziel hat der Mit-Architekt der von der Regierung Willy Brandt 1969/1970 eingeleiteten neuen Ost- und Deutschlandpolitik ebenfalls erreicht. Im Gespräch mit unserer Zeitung verriet er einmal, dass er „im Traum nie“ an einen solchen Erfolg geglaubt hatte, als er 1963 in der Akademie Tutzing erstmals den Leitgedanken vom „Wandel durch Annäherung“ ansprach. Die propagierte Neuorientierung stieß mitten im Kalten Krieg auf Misstrauen. Was, wenn sich Willy Brandt und Egon Bahr von Moskau und Ost-Berlin über den Tisch ziehen lassen und deutsche Interessen verraten? Die Geister schieden sich, zumal sich in der westdeutschen Linken die Forderungen mehrten, das Ziel einer Wiedervereinigung abzuschreiben und die DDR als souveränen Staat anzuerkennen.

Egon Bahr konnte bis zuletzt verschmitzt gucken, wenn man ihm mit kritischen Fragen begegnete. Mit offener Kritik hatte er kein Problem; er hatte Nehmerqualitäten. Geärgert hat ihn Heuchelei. So hatte er Tränen in den Augen, als Willy Brand am 7. Mai 1974 wegen der Guillaume-Affäre seinen Rücktritt als Kanzler bekannt gab. Er, der knallharte deutsche Unterhändler, der 1970 im Kreml den Entspannungsvertrag mit der Sowjetunion ausgehandelt hatte, weinte! Kameras hielten das fest. Doch was erklärte Bahr später? Er habe über die Heuchelei des damaligen SPD-Fraktionschefs Herbert Wehner heulen müssen, der als Widersacher Willy Brandts bei dessen Rücktritt scheinheilig gerufen habe „Willy, Du weißt, wir alle lieben Dich.“

Das war der typische, schlitzohrige Bahr: Wehner bekam einen mit, er selbst rückte sein Image wieder gerade – Politiker durch und durch, und höchstens dann aus der Fassung zu bringen, wenn es den besten Freund trifft.

Am 18. März 1922 in Treffurt (Thüringen) geboren, arbeitete er nach dem Krieg zunächst als Journalist. 1956 trat er in die SPD ein. 1959 wurde er zum ständigen Wegbegleiter Willy Brandts, zunächst bis 1966 als Sprecher des damaligen Regierenden Bürgermeisters in Berlin. Dann ging er mit Brandt, der in der ersten großen Koalition in Bonn Vizekanzler und Außenminister geworden war, ins Auswärtige Amt. 1969 dann der SPD-Sieg bei der Bundestagswahl. Brandt wurde Kanzler, Bahr zunächst Staatssekretär im Bundeskanzleramt. Als Vordenker der neuen Ostpolitik und Verfechter einer „Politik der kleinen Schritte“ handelte er nach dem Moskauer Vertrag den Warschauer Vertrag, das Transitabkommen und schließlich mit Ost-Berlin den Grundlagenvertrag aus.

„Wandel durch Annäherung“ war sein Ziel, und die Geschichte gab ihm recht. Seine Politik habe „den Lauf der Geschichte verändert und die deutsche und europäische Einigung erst möglich gemacht“, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier zum Tode Egon Bahrs. Bundespräsident Joachim Gauck würdigte seinen langen Lebensweg mit dem Hinweis, dass er das Verhältnis zur DDR, zur Sowjetunion und zu den übrigen Ländern des Warschauer Paktes gestaltet und geprägt habe. Das sozialdemokratische Urgestein, das stets ein Pfeifentäschchen bei sich trug, hätte solche Würdigungen fröhlich qualmend ertragen. Als einer der wenigen galt das Rauchverbot für ihn in der Berliner SPD-Zentrale nicht.

Er war durch und durch Politiker und kein Familienmensch, bedauerte jüngst sein Sohn Wolfgang. Das erinnert an die Kritik des Helmut Kohl-Sohnes, der ebenfalls die persönliche Kälte des Vaters beklagte. Allerdings schildern Parteifreunde im Norden, wie Egon Bahr neben der „großen Politik“ stets ein offenes Ohr hatte, wenn ihm aus seinem Wahlkreis Flensburg-Schleswig Bitten angetragen wurden. 1976 und 1980 wurde er hier zweimal direkt in den Bundestag gewählt. Nach dem Rücktritt Willy Brandts als Kanzler – er diente ihm zuletzt als Bundesminister für besondere Aufgaben – wurde er auch von Helmut Schmidt ins Kabinett berufen. Von 1974 bis 1976 führte er das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Mancher Werftauftrag ging damals mit seiner Hilfe in den Norden. 1990 schied er aus dem Bundestag aus.

„Er war für uns immer erreichbar“, erinnert sich Gert Roßberg, der ihn als Bundestagskandidat in den Wahlkreis I geholt hatte. Roßberg war damals SPD-Kreisvorsitzender in Flensburg. Er griff zu, als Bahr Interesse für den Norden zeigte, während zuvor die SPD in Nordfriesland abgewunken hatte. Man bevorzugte einen anderen.

Bahr fühlte sich in seinem Wahlkreis wohl. Er kaufte sich eine Kate an der Flensburger Förde und baute sich einen Kamin ein. „Mit dem rauche ich um die Wette“, verriet er. Und schob, wieder ganz Außen- und Sicherheitspolitiker, nach, dass er auch deshalb gern „hier oben“ entspanne, weil auf der anderen Seite der Förde Dänemark liege. „Von der Seite habe ich nichts zu befürchten“, sagte er.

Seinen politischen Elan behielt er bis zuletzt. Noch vor vier Wochen reiste er nach Moskau, um im Gespräch mit dem Ex-Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow in der Ukraine-Krise für sein altes, ewiges Thema zu werben – Wandel durch Annäherung. Die Mission hat er erfüllt.

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