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eCall – Lebensretter und Spion

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

shz.de von
erstellt am 15.Apr.2014 | 12:07 Uhr

Stürzt ein Flugzeug ab oder sinkt ein Schiff, wird gesucht. Nicht nur nach Überlebenden, sondern nach der berühmten Black Box. Eine Art Fahrtenschreiber, der technische Parameter und den Funkverkehr speichert und Aufschluss über den Unfallhergang geben soll. Solche Boxen sollen ab 2015 auch in Neuwagen zur Pflicht werden – egal, ob der Autofahrer das will oder nicht.

Offizielle Begründung: Das hilft Leben retten. Komme ein Auto auf einsamer Landstraße von der Fahrbahn ab und lande im Graben, werde es häufig zu spät gefunden. Das Ortungssystem „eCall“ (emergency call – Notruf) soll automatisch Hilfe rufen und damit EU-weit bis zu 2500 Menschen eine Überlebenschance geben.

Experten befürchten jedoch, dass vor allem eines unter die Räder kommt: der Datenschutz. Das Auto mutiert „zum rollenden Smartphone“, warnt nicht nur Schleswig-Holsteins Datenschützer Thilo Weichert. Die Entwicklung ist kaum noch aufzuhalten, denn dahinter stecken handfeste wirtschaftliche Interessen. Bislang geht man zwar offiziell davon aus, dass eCall auf Basis der Notrufnummer 112 funktioniert. Wird ein Airbag aktiviert oder ein bestimmter Neigungswinkel überschritten, übermittelt das System Standort und Fahrtrichtung des Autos an die Zentrale. Doch das Gerangel, wer Zugriff auf diese Daten bekommt, hat längst begonnen. Weicherts Stuttgarter Kollege Jörg Klingbeil bezeichnet eCall als „Einfallstor für weitere Telematikanwendungen“ im Auto. Er sieht schon den „gläsernen Fahrer“ am Lenkrad, mit dem Spion auf dem Beifahrersitz. Der ACE Auto Club Europa fürchtet gar, „dass Autofahrer klammheimlich eine Art von NSA-Wanzen untergejubelt bekommen“ und fragt, wer die von Bordcomputern gespeicherten Daten nutzen darf.

Im Prinzip handelt es sich dabei um eine Vorratsdatenspeicherung im Kfz-Bereich. Die wird teilweise mit Billigung der Kfz- Halter vollzogen. Schon heute sammeln etliche Bürger eifrig Punkte. Nicht etwa in der Flensburger Verkehrssünderdatei, sondern bei ihrem Versicherer – der Direktversicherung der Sparkassen. Die bieten seit Januar einen Telematik-Tarif an. Während der Fahrt verschickt eine Box – groß wie eine Zigarettenschachtel – alle 20 Sekunden Daten aus dem Auto: Fahrstrecken und Geschwindigkeit, Vollbremsungen, Kavalierstarts, Tempoverstöße. Ähnlich wie bei der Schufa wird daraus eine Note (Score) ermittelt. Schneidet der Fahrer gut ab und hat genug Punkte gesammelt, reduziert sich seine Versicherungsprämie im Folgejahr um fünf Prozent.

Doch der Rabatt wiegt die Nachteile kaum auf: Der Versicherte zahlt nämlich mit Daten, die nicht nur Polizei, Versicherungen, Pannendienste und das Finanzamt (War der Ehemann auf dem Weg zur Arbeit oder zur Geliebten?) interessieren. „Hallo, Ihre Bremsscheiben müssen erneuert werden. Unsere Werkstatt ist in der Nähe, fahren Sie bitte rechts ab“ . Oder: „In 1000 Metern wartet Ihre Lieblings-Big-Mac-Filiale auf Sie.“ Solche Durchsagen halten Experten schon bald für möglich.

Dabei sind viele Autos schon heute echte Datenkraken. Ist der Gurt angelegt? Das registriert das Gurtschloss. Sitzt ein Kind auf dem Beifahrersitz? Das merkt ein Sensor im Polster. Das Airbagsystem registriert, ob der Fahrer Gas gibt oder bremst und das Stabilitätsprogramm ESP misst das Tempo an jedem Rad, Drehzahl und Motorlast, die Beschleunigung in alle Richtungen, den Lenkwinkel und sie merken, wenn das Auto schleudert. Die Hersteller können diese Daten in der Werkstatt auslesen. Ob sie das tun und wie oft, davon erfahren Autohalter nichts – obwohl das Datenschutzgesetz für die Erhebung personenbezogener Daten ihre Zustimmung verlangt.

Selbst Juristen weisen auf Pferdefüße des vernetzten, klugen Autos hin. Ein Fahrer muss sich nach dem Rechtsstaatsprinzip als möglicher Unfallverursacher zwar nicht selbst belasten. Wenn die Behörden aber an Fahrdaten gelangen, wird ihm das nicht viel nützen. „Im Zweifelsfall kann das Auto dann zum Zeugen gegen den Fahrer werden“, befürchtet der Präsident des Verkehrsgerichtstages, Kay Nehm. „Die Begehrlichkeiten werden zunehmen“, prophezeit auch Weichert und verweist auf das Lkw-Mautsystem. Längst habe die Polizei Anspruch auf die Nutzung der Mautdaten erhoben.

Doch das schreckt die Mehrzahl der Deutschen nicht ab: Eine aktuelle Umfrage zeigt, 80 Prozent sind für die gesetzliche Einführung von eCall in allen Neuwagen ab 2015 – wohl weil sie glauben, dass es auch in Brüssel nur Gutmenschen gibt, die sich von Lobbyisten nicht vereinnahmen lassen. Hoffentlich ist das nicht ein großer Irrtum.

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