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Ehrendoktor für Schavan : Dr. h.c. – die süße Droge

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Umstrittene Ehrung für Anette Schavan – sie hätte „Nein, Danke“ sagen sollen. Ein Kommentar von Erich Maletzke.

shz.de von
erstellt am 12.Apr.2014 | 07:30 Uhr

Wer etwas Außergewöhnliches leistet, dem steht eine Belohnung zu. Mal ist es nur ein Blumenstrauß, oft sogar eine Gehaltserhöhung oder ein Orden. Staatsmänner – nie Frauen – oder Feldherren erhielten vom obersten Herrscher ein wirklich tolles Geschenk. Der Eiserne Kanzler Bismarck zum Beispiel bekam ein Landgut.

Eine beliebte Auszeichnung war schon immer ein Titel. Die zur Verfügung stehende Palette war ebenso wohlklingend wie reichhaltig. Fürst, Baron, Großherzog, Graf, von und zu. Für den Herrscher war dies die billigste Form der Ehrung, und für die Ausgezeichneten waren sie mehr wert als jede materielle Gabe.

Mit dem Siegeszug der Demokratie haben sich die Möglichkeiten der Mächtigen, verdiente Untergebene durch Ehrungen aus der Masse der Mitbürger herauszuheben, deutlich verschlechtert. Zwar gibt es noch eine eindrucksvolle Ordens-Skala, aber im täglichen Leben sind die kleinen und großen Verdienstmedaillen wenig gewinnbringend. Wer auf seiner Visitenkarte vermerkt, dass er Träger des Bundesverdienstkreuzes ist, erntet damit mehr Spott als Ansehen. Ein akademischer Titel dagegen verbreitet Respekt. Lässt sich sogar am Türschild und im Telefonbuch unterbringen, bringt auch noch immer Vorteile beim Besteigen der beruflichen Karriereleiter. Wer seinen Titel ehrlich und mühsam erworben hat, was wohl wirklich die Regel ist, dem sei die optische Aufwertung des Namenszuges vergönnt.

Etwas ganz anderes ist es mit dem von Hochschulen verliehenen Ehrendoktor-Titel, wie ihn nun die ehemalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan erhalten hat. Sozusagen als Ersatz für den ihr jüngst verloren gegangenen echten beziehungsweise nicht ganz echten Doktor. Man kann daher wohl von einem Trostpflaster sprechen.

Zugegeben, die Ex-Ministerin hat sich um die Rettung der Lübecker Universität verdient gemacht. Allerdings nur durch einen Verfahrenstrick, bei dem kein Geld eingespart, aber das Ansehen der damaligen, vom Parteifreund Peter Harry Carstensen geführten Kieler Landesregierung kräftig aufpoliert wurde. Es spricht auch nicht gerade von einem guten Gewissen, wenn sich Geber und Empfänger zwei Jahre lang zierten, ehe sie die Verleihungsurkunde austauschten. Es hätte der Ex-Ministerin gut zu Gesicht gestanden, wenn sie gesagt hätte: Schickt mir die Urkunde per Post, ich freue mich und dann ist gut. Aber sie legte offensichtlich Wert auf eine öffentliche Verleihungsfeier mit dem üblichen akademischen Pomp. Damit machte Annette Schavan deutlich, wie sehr ihr an dem neuen Titel liegt, gibt damit gleichzeitig eine Erklärung dafür, warum sie die Aberkennung des echten akademischen Grades durch fast alle juristischen Instanzen zu verhindern suchte. Gegen gute Ratschläge, ihre Jugendsünden anzuerkennen, ist sie einfach immun.

In Hamburg ist es guter Brauch, dass zur Ehrung anstehende Prominente jeden Orden kategorisch ablehnen. Wie es Siegfried Lenz einmal formulierte, würde er eine entsprechende Auszeichnung nur annehmen, wenn er jemanden aus der Elbe gerettet hätte. Helmut Schmidt sieht es ähnlich. Ganz gefeit ist aber auch er nicht gegen die süße Droge „Dr. h.c.“, auch wenn er sie nicht zur Verlängerung seiner Visitenkarte nutzt.

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