„State-of-the-Union“-Rede : Donald Trump: Unbeliebtester Präsident der Geschichte tritt vor die Nation

Mit knapp über 38 Prozent Zustimmung liegt der Populist mehr als zehn Punkte hinter Clinton, der mit etwas mehr als 49 Prozent den bisherigen Negativrekord hält.
Foto:
Mit knapp über 38 Prozent Zustimmung liegt der Populist mehr als zehn Punkte hinter Clinton, der mit etwas mehr als 49 Prozent den bisherigen Negativrekord hält.

Donald Trump tritt bei seiner „State-of-the-Union“-Rede vor eine Nation, die gespaltener ist denn je. Der Präsident selber hat viel dazu beigetragen.

shz.de von
29. Januar 2018, 06:55 Uhr

Einen Superlativ wird Präsident Trump in der live übertragenen Rede vor beiden Häusern des Kongresses am Dienstag nicht erwähnen: Seine jeden Rekord brechende Unbeliebtheit. Seit die Meinungsforscher von Gallup die Amerikaner 1945 erstmals nach ihrer Zufriedenheit mit der Amtsführung ihres Präsidenten befragten, stieß keiner nach dem ersten Jahr im Weißen Haus auf so viel Ablehnung wie Trump.

Mit knapp über 38 Prozent Zustimmung liegt der Populist mehr als zehn Punkte hinter Clinton, der mit etwas mehr als 49 Prozent den bisherigen Negativrekord hält. Experten sagen, dies sei bedeutsam, weil Präsidenten nach ihrer Wahl in der Regel erst einmal eine „Honeymoon“-Periode haben.

Das stellte sich bei Trump anders dar. Er startete schon im Negativbereich bei 45 Prozent und verlor kontinuierlich über die Zeit. Obwohl er nicht müde wird, den wirtschaftlichen Aufschwung im zurückliegenden Jahr als Ergebnis seiner Politik heraus zu posaunen, sehen die Amerikaner diesen mehrheitlich als Verdienst seines Vorgängers.

Amerikaner rechnen Wirtschaftsaufschwung Obama an

In einer Umfrage der Washington Post und des Fernsehsenders ABC sagen nur 38 Prozent, Wachstum, Vollbeschäftigung und boomende Aktienmärkte seien Trumps Verdienst. 50 Prozent schreiben die guten Nachrichten direkt Barack Obama zu, der 2008 von George W. Bush eine Wirtschaft am Rande der Depression geerbt hatte.

Ein Jahr nach dem der 45. Präsident bei seiner Rede zur Amtseinführung das Land in den düstersten Farben als „American Carnage“ gezeichnet und eine „Amerika First“-Politik versprochen hatte, will er am Dienstag bei seiner Rede zur Lage der Nation nicht minder plakativ ein „Comeback“ beschwören.

Einen Vorgeschmack twittert Trump kürzlich heraus. „Ein Rekord-Aktienmarkt, starke Bilanz beim Militär, Verbrechensbekämpfung, Grenze & ISIS“, lobte der Präsident sich selber und fügte noch ein paar weitere Errungenschaften aus seiner Sicht hinzu. „Richterernennungen, niedrigste Arbeitslosigkeit bei Frauen & ALLEN, massive Steuerkürzungen, Ende der Krankenversicherungspflicht - und so viel mehr. Großes 2018!“

Dank den Redeschreiber-Künsten seines Wirtschaftsberaters Gary Cohn hatte Trump vergangenen Freitag diese Botschaft den in Davos versammelten Wirtschaft-Eliten etwas geschliffener überbracht. Die vollständig vom Tele-Prompter abgelesene Rede ließ Trump für einen Moment wie einen „gewöhnlichen US-Präsidenten“ erscheinen.

An diesem Dienstag greift Trump auf einen anderen Ghostwriter zurück, der in der Vergangenheit für die düsteren Botschaften zuständig war. Stephen Millers Aufgabe besteht nun darin, einen Dreh zu finden, den großen Moment vor den Augen der Nation zu nutzen, die Amerikaner davon zu überzeugen, ihr Präsident habe eine Agenda, die Anlass für Optimismus gebe.

Michael Waldman, der früher Reden für Bill Clinton schrieb, und heute Direktor des „Brennan Center for Justice“ an der „New York University Law School“ ist, meint, Trump habe ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. „Jede weiß, dass der Teleprompter-Trump wie ein normaler Präsident klingen kann und der Twitter-Trump das dann zunichte macht.“

Wenig Inhalt der Rede vorab bekannt

Im Unterschied zu früheren „State-of-the-Union“-Reden sickerten diesmal im Vorfeld wenige inhaltliche Details an die Medien durch. Trump werde unter anderen über die Wirtschaft, Einwanderung und Nordkorea sprechen, hieß es. Darüber hinaus ziele die Rede darauf ab, die nationalistische Botschaft des Präsidenten zu verstärken. „Eine Rede, die mit unseren amerikanischen Werten räsoniert und die uns mit Patriotismus vereint.“

Der frühere Speaker des Kongresses und inoffizielle Berater des Präsidenten, Newt Gingrich, hofft, Trump werde einen optimistischen Ton setzten. „Er sollte eine Reihe an Vorschlägen unterbreiten, die uns als Land zusammenbringen.“

Jennifer Palmieri, die unter Clinton und Obama im Weißen Haus tätig war, sagt, die „State of the Union“ sei ein Werkzeug, das Präsidenten helfe, ihre Regierung auf den Kurs für das kommende Jahr einzuschwören. „Ich zweifele, dass er es nutzen kann“, zeigt Palmieri sich skeptisch. „Ich kann in dieser Regierung keine Leitidee erkennen.“

In jedem Fall steht für Trump einiges auf dem Spiel, wenn er an diesem Dienstag zu seinen Landsleuten spricht. Denn im November stehen Kongresswahlen an, bei denen seiner Partei nach Stand der Dinge eine schmerzhafte Niederlage, vielleicht sogar der Verlust der Mehrheit in einem oder beiden Häusern des Kongresses droht. Ein unbeliebter Präsident erwiese sich als nicht besonders hilfreich.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen