Beben an den Börsen : Donald Trump: Schwärmerei beim Boom, Schweigen beim Crash

<p>US-Präsident Donald Trump schätzte seinen wirtschaftlichen Einfluss bislang hoch ein.</p>
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US-Präsident Donald Trump schätzte seinen wirtschaftlichen Einfluss bislang hoch ein.

Donald Trump schrieb den Boom an den Aktienmärkten seiner Präsidentschaft zu. Jetzt lernt er die Kehrseite kennen und wirft den Demokraten Verrat vor.

shz.de von
06. Februar 2018, 17:20 Uhr

Washington | Bei seiner ersten Rede zur Lage der Nation konnte US-Präsident Donald Trump der Versuchung nicht widerstehen. Seit seinem Amtsantritt seien die Börsenkurse in immer neue Höhen geklettert. „Der Aktienmarkt hat einen Rekord nach dem anderen gebrochen, mehr als acht Billionen (engl. Trillion) Dollar an Wert gewonnen.“ In mehr als 60 Tweets pries er seine Politik als Impulsgeber für das Börsenwunder.

Am Montag fügte der Dow Jones einen neuen Rekord hinzu. Nie zuvor fiel der Leitindex der US-Aktienmärkte an einem Tag um so viele Punkte wie an diesem. Zeitweise büßte er mehr als 1600 Punkte ein. Die Algorithmen der Handelsrechner schlugen wilde Kapriolen. Am Ende verlor der Dow Jones 1175 Punkte oder 4,6 Prozent, erholte sich am Dienstag aber wieder. Die Investoren hatten die Nerven behalten. Nach einem weiteren Absturz hatten Käufe eingesetzt, die den Index kurzfristig sogar in den grünen Bereich trieben, um 16.30 Uhr MEZ stand der Dow Jones mit -113,50 Punkten im Minus, während DAX und NIKKEI 225 etwas zulegten.

Trump erwähnte den „Flash Crash“, die Turbulenzen an der Wall Street, nicht mit einem einzigen Wort, als er vor der Belegschaft des Hydraulik-Herstellers „Sheffer Corporation“ in Ohio seine Erfolge in der Wirtschaftspolitik feierte. „Eure Lohntüten wachsen enorm an, während Eure Steuern enorm sinken“, postulierte der Präsident.

Trump windet sich raus

Wer Trumps Rede auf einem Kanal der Nachrichtensender verfolgte, realisierte über den geteilten Bildschirm, wie sehr die seine Botschaft außer Tritt mit den Realitäten an den Märkten war. Hier der selbstgefällige Auftritt des Präsidenten, da die steil abfallenden Kurslinien und rote Alarmbanner wie „Dow stürzt ab“.

 

Der ehemalige Sprecher Barack Obamas, James Carney, erinnerte daran, dass Trumps Amtsvorgänger nicht ein einziges Mal die Entwicklung an den Aktienmärkten kommentiert hatte. Obwohl unter Obamas Zuständigkeit der DOW stärker wuchs als unter Trump und seinen Wert mehr als verdoppeln konnte. „Erstens ist der Aktienmarkt nicht die Wirtschaft“, erklärt Carney die Zurückhaltung. „Und zweitens sind Sie für den Absturz verantwortlich, wenn Sie sich den Anstieg zuschreiben.“

Letzteres versucht Trump zu ignorieren. Als hätte er nicht mehr als fünf Dutzend mal auf Twitter den „Trump Bump“ an den Märkten für sich persönlich in Anspruch genommen. Oder zuletzt in Davos mit vollen Backen hinausposaunt, dass seit seiner Wahl „der Markt einen Rekord nach dem anderen bricht.“

Trump sieht Verrat

Statt nun auch für den schwärzesten aller Montag seit dem August 2011, als die Märkte wegen einer Haushaltskrise in den USA absackten, einzustehen, griff er in Ohio die Demokraten an. Diese hätten während seiner Rede zur Lage der Nation nicht genügend Begeisterung gezeigt, beschwerte sich Trump vor der Belegschaft. 

„Können wir das nicht Verrat nennen“, fragte der Präsident rhetorisch zu den eisigen Reaktionen, die er während der „State of the Union“ erhielt. „Warum nicht? Ich denke, sie sahen mindestens so aus als ob sie ihr Land nicht besonders liebten.“

Die Führerin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, feuerte scharf zurück. „Während der DOW unter seiner Zuständigkeit auf Sturzflug geht, erreichte der Präsident mit seinem irreführenden Steuerbetrugs-Geschwafel ein Allzeit-Tief.“

Nicht verloren ging unter Beobachtern die Ironie, dass die Korrektur an den Aktienmärkten am Tag Trumps Rede zur Lage der Nation begann. Seitdem fiel der Aktienindex kontinuierlich und schloß vergangenen Freitag mit einem „teuflischen“ Minus von 666 Punkten. Nüchterne Marktbeobachter halten wenig davon, die Entwicklungen an den Börsen im Positiven wie im Negativen der Politik zuzuschreiben. Stattdessen gibt es handfeste Erklärungen für die Verluste der vergangenen Tage.

Unsicherheit über Zinsentwicklung

Im Vordergrund stünde dabei die Unsicherheit der Anleger mit Blick auf die Entwicklung der Zinsen. Investoren an den Aktienmärkten fürchten einen Anstieg so sehr wie Schneemänner den Anstieg der Temperaturen. Damit einher gehen Ängste vor Inflation und Teuerung, die die Gewinne der Unternehmen verringern.

Die Nervosität lässt sich an Donald Trumps neuem Chef der Federal Reserve Bank, Jerome Powell, festmachen, der vergangenen Freitag das Amt von der bisherigen FED-Chefin Janet Yellen übernahm. Während Yellen als verlässliche Größe galt, die mit den Marktteilnehmern klar kommunizierte, gilt Powell als unbekannte Größe. Als er am Montag, dem Tag des „Flash Crashs“, seinen Amtseid ablegte, verkündete er schwammig, seine Kollegen und er blieben wachsam. „Wir werden auf sich abzeichnende Risiken reagieren.“

Die fundamentalen Wirtschafts-Daten verheißen bisher nichts anders als weiteres Wachstum. Niedrige Arbeitslosigkeit, steigende Löhne und Konsumfreude bei den Verbrauchern liefern jedenfalls wenig Anlass zur Sorge. Zumal die US-Wirtschaft nicht alleine wächst. Lauft IWF legten 2017 rund 120 Volkswirtschaften weltweit zu. Und die in der Europäischen Union wuchsen mit 2,5 Prozent sogar um 0,2 Prozent mehr als die in den USA.

Ein Kommentar von Thomas J. Spang:

Donald Trump kann weder etwas für den Boom an den Aktienmärkten, noch für dessen Absturz. Aber er ist rundherum verantwortlich für den Ton, den er im politischen Diskurs der USA setzt.

Bei seiner Rede vor der Belegschaft eines mittelständischen Unternehmens in Ohio erreichte Trump das Allzeit-Tief seiner Präsidentschaft. Wie ein pikierter Autokrat hält er der Opposition „Verrat"“ or, weil diese seine Rede zur Lage der Nation nicht genügend beklatscht hatte.

„Verrat“ ist ein starkes Wort, weil „Verräter“ vor Gericht gehören. Dabei handelte es sich beispielsweise um Personen, die beim Angriff auf die Demokratie in Amerika mit Russland gemeinsame Sache gemacht haben.

Eine andere Meinung zu vertreten, ist dagegen das Gegenteil von Verrat. Es ist der Stoff, aus dem Demokratien leben und sich erneuern. Dass Trump fehlende Begeisterung für seine als weithin teilend empfundene „State of the Union“ als „Verrat“ charakterisiert, zeigt einmal mehr, wer uramerikanische Werte wirklich in Frage stellt.

Glücklicherweise gibt es in den USA nicht die Tradition, dass der Kongress seinem Präsidenten zujubeln muss. Selbst wenn dieser glaubt, er habe nicht weniger als dies verdient.

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