Interview mit US-Korrespondent : „Donald Trump hätte niemals Präsident werden dürfen“

<p>„Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt', sagt US-Korrespondent Thomas Spang über Donald Trump.</p>
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„Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt", sagt US-Korrespondent Thomas Spang über Donald Trump.

Dass man sich heute nach den Tagen George W. Bushs zurücksehnt, beschreibt, was sich verändert hat – sagt Thomas Spang.

shz.de von
15. Januar 2018, 21:58 Uhr

Knapp ein Jahr ist es her, dass Donald Trump als 45. Präsident der USA vereidigt wurde. Der 71-Jährige sorgt seither fast täglich für Aufsehen in seinem Amt. shz.de hat mit US-Korrespondent Thomas Spang gesprochen, wie Trump die USA tief gespalten, die Beziehungen zu anderen Staaten binnen eines Jahres umgekrempelt hat und warum nur ein starkes Europa den US-Präsidenten in Schach halten kann.

Ein Jahr US-Präsident Donald Trump – Herr Spang, wie fällt Ihr Urteil dazu aus?

Die schlimmsten Befürchtungen haben sich bestätigt. Donald Trump hätte niemals Präsident werden dürfen. Er ist charakterlich und intellektuell überfordert mit dem Amt. Die Frage ist nicht, ob er als Präsident scheitern wird, sondern wie viel Schaden er bis dahin anrichten kann.

„We're going to make America great again!“, so lautete eines der vielen Trump‘schen Wahlversprechen. Wie „großartig“ ist Amerika seit seiner Amtseinführung wieder geworden? In der nationalen, aber auch in der internationalen Wahrnehmung?

Die Supermacht befindet sich nach einem Jahr Trump auf dem absteigenden Ast. Innerlich ist das Land tiefer gespalten denn je. Militärisch bleiben die USA international zwar die stärkste Kraft, sind aber als politische Führungsmacht des Westens abgetreten. Es ist nur schwer zu sehen, wie dieser dramatische Ansehenssverlust die USA großartig macht.

Bau einer Mauer zu Mexiko, Reform des Gesundheitssystems Obamacare, Einreisestopp für Muslime: Auch diese Projekte waren Teil seines politischen Versprechens. Stand heute konnte keines anhaltend umgesetzt werden, außer jüngst seine Steuerreform. Welche „Erfolge“ kann der US-amerikanische Präsident dann überhaupt vorweisen?

Die Steuerreform ist aus Sicht des Präsidenten ein großer Erfolg. Kann jemand hat mit einem solchen Tempo bei der Durchsetzung im Kongress gerechnet. Darüber hinaus baut Trump die Justiz systematisch um und hat mit seinen Exekutivbefehlen viele Herzensanliegen der politischen Rechten in den USA durchgesetzt. Er ist aus dem Klimaabkommen ausgestiegen, hat den Vereinten Nationen die Mittel gekürzt, ist aus dem Atomabkommen mit Iran ausgeschert und hat Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt. Aus seiner Sicht sind das vorzeigbare Erfolge.

Wenn Sie den Präsidenten charakterisieren sollten, welche drei Attribute würden Sie ihm zuschreiben? Warum gerade diese?

Narzisstisch, Überfordert und unehrlich. Das sind die drei Eigenschaften, die ihn für die USA und die Welt so gefährlich machen.

Herr Spang, Sie leben seit den 1990er Jahren in den USA und sind seit 1999 für diverse deutsche Tageszeitungen als US-Korrespondent tätig. Wie haben Sie die politische Stimmung im Land in den vergangenen rund 20 Jahren – und explizit vor der Wahl Trumps zum Präsidenten – empfunden?

Die Wahl Donald Trumps war ohne jede Frage eine Zäsur. Dieser Präsident fällt aus dem Rahmen, in dem sich alle seine Vorgänger seit dem Zweiten Weltkrieg bewegt haben. Dass wir uns heute nach den Tagen George W. Bush's zurück sehnen, beschreibt was sich verändert hat. Dies ist nicht mehr das Amerika, in das ich 1999 gezogen bin.

Wie empfinden Sie dieses heute?

Ich bin zunehmend skeptisch, ob die amerikanische Gesellschaft ihre mit der Wahl Trumps offen zu Tage getretenen Konflikte und Widersprüche aushalten kann. In den USA leben heute zwei Nationen bestenfalls nebeneinander her. Trump tut seinerseits alles, diese Spaltung zu vertiefen.

Zahlreiche Kritiker auf der einen Seite, zahlreiche Unterstützer auf der anderen Seite: Donald Trump ist ein Mensch, der polarisiert. Wer gehört heute noch zu den Befürwortern des Präsidenten?

Die Befürworter Trumps finden sich generell im ländlichen Amerika und unter den evangelikalen Christen. Die Bevölkerung in den Ballungszentren der Küsten sowie der Großstädte sind dagegen die Hochburgen der Kritiker des Präsidenten.

Donald Trump ist Immobilien-Milliardär und macht vor allem Politik für die Seinen. Dennoch stammen seine Anhänger vor allem aus der Mittel- und Unterschicht. Wie erklären Sie sich diese Diskrepanz?

Trump verbindet ein kulturelles Band mit seinen Anhängern. Er teilt mit diesen das Gefühl, dass Amerika nicht mehr ist, was ist einmal war. Und er sieht sich als Opfer. Ein typisches Phänomen für rechte Bewegungen. Ein Bindeglied sind auch die Zeit Ressentiments gegen Fremde und Fremdes. Sicher spielt dabei auch Rassismus eine Rolle.

Beleidigungen, Regelverstöße, Hinwegsetzen über Traditionen: Die Liste der Trump’schen Tabubrüche ist lang – national wie international. Dennoch hat sich der 71-Jährige bislang auf dem Präsidentenstuhl halten können. Was müsste passieren, um ihn des Amtes zu entheben?

Trump war der Frankenstein-Kandidat der Republikanischen Partei. Deren Führer haben über Jahre erlaubt, die Partei zu einem Sammelbecken der Rechten zu machen. Mit deren Hilfe ist Trump an die Macht gekommen und zerstört nun die traditionelle Partei. Für eine Amtsenthebung müssten sich die Dinge bei den US-Konservativen dramatisch verändern. Danach sieht leider nichts aus. Trump hat seine Partei zum jetzigen Zeitpunkt voll unter Kontrolle.

Trump versteht es wie kaum ein anderer Politiker dieser Welt, sich als Opfer der Eliten darzustellen. Wie gelingt es ihm, seine Anhänger bei Stange zu halten?

Der Opfer-Kult ist die Zauberformel alle rechten Bewegungen. Trump macht da keine Ausnahme. Die Nation und sich selber als Opfer zu sehen, bringt ihn und seine Anhänger in die Position, sich als Vollstrecker einer gerechten Sache darzustellen. Selbst wenn es sich dabei um blanken Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung handelt.

Twitter ist eine der bevorzugten Kommunikationsplattformen Trumps. Hier poltert er scheinbar zügellos umher, auch Provokationen gehören zu seinen täglichen Tweets. Wie ernst muss man diese nehmen? Oder ist das mehr oder weniger heiße Luft?

Radikale Bewegungen verstehen oft schneller die Wirkkraft neuer Medien als die etablierten Parteien. Das war in den dreißiger Jahren so, als die Nationalsozialisten das neue Medium Radio effektiv für ihre Zwecke zu nutzen verstanden. Trumps aggressive Nutzung der sozialen Netzwerke, allen voran von Twitter, hat ihm einen Vorteil verschafft. Insofern muss dieser Kommunikationskanal sehr ernst genommen werden.

Ist es aus Ihrer Sicht ratsam, Politik auf diesem Kanal zu machen?

Wer erfolgreich Politik machen will, braucht Kanäle, über die er Menschen erreichen kann. Twitter gehört dazu. Es wäre mehr als töricht, dieses Medium zu ignorieren.

Gehen wir davon aus, dass Trump auch in den nächsten drei Jahren Präsident der USA bleiben wird: Wie wird sich die Zusammenarbeit mit Deutschland entwickeln?

Ich gehe davon aus, dass Trump für die nächsten drei Jahre im Amt bleibt. Deutschland und Europa sollten nicht darauf hoffen, dass sich dieser Präsident in irgendeiner Weise zähmen oder einhegen ließe. Wenn uns das transatlantische Bündnis wichtig ist, müssen wir unsere Politik so gestalten, dass wir Trump so weit wie möglich eindämmen. Das geht nur mit einem einigen und starken Europa.

Welche Auswirkungen kann das auch auf die deutsche Wirtschaft haben?

Vieles wird davon abhängen, ob Trump mit seinem Protektionismus ernst macht. Leider ist genau das zu befürchten.

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