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„Dies ist eine Revolution“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Hunderttausende Ukrainer demonstrieren gegen Präsident Janukowitsch / Zahlreiche Verletzte

shz.de von
erstellt am 02.Dez.2013 | 00:31 Uhr

Der Trick mit der Tanne verfing diesmal nicht. In Kiew haben gestern Hunderttausende Menschen gegen den autoritär regierenden Präsidenten Viktor Janukowitsch und seine prorussische Politik demonstriert. Sie drangen auch auf den Maidan vor, den symbolträchtigen Platz der Unabhängigkeit im Herzen der Hauptstadt. Ein Gericht hatte dort bis zum 7. Januar alle Versammlungen verboten – angeblich, um das Metallgerüst eines gigantischen Weihnachtsbaumes zu schützen. Auf diese Weise hatte 2010 der weißrussische Diktator Alexander Lukaschenko Proteste in Minsk unterdrückt.

In Kiew ließen sich die proeuropäischen Demonstranten nicht abschrecken. Sie räumten die Barrikaden vor dem Baum ab, überfluteten den Maidan und forderten Janukowitschs Rücktritt, schnelle Neuwahlen sowie die Unterschrift unter ein längst ausgehandeltes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union. „Unser Plan ist klar: Dies ist keine Kundgebung, dies ist eine Revolution!“, rief der ehemalige Innenminister Juri Luzenko der Menge zu, ein enger Vertrauter der inhaftierten Oppositionsführerin Julia Timoschenko. Andere Redner forderten die Ukrainer auf, ab heute in einen Generalstreik zu treten.

Janukowitsch hatte den geplanten Vertragsschluss mit der Europäischen Union in einer spektakulären Kehrtwende kurz vor dem EU-Osteuropa-Gipfel am Freitag im litauischen Vilnius gestoppt. Seither brodelt es zwischen Lemberg im Westen und Odessa im Südosten der Ukraine. Am Wochenende erreichten die Proteste in Kiew erstmals revolutionäre Ausmaße. Vor dem Präsidentenpalast drangen Aktivisten mit einem Traktor gegen die Barrikaden vor, die Sicherheitskräfte errichtet hatten.

Sollten Historiker in ferner Zukunft auf diesen heißen Herbst in der Ukraine zurückblicken, werden sie womöglich einen Schlüsselmoment zeitgenau bestimmen können. Um 3.30 Uhr in der Nacht zum Sonnabend waren schwer bewaffnete Polizisten gegen einige Hundert Oppositionelle vorgerückt, die auf dem Maidan ausharrten. Schläger der berüchtigten Sondereinheit Berkut (Steinadler) prügelten mit Schlagstöcken auf die wehrlosen Demonstranten ein. Dutzende Menschen wurden blutend oder mit Knochenbrüchen vom Platz getragen. Damit jedoch scheint sich das Blatt in der Ukraine gewendet zu haben. Die Empörung über die enthemmte Gewalt eint die Opposition und schwächt sichtbar die Janukowitsch-Regierung.

Unklar ist, auf wessen Befehl die Berkut-Polizisten handelten. Möglicherweise hatten Innenminister Vitali Sachartschenko und Polizeichef Waleri Korjak, die als Hardliner gelten, den Befehl auf eigene Faust gegeben. Janukowitsch distanzierte sich noch am Sonnabend von den Gewaltexzessen. Wichtige Weggefährten wandten sich dennoch von ihm ab. Der Leiter der Präsidialadministration, Sergei Ljowotschkin, trat zurück. Mehrere Abgeordnete von Janukowitschs Partei der Regionen verließen aus Protest die Fraktion.

Auch gestern kam es zu schweren Ausschreitungen. Bei Zusammenstößen zwischen Polizisten und Randalierern im Regierungsviertel wurden mindestens 150 Menschen verletzt. Dagegen blieb es bei der Großkundgebung auf dem Maidan friedlich.

Die Opposition wittert Morgenluft. Timoschenko, die inhaftierte Frontfrau der demokratischen Revolution in Orange des Jahres 2004, rief aus dem Gefängnis heraus zum Widerstand auf: „Vereinigt euch und stellt die Gerechtigkeit wieder her. Nehmt die Macht in eure Hände!“, schrieb sie in einem Brief, den ihre Tochter Jewgnija auf dem Euro-Maidan verlas. Nicht verhandelbar sei die Forderung nach schnellen Neuwahlen.

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