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Die Mächtigen von Balkonien

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Nicht nur die Inhalte spielen bei den Jamaika-Verhandlungen eine Rolle – es geht auch um eine standesgemäße Inszenierung

von
erstellt am 28.Okt.2017 | 11:10 Uhr

Die Bilder sind überall zu sehen, sie haben Symbolkraft, sagen: „Wir sind bereit, jetzt geht es los.“ Da drapieren sich FDP-Generalsektretärin Nicola Beer und Grünen-Fraktionsvorsitzende Katrin Göring-Eckardt links und rechts von FDP-Chef Christian Lindner, plaudern, lächeln. Da winkt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von oben herab (rein räumlich natürlich). Und da umarmt besagter Lindner Armin Laschet (CDU) und Alexander Dobrindt (CSU) – eine nette Geste, aber vielleicht nicht ganz ohne Hintergedanken. Denn die Jamaika-Verhandler wissen, dass sie nicht unbeobachtet sind auf dem Balkon der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft in Berlin. Unten lauern Fotografen auf ein Bild von denen dort oben, dass das Thema Sondierungsgespräche unterstreicht.

Diese Balkonszenen – sie sind ein Klassiker. Könige können’s, die heimgekehrte Fußballmannschaft auch – und Politiker üben sich seit jeher in dieser royalen Eigenpräsentation. Es ist eine fremde Welt, zu der die wenigsten von uns je Zugang bekommen werden. Spekulieren können Normalos schnell über die Kleidung, die die Repräsentanten gewählt haben. Ist der Mantel von Katrin Göring-Eckardt vielleicht zu rot für eine Grüne bei den Jamaika-Verhandlungen? Das Volk wird in die Rolle des bewundernden Voyeurs gedrängt, der ohnehin nichts von dem versteht, was dort vor sich geht. Ist das nun zuträglich für die ausgesprochene Absicht vieler Volksparteien, wieder näher zu ihren Wählern zu rücken?

Doch es gibt auch andere Fotos vom Balkon vor dem prunkvollen Saal: Da gelingt ein Schnappschuss des Trios Dobrindt/Lindner/Laschet, als es nachts in einer Redepause auf dem Balkon zusammenkommt – für eine Zigarette zwischendurch. Irgendwo ist man doch nur Mensch, auch wenn der Beobachter nur spekulieren kann: Geht es auch in diesem privat anmutenden Moment um Macht? Oder gibt es gar Verständnis für die Laster des Anderen? Wenn ja, dann wahrscheinlich wirklich nur beim Thema Genuss.

Apropos Genuss: Wer viel arbeitet, muss auch viel essen. Und wer sich in bedeutungsschwangeren Konstellationen auf Balkonen von historischen Palaisgebäuden herumdrückt, gibt sich wohl nicht mit Wurst- und Käsebrot zufrieden. Um den bewundernden „Aaah“- und „Oooh“-Impuls des Durchschnittsdeutschen ebenso wie bei den Szenen von Balkonien Deluxe aus der Reserve zu locken, wird er „gefüttert“ mit dem Speiseplan der Volksvertreter. Zum Auftakt der Sondierungsgespräche machen Berichte über Maultaschen, Maronensuppe, Fleischbällchen und Sandwiches die Runde. Und: Ups, vergessen – die Deutsche Presseagentur aktualisiert ihr Sondierungs-Extra zum Thema Futter um einen weiteren Menübestandteil: Lachs. Nicht schlecht. Am Donnerstag wurde in Berlin wieder bis in die Nacht sondiert. Und gegessen. Wieder Maultaschen, diesmal in Suppenform. Ob dafür die Reste von den vorangegangenen Verhandlungen verwertet wurden, dürfte zumindest fraglich sein. Doch es gibt auch Frisches: Frühlingsrollen, Seelachs, Nudeln Milanese und Nusskuchen werden außerdem aufgetischt. Und dieses Mal ist auch etwas besonders Bodenständiges dabei: Currywurst.

Doch – ob es einem nun schmeckt oder nicht – am Ende geht es um Inhalte. Nicht nur bei den Maultaschen.


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