Bayern verstehen : Die Legende von Laptop und Lederhose

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Das Verhältnis zwischen Bayern und dem Rest des Landes ist seit jeher ein problematisches – das galt auch für die politische Partnerschaft zwischen Helmut Kohl (CDU, links) und Franz Josef Strauß (CSU), hier im Jahr 1976.

Das Verhältnis zwischen Bayern und dem Rest des Landes ist seit jeher ein problematisches – das galt auch für die politische Partnerschaft zwischen Helmut Kohl (CDU, links) und Franz Josef Strauß (CSU), hier im Jahr 1976.

Spurensuche nach den historischen Wurzeln des bayerischen Selbstverständnisses. Ein Freistaat ist das Land nur gefühlt.

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13. Oktober 2018, 17:49 Uhr

München | Das Verhältnis der Bayern zum Rest der Republik ist ein problematisches, nicht von ungefähr ist Bayern ein Freistaat. Das hat rechtlich zwar keine Bedeutung, für das bayerische Selbstverständnis jedoch ist es wichtig. Woher rührt dieser Drang zur Abgrenzung? Eine Spurensuche.

Sachsen und Thüringen sind es auch, aber keines der beiden Bundesländer ist gefühlt so frei wie der Freistaat Bayern. Das hängt auch damit zusammen, dass Bayern schon viel länger diesen republikanischen Ehrentitel trägt als seine ostdeutschen Nachbarn. 1918 hatte Kurt Eisner nach der Novemberrevolution und dem Ende der 738 Jahre währenden Regentschaft der Wittelsbacher einen Freistaat ausgerufen. Der hielt nicht lang, aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde am 1. Dezember 1946 die Bayerische Verfassung vom Volk angenommen.

Damit war die Grundlage geschaffen für einen Staat, der sowohl einem föderativen wie auch konservativen und sozialdemokratischen Staatsverständnis Rechnung trug. Rechtlich hat der Titel nichts zu bedeuten, dass man ihn pflegt, hat historische Wurzeln, und damit ist man bei einer Besonderheit, die Bayern zu einem Synonym für Heimatverbundenheit gemacht hat – der Traditionspflege.

Dem Königreich stand praktischerweise mit Preußen ein innerdeutscher Konkurrent zur Verfügung, dem man sich schließlich 1870 unterordnen musste. Die Preußen abzulehnen, das ist den Altbayern seither in den Genpool eingeschrieben. Von Berlin wollte man sich noch nie nicht (doppelt verneint hält besser) etwas sagen lassen. Siehe die politischen Partnerschaften Strauß/Kohl und Seehofer/Merkel. Auch wenn der SZ-Redakteur Herbert Riehl-Heyse mit seinem Buch „Bayerns Preußen sind die besten“ schon vor 40 Jahren zur Versöhnung aufgerufen hatte.

Das Hochdeutsche „Ich liebe dich“ kann man auf Bairisch nicht sagen.

Die weiß-blaue Lebensart ist tatsächlich im Kern heiter bis tolerant, was sie allerdings häufig hinter dem Grant verbirgt, jener grummeligen Weltabgewandtheit, die aber nie so kalt wird wie die Berliner Schnauze. Ein alle bayerischen Stämme – Altbayern, Oberpfälzer, Schwaben, Franken – verbindendes Element ist der Gebrauch des Dialekts, der gesellschaftlich nicht ins Abseits führt. Auch wenn Grammatik, Wortschatz und Färbung aufgrund der schieren Größe des Landes stark variieren, das Hochdeutsche „Ich liebe dich“ kann man auf Bairisch nicht sagen.

Das gerne, aber fälschlicherweise dem ehemaligen Fußballkaiser Franz Beckenbauer in die Schuhe geschobene „Mir-san-mir“ (wahlweise „Mia-san-mia“) speist sich auch aus dem Bewusstsein, dass es, nehmt alles nur in allem, seit Jahrzehnten aufwärtsgeht: Die Aufsteigergeschichte – vom agrarisch geprägten Flächenstaat unter amerikanischer Besatzung zum Spitzenindustrieland mit Laptop und Lederhose – ist nicht ganz richtig, denn die industriellen Kapazitäten Bayerns waren nach dem Krieg weitgehend intakt, und große Firmen, allen voran Siemens, verlegten ihren Sitz nach München.

Hinzu kommt eine Partei, die seit 1957 regiert. Also seit Menschengedenken. Die CSU hat es verstanden, nicht nur absolute Mehrheiten zu organisieren, sondern dem Wahlvolk einzutrichtern, dass die Gleichung „Bayern = CSU“ gottgegeben ist. Die CSU setzte früh auf den Mittelstand und trieb nebenher die Industrialisierung voran. Man begeisterte sich für Atomkraft, verhob sich mit der Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und hatte überhaupt mit dem langjährigen Mastermind Franz Josef Strauß einen Förderer von Raumfahrt, Rüstung, Automobil und Atomenergie an der Spitze.

Die CSU hat es verstanden, nicht nur absolute Mehrheiten zu organisieren, sondern dem Wahlvolk einzutrichtern, dass die Gleichung „Bayern = CSU“ gottgegeben ist.

Und sogar als Edmund Stoiber im Transrapid seinen Flug am Münchner Hauptbahnhof startete, war man noch bereit zu verdrängen, dass es vielleicht Zeit für eine andere Partei wäre. Aber woher eine solche nehmen?

Man muss nicht so weit gehen, wie es der amtierende Ministerpräsident Markus Söder bei seiner ersten Regierungserklärung tat: „Bayern erlebt goldene Zeiten: Bayern ist stark. Bayern wird größer. Bayern ist solide. Bayern ist sicher. Bei uns ist die Welt noch in Ordnung und sie soll es auch bleiben.“ Diese Art von Großsprecherei mag der Bayer gar nicht, der im Zweifel von der Obrigkeit nicht belästigt werden möchte. So etwas kann nur einem überkompensierenden Franken einfallen. Aber das ist eine andere Geschichte.

Hannes Hintermeier, 1961 im oberbayerischen Altötting geboren und in Burghausen aufgewachsen, absolvierte nach dem Studium in München die Deutsche Journalistenschule. Nach Stationen bei der Münchner „Abendzeitung“ und bei der „Woche“ in Hamburg arbeitet er seit 2011 als leitender Redakteur im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.
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