Die Kunst des Wartens

shz.de von
13. Juni 2014, 12:00 Uhr

Zwei Männer warten auf einen gewissen Godot. Doch der kommt nicht. Als Samuel Beckett sein Schauspiel 1952 schrieb, gab es noch keine Warteschleifen wie sie etwa die Telekom als kostenlosen Service anbietet. Die Journalistin Friederike Gräff hat in einem Buch empfohlen, das Warten zu üben. Statt sich zu ärgern, sollte man die unverhoffte Freizeit genießen. Kommt die Freundin mal wieder zu spät, kann man ihr inzwischen Selbstgeschnitztes überreichen oder den Inhalt des gelesenen Buches referieren. Nein, so einfach ist es mit dem Warten nicht. Schließlich wird es von manchen Zeitgenossen gezielt eingesetzt. Dem Wartenden soll klar gemacht werden, wo er auf der sozialen Leiter steht, nämlich ziemlich weit unten. Es gibt Situationen, in denen jemand am breiten Schreibtisch sitzt, nichts zu tun hat und trotzdem einen Vorgeladenen vor der Tür schmoren lässt. Damit er ein wenig gart und anschließend leichter zu verspeisen ist. Warten könne man lernen, denn es habe etwas mit Bildung zu tun, behauptet die Kollegin Gräff in ihrem schlauen Buch. Das mag richtig sein, dennoch kommt der Verdacht auf, dass die Spitze der Bahn das Werk gesponsert hat.

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