Melania Trump : Die Jacke der First Lady wird zum Symbol des Chaos an der Grenze

Melania Trump, First Lady der USA, hat mit einer Jacke, die sie auf der Reise zu Flüchtlingskindern an der mexikanischen Grenze getragen hat, Diskussionen ausgelöst.

Melania Trump, First Lady der USA, hat mit einer Jacke, die sie auf der Reise zu Flüchtlingskindern an der mexikanischen Grenze getragen hat, Diskussionen ausgelöst.

Melania Trumps PR-Tour an die Grenze sorgt für Kritik. Die Regierung hat keinen Plan für die Familien-Zusammenführung.

shz.de von
22. Juni 2018, 21:53 Uhr

Washington | Die Reise an die Grenze zu Mexiko sollte den Eindruck erwecken, Melania Trumps sorge sich um das Wohl der Einwanderer-Kinder. „Sie will wissen, was wirklich los ist“, erklärte ihre Sprecherin Stephanie Grisham die Mission der First Lady. Die Idee dazu sei von ihr selber gekommen. Der Schuss ging nach hinten los.

Erst machten Experten darauf aufmerksam, dass Trump mit dem Besuch des „New Hope Children’s Shelter“ in der texanischen Grenzstadt McAllen eine Einrichtung besuchte, die so ziemlich nichts mit der Situation zu tun hat, die Kinder erleben, nachdem sie an der Grenze von ihren Eltern getrennt worden sind. In dem kirchlichen Heim sind vor allem unbegleitete Minderjährige untergebracht, die über fünf Jahre alt sind, und alleine über die Grenze kamen.

 

Um zu sehen, was „wirklich los ist“, hätte die First Lady einen Besuch der Lager mit den Trennelementen aus Maschendraht einplanen müssen. Oder einen der bis heute nicht öffentlich gemachten Orte für „Kinder im zarten Alter“, in denen Babys und Kleinstkinder festgehalten werden.

Dann sorgte die Wahl ihrer Garderobe für Irritationen. Das ehemalige Foto-Modell trug auf dem Weg nach Texas eine olivgrüne Jacke mit der Aufschrift „I really don’t care. Do U?“. Auf Deutsch heißt das ungefähr so viel wie „Es ist mir wirklich egal. Und Dir?“. 

Auf die fragwürdige Botschaft der Kleidung auf dem Weg zu Heimkindern angesprochen, winkte Sprecherin Grisham ab. „Es ist nur eine Jacke.“ Es gebe „keine versteckte Botschaft“. Wohl wahr, lästert die Style-Kolumnistin der New York Times. „Da war nichts versteckt. Es stand sprichwörtlich auf dem Rücken der First Lady.“ Und das in fetten weißen Lettern.

 

Obwohl dies gewiss nicht die intendierte Botschaft war, geriet die Wahl ihrer Garderobe zum Symbol nicht nur einer fehlgeschlagenen PR-Tour, sondern dem Chaos an der Grenze, das der Präsident mit Unterzeichnung eines Dekrets am Mittwoch noch weiter vergrößert hat. 

Darin hatte Donald Trump verfügt, Flüchtlingskinder nach einem Grenzübertritt ohne Papiere nicht mehr von ihren Eltern zu trennen. Stattdessen sollen sie nun zusammen mit ihren Familien auf unbestimmte Zeit eingesperrt werden. Ein rechtlich fragwürdiges Vorgehen, da ein Gerichtsvergleich aus dem Jahr 1997 (Flores Settlement) verfügt, dass Kinder nach 20 Tagen Haft freigelassen werden müssen.

Da Trump die Behandlung der Flüchtlinge wie Straftäter nicht beendete, fehlen nun die Kapazitäten, die Familien einzusperren. Das Pentagon bestätigte, es plane vier ehemalige Kasernen zu Lagern mit 20.000 Betten umzurüsten. Bis dahin ist unklar, wie weiter verfahren werden soll. 

Die Grenzpolizei teilte zunächst mit, die Behandlung von Familien als Kriminelle werde vorübergehend ausgesetzt. Dem widersprach anschließend das Justizministerium. „Es gibt keine Änderung an der Null-Toleranz-Politik.“ Die strafrechtliche Verfolgung werde fortgesetzt. 

Durcheinander gibt es auch bei der Wiederzusammenführung der mehr als 2300 bereits getrennten Kinder mit ihren Familien. Das Präsidenten-Dekret ließ deren Schicksal offen, gab aber später zu erkennen, die Familien könnten wieder zusammengeführt werden. Nach übereinstimmenden Informationen von Anwälten und Experten gibt es kein stringentes Verfahren dafür. 

„Anders als in Notsituationen, ist die Trennung in diesem Fall von der Regierung erdacht worden“, sagt Emily Butera von der Flüchtlingshilfe „Women’s Refugee Commission“. „Jemand hätte sich Gedanken machen müssen, wie diese Familien später wieder zusammenkommen.“

Cindy Madrid versuchte über Tage herauszufinden, was mit ihrer sechsjährigen Tochter geschehen ist. Unter der kostenlosen „Service“-Nummer des unter Trump von einem früheren Anti-Abtreibungsaktivisten geleiteten „Office of Refugee Resettlement“ meldete sich niemand. Eine Erfahrung, die nach Medienberichten verbreitet ist.

Der schwache Trost der Mutter: Sie hat ihre kleine Allison auf dem an „ProPublica“, einem Non-Profit-Newsdesk für investigativen Journalismus, durchgestochenen Tondokument aus einem Lager erkannt, in dem die verzweifelten Kleinen nach „Mama“ und „Papa“ rufen.

Eine beruhigende Nachricht brachte auch der Vater des weinenden Mädchen in Erfahrung, das Getty-Fotograf John Moore verewigt hat. Das Magazin Time stellte sie neben Trump auf das rot unterlegte Cover mit der Schlagzeile „Willkommen in Amerika“. Der Honduraner fand heraus, dass die Grenzer die zweijährige Yanela bei ihrer Mutter ließen. Die beiden werden zusammen in einem Lager in McAllen festgehalten. 

Schäbige Propaganda der Präsidentenfamilie

Ein Kommentar von Thomas J. Spang

Gemessen an dem Leid der aus Weisung des US-Präsidenten von ihren Eltern getrennten Flüchtlingskinder, scheint die Aufregung um die Garderobe der „First Lady“ auf den ersten Blick unangemessen. Wer genauer hinschaut, versteht, warum die garantiert nicht intendierte Botschaft Melania Trumps ein solches Eigenleben bekam.

Das in fetten weißen Lettern auf dem Rücken gepinselte „ist mir egal“ steht sinnbildlich für den Zynismus im Umgang des Weißen Hauses mit den Flüchtlings-Familien an der Grenze.

Der Fototermin in einer Einrichtung, die so ziemlich nichts mit den Zuständen in den Käfig-Lagern zu tun hat, entpuppt sich als schäbige Propaganda. Der First Lady ist das Schicksal der mehr als 2300 getrennten Kinder tatsächlich so egal wie ihrem Ehemann.

Genau wie Donald Trump tat Melania so, als sei das Elend an der Grenze das Ergebnis einer fehlenden Einigung „beider Seiten“ bei der Reform der Einwanderung. Eine glatte Irreführung, die verschleiern soll, wo die Verantwortung für den staatlich organisierten Kindesmissbrauch liegt.

Der Präsident und seine willigen Helfershelfer haben schutzbedürftige Flüchtlinge erst zu Kriminellen stilisiert, indem sie aus einer Ordnungswidrigkeit ein Verbrechen machten. Wer unerlaubt über die Grenze kommt, wird deshalb nun eingesperrt.

Dass Trump die Kinder künftig zusammen mit ihren Familien in Lagern festhalten will, macht nichts besser. Ein Fall für die Menschenrechts-Kommission ist der fehlende Plan der Regierung für eine Wiederzusammenführung der Familien, die sie willkürlich getrennt hat. Der Eindruck drängt sich auf, dass es den Verantwortlichen wirklich egal ist, was mit den gestohlenen Kindern passiert. Es gehört schon eine Menge Naivität dazu, die Mär von der fürsorgenden Präsidentenfamilie zu glauben.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen