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Gift-Bier-Diskussion : Die Grünen, das Glyphosat-Bier und Herr Mierscheid

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Der Glyphosat-Skandal, der keiner ist, verdient die beste Bundestagsrede, die nie gehalten wurde.

shz.de von
erstellt am 06.Mär.2016 | 15:46 Uhr

Zum Giftbier nur noch das: Ginge es der SPD besser, wäre die Debatte ums Glyphosat darin schnell vorbei gewesen. Finden Sie schräg? Ist es aber nicht. Würden die Genossen nicht akut ums eigene Überleben als Volkspartei kämpfen und sich nicht mit Umfragen, die sie noch gerade so eben vor der AfD verorten, herumplagen, wäre der langjährige SPD-Abgeordnete Jakob Maria Mierscheid vergangene Woche aufgestanden und hätte eine Aktuelle Stunde im Bundestag beantragt. Titel: „Glyphosat im Bier – Aufklärung oder Panikmache? Sichere und günstige Lebensmittel für alle.“

Mierscheid, der seit 1979 dem hohen Haus angehört, hätte die Debatte genutzt, um sich mit dem „Umweltinstitut“ in München zu befassen. „Frau Präsidentin, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, es wird Zeit, dass wir über Ökolobbyismus sprechen“, hätte unser Sozi-Urgestein gesagt. Dann hätte Mierscheid die erste Reihe der Grünen-Fraktion fixiert und gesagt: „Ihre Vorfeldorganisationen spalten die Gesellschaft!“

Geraune bei den Grünen, von irgendwoher ruft eine Stimme „Unverschämtheit...“, die Empörung klingt nach Bärbel Höhn, es könnte aber auch Renate Künast sein. Mierscheid lässt sich nicht beirren: „Sie und ihr Institut machen Stimmung und Panik!“ Die Grünen sind erregt: „Wieso unser Institut?“ Mierscheid: „Das erkläre ich Ihnen gleich.“ Der altgediente Parlamentarier, der den Verzicht auf ein iPad zu seinem Markenzeichen im Berliner Politikbetrieb gemacht hat, kramt in Papieren und wedelt schließlich mit einem Artikel des populärwissenschaftlichen Magazins „Spektrum der Wissenschaft“. In einem Text zur Giftbier-Untersuchung heißt es: „Studien wie die vorliegende tragen nicht wirklich zur Aufklärung der Verbraucher bei. Stattdessen schüren sie auf wissenschaftlich dünner Faktenlage Angst mit dem Zweck, die Politik unter Druck zu setzen. Im Allgemeinen bezeichnet man das als Agitation. Auch ein noch so hehrer Zweck wie der Schutz der Gesundheit der Biertrinker heiligt nicht das Mittel solcher intransparenter, effekthascherischer Studien.“

Nun muss Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth einschreiten. Ihre Grünen Parteifreunde sind außer sich: „Was hat das mit uns zu tun“, brüllen einige. Andere rufen: „Sie verharmlosen ein gefährliches Pestizid! Wollen Sie, dass wir alle vergiftet werden?“

Mierscheid kommt in Fahrt: „Sie haben mit diesem gefährlichen Unsinn doch angefangen, als sie vor einem Jahr Glyphosat in Muttermilch nachgewiesen haben wollten.“ Jetzt werden sie bei den Grünen etwas ruhiger, während die SPD-Fraktion applaudiert. Auch bei der Union vermerkt der Stenograph Zustimmung im Protokoll. „Aber nun wollen Sie sich nicht mehr erinnern“, schimpft Mierscheid und berichtet vom Muttermilchskandal, der eigentlich ein Grünen-Skandal war: Im Sommer vergangenen Jahres veröffentlichte die grüne Bundestagsfraktion Ergebnisse von etwas, das sie selbst als „Studie“ bezeichnete. In einem Leipziger Labor seien damals 16 Proben Milch verschiedener Mütter quer aus Deutschland getestet worden. Keine der Frauen habe in ihrem Alltag irgendwas mit Glyphosat zu tun gehabt, teilten die Grünen mit. Dennoch habe sich in jeder Probe ein Rückstand gefunden. Schlussfolgerung: „Die Belastung muss aus anderer Quelle resultieren.“ Und darum forderten die Grünen damals nicht weniger, als Glyphosat vorläufig aus dem Verkehr zu ziehen, bis mehr bekannt sei. Denn der Stoff sei ja laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) „wahrscheinlich krebserregend“. Besonders scheinheilig war dieser Satz der Ökopartei, den auch Mierscheid in seiner Rede genüsslich zitiert: „Als Bundestagsfraktion haben wir lange überlegt, ob wir Muttermilch auf Glyphosat testen und in Kauf nehmen sollen, damit stillende Mütter möglicherweise zu verunsichern, obwohl Muttermilch so wichtig für Säuglinge ist.“

Wie verlogen. Denn auf genau diese Verunsicherungen zielte die grüne Muttermilchkampagne genauso ab wie die Bierpanikmache des „Umweltinstitut“, das in Wahrheit ein eingetragener Verein ist. Hier wie dort soll gezielt Angst geschürt werden. Um das zu erreichen, nimmt man sogar in Kauf, Ergebnisse nicht repräsentativer „Studien“ zu veröffentlichen.

Die Bierstudie, so rechnete Wissenschaftsjournalist Philipp Hummel in „Spektrum“ vor, habe „streng genommen“ lediglich gezeigt, dass in 17 Flaschen Bier in Deutschland Glyphosat enthalten war. Die Leipziger Muttermilchstudie leistet noch weniger. 16 Proben enthielten Rückstände.

Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) musste in beiden Fällen aufklären: „Die bislang vom BfR ausgewerteten Daten zeigen, dass die Gehalte in der Regel im einstelligen Mikrogrammbereich pro Liter und somit durchweg weit unterhalb eines gesundheitlich bedenklichen Bereichs liegen“, schrieb das Institut zur Milchstudie. Mit dem Taschenrechner konnten besonders Neugierige ausrechnen, dass Babys rund 4000 Liter Milch täglich hätten trinken müssen, um den Grenzwert zur Glyphosat-Aufnahme zu überschreiten. Beim Bier rechnete das BfR gleich selbst vor, dass man rund 1000 Liter des Hopfen, Malz und Wasser-Gebräus täglich trinken müsse, um eine gesundheitlich bedenkliche Menge des Unkrautvernichters aufzunehmen – knapp 140 Kisten also.

Die BfR-Infos kamen natürlich erst auf den Markt, als die Studien bereits durch den Medienbetrieb gedreht und die Ängste verbreitet waren.

Mierscheid hat das Plenum mittlerweile fest im Griff. Er spürt, dass dies eine der besten Reden seiner Karriere im Bundestag wird: „Und damit sind wir bei der Frage, was diese Giftbierstudie mit Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, zu tun hat“, ruft er und kramt mal wieder in seinen Ausdrucken. Dann winkt er mit einer aktuellen Pressemitteilung der Grünen-Fraktion: „Pflanzengift im Bier“, steht dort. Und: „Glyphosat-Neuzulassung stoppen!“

Mittlerweile ist bei den Grünen gar nichts mehr los. Mierscheid kommt zum Schluss und appelliert an die einstigen Koalitionspartner: „Kommen Sie wieder zur Vernunft! Hören Sie auf, die Verbraucher in Panik zu versetzen und machen Sie sich klar, was ein Verbot eines erprobten Pflanzenschutzmittels bedeutet: Das Ende der konventionellen Landwirtschaft.“ Das, so Mierscheid pathetisch, müssen wir als Volkspartei bekämpfen. „Sie und Ihre Wähler können ja gerne Bio kaufen und essen, unsere Wähler sind auf preisgünstige und sichere Lebensmittel angewiesen.“

Ende. Das Protokoll vermerkt Applaus von SPD-, Linken- und CDU-Fraktion. Jakob Maria Mierscheid gibt es nicht. Lediglich die Datenbanken des Bundestages, diverse Anekdoten und Wikipedia kennen den fiktiven SPD-Politiker. Zwei Abgeordnete erfanden ihn 1979, um den verstorbenen Carlo Schmid zu ehren. Seitdem ist Mierscheid Kult, Bundestagspräsident Norbert Lammert hielt sogar schon eine Geburtstagsansprache. Real ist jedoch das Mierscheid-Gesetz. Als es der SPD noch besser ging, beschrieb es den Zusammenhang zwischen SPD-Bundestagswahlergebnissen und der Rohstahlproduktion in Westdeutschland: viel Stahl = viel SPD und umgedreht.  Mierscheid wüsste, dass mehr Bio der SPD keine Stimmen brächte. Deshalb hätte er diese Rede gehalten.

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