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Auftritt in Köln : Die große Erdogan-Show

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Eines muss man dem türkischen Regierungschef Erdogan lassen: Er ist ein begnadeter Redner - oder großer Demagoge, je nach Standpunkt. Sein Kölner Publikum buht und jubelt jedenfalls wie auf Knopfdruck.

shz.de von
erstellt am 25.Mai.2014 | 13:56 Uhr

Köln | Tausende Handys leuchten, Tausende Flaggen wehen hin und her. Geschlagene eineinhalb Stunden haben Vorredner die voll besetzte Kölner Lanxess-Arena in Stimmung gebracht. Sie haben auf den Westen geschimpft und ihrem Ehrengast gehuldigt. Manchmal überschlug sich ihre Stimme. Und nun ist er da. Der türkische Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan betritt die Bühne. Tosender Jubel - ein Popstar könnte nicht begeisterter begrüßt werden.

Dann wird aus dem Koran rezitiert, es ertönt der Ruf des Muezzin, es wird gebetet. Man sei fern der Heimat, sagt der Vorbeter, „wir vermissen die Türkei“. Noch bevor Erdogan ein Wort gesagt hat, ist deutlich: Dies ist eine politische Veranstaltung, die höhere Weihen beansprucht. Hier vermischen sich Politik und Religion.Während Erdogan in der Lanxess-Arena gefeiert wird, ziehen auf der anderen Rheinseite seine Gegner durch die Stadt - schätzungsweise 45.000. Auf ihren Transparenten steht: „Erdogan, du bist kein Demokrat“ oder „Erdogan: Räuber, Mörder, Lügner!“.

Manche Demonstranten tragen gelbe Sicherheitshelme mit der Aufschrift „Soma“. So auch Behlül Cevikel: „Es ist menschenverachtend, wenn jemand so kurz nach einem Minenunglück nach Deutschland kommt, weil er hier 1,5 Millionen Wahlberechtigte gewinnen möchte.“ Zekiye Baskin ergänzt: „Er will Präsident werden, aber wir wollen diesen Betrüger nicht. Er unterdrückt alle, die ihn nicht unterstützen.“  In der Halle hat Erdogan nun das Wort ergriffen. Er beginnt gemäßigt, überbringt herzliche Grüße aus der Türkei, schmeichelt seinen Zuhörern: „Unser Volk ist stolz auf euch!“ Das alles vor riesigen türkischen Flaggen und laufenden Kameras, die die Bilder auch in die Heimat schicken. Die Anhänger - manche mit Erdogan-Schals und Erdogan-Postern ausgerüstet - schwenken unermüdlich die rote Flagge mit dem Stern und dem Halbmond.

Als Erdogan das erste Mal den Namen Angela Merkel fallen lässt, gibt es sofort laute Buhrufe. Doch genauso schnell brandet Applaus auf, als sich herausstellt, dass er sie keineswegs kritisieren will, sondern ihr für ihre Anteilnahme und Unterstützung nach dem Bergwerksunglück mit 301 Toten dankt. Solche Stellen zeigen, wie sehr er sein Publikum in der Hand hat. Besonders begeistert reagiert es, wenn er mit seinen Kritikern abrechnet, wenn er sie als „illegale Gruppen“ und „Terroristen“ brandmarkt.

Erdogan erweist sich als ein mit allen Wassern gewaschener Rhetoriker - seine Kritiker würden wohl sagen: als Demagoge. Er weiß genau, was er sagen muss, um sein Publikum in Wallung zu bringen. So mancher in der Halle wartet allerdings noch auf ein paar zünftige Worte zu jenen deutschen Politikern, die in der Türkei Demokratiedefizite beklagen oder ihn von seinem Besuch in Köln abhalten wollten.

Doch es scheint, als habe sich Erdogan in diesem Punkt vorgenommen, Merkels Aufruf zur Besonnenheit zu beherzigen. Er belässt es bei einigen allgemeinen Bemerkungen, dass man sich nicht in die Angelegenheiten anderer Länder einmischen sollte. Überhaupt findet er ganz grundsätzlich, dass niemand mehr das Recht hat, die Türkei zu kritisieren - jetzt wo sie eine so große Wirtschaftsmacht ist. Wer es doch tut, zeigt nur, dass er ihr den Aufstieg missgönnt.

Dementsprechend schlecht ist Erdogan auch auf die deutschen Medien zu sprechen. „Spiegel Online“ zum Beispiel hatte in einer Überschrift einen Arbeiter aus Soma mit den Worten zitiert „Scher dich zum Teufel, Erdogan!“ Erdogan gibt dies nun so wieder, als habe sich die deutsche „Zeitschrift“ das Zitat zu eigen gemacht. Was soll das überhaupt heißen, fragt er spöttisch - er und sich zum Teufel scheren? „Wie das wohl gehen soll?“  Indirekt scheint er die Kritik in einem Punkt allerdings doch anzunehmen: Auffällig oft stellt er seine Betroffenheit und sein Mitgefühl mit den Opfern von Soma heraus - er, dem von vielen Seiten kalte Ignoranz vorgeworfen war. Die Arena liegt Erdogan zu Füßen. Auf einem Transparent heißt es gar: „Wir sind hier, um dich noch mächtiger zu machen. Wir sind hier, um für dich zu sterben.“

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