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Hate-Speech und Flüchtlinge : Die Flagge hängt rechts: AfD-Mann Björn Höcke provoziert bei Günter Jauch

vom
Aus der Onlineredaktion

Mit Deutschland-Flagge und Pegida-Sprüchen gerüstet will Björn Höcke für das neue Anti-Establishment ein erfrischendes Alternativ-Sprachrohr sein. Ein aberwitziges Unterfangen.

shz.de von
erstellt am 19.Okt.2015 | 12:26 Uhr

Berlin | Björn Höcke ist der neue AfD-Chefdemagoge, daran besteht seit der Sendung „Günther Jauch“ vom Sonntagabend kein Zweifel mehr. In der Talkrunde durfte der Meinungskämpfer räumlich ganz links außen neben Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) seinen Platz einnehmen. Der Erfurter Studienrat nutzte die Rand-Position für die Vereinnahmung eines weiteren polithistorischen Symbols neben dem von Pegida genutzten DDR-Revolutionsslogan „Wir sind das Volk“. Aus seiner Jackentasche zückte Höcke das laut ihm „zentrale Symbol unseres Landes“, die Bundesflagge, und legte sie über die rechte Armlehne seines Sessels, wo sie über die gesamte Sendung sein Revier farbig markierte.

AfD-Mann Björn Höcke bei Günter Jauch: Ein Hetzer entlarvt sich selbst. Lesen Sie einen Kommentar zum Auftritt hier.
AfD-Mann Björn Höcke (von links), Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) und Moderator Günther Jauch am Sonntagabend in der ARD-Sendung.

AfD-Mann Björn Höcke (von links), Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) und Moderator Günther Jauch am Sonntagabend in der ARD-Sendung.

Foto: dpa

Das viel zitierte „Volk“, so sollte das republikanische Banner zeigen – also demnach eigentlich die Mitte – sitzt hier mal wieder ganz außen. Alle anderen sind radikal, die AfD „realistisch“, so die auch der Argumentation zu entnehmende Position.

Diese symbolische Provokation gegen die versammelten politischen Gegner, darunter neben dem nervenstarken Maas der saarländische Innenminister Klaus Bouillon (CDU) und ARD-Kommentatorin Anja Reschke, war bei dem Sendungs-Thema: „Pöbeln, hetzen, drohen - Wird der Hass gesellschaftsfähig?“ eigentlich deplatziert. Dass Stunden vorher die von einem mutmaßlich Rechtsextremen mit Messerstichen schwer verletzten Henriette Reker zur neuen Oberbürgermeisterin in Köln gewählt wurde, war schon vergessen.

Die auf Angstgefühle in der Bevölkerung abzielenden Parolen des Erfurters wirkten in diesem Format unfreiwillig fast schon wie umgekehrte Sonneborn-Satire. „Blonde Frauen“ müssten vor der Vergewaltigung durch Flüchtlinge zunehmend Angst haben, heißt es in einem Einspieler einer Rede des laut Eigenauskunft „eigentlich introvertierten“ Redners, den die unzulässigen Umstände im Land erst in die Politik getrieben hätten. Ob diese „Gefahr“ denn wirklich exklusiv für blonde Frauen gelte, will da wer wissen. Natürlich nicht, so Höcke. Alle Frauen hätten zunehmend Angstträume, so auch Rothaarige und Schwarzhaarige.

Seine Partei wolle „das Bewährte behalten“ und nicht weiter „sozialen Sprengstoff“ importieren. „Schön deutsch soll Erfurt bleiben“ brüllt er bei einer AfD-Demonstration im Einspieler ins Mikrofon. Wie es denn sein könne, dass die Wut gegen Ausländer in den Gegenden am größten sei, wo ihr Anteil sehr klein sei? Die Antwort: Die Thüringer und Sachsen wüssten um ihnen blühende Zustände - schließlich seien sie ja häufig als Berufspendler in westdeutschen Großstädten unterwegs. Ohnehin würde die „Vermerkelisierung“ die CDU allmählich und völlig berechtigt in den Untergang führen. Einen Galgen für führenden Politiker wie jüngst bei einer Pegida-Demonstration gesehen, hätte „es unter Kohl von den Linken auch schon gegeben.“

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Foto: dpa

Panorana-Moderatorin Anja Reschke, die nach einem Tagesthemen-Kommentar gegen gegen Hass mit einer Flut von bösen Mails gegen sie konfrontriert worden war, hielt einen Stapel Zettel in ihren Händen und durfte aus den übelsten Beleidigungen und Gewaltaufrufen zitieren. 

Die Aussagen seines Sitznachbarn seien „widerlich“ und  „hier sitzt ein Beispiel für rhetorische Brandstiftung“: weitere Emotionen konnte Höcke dem bewusst stoischen Justizminister zu seiner Linken nicht entlocken. Auch Neonazis und Rechtsradikale seien aus dessen Sicht nicht integriert.

Klaus Bouillon (CDU), der sein Minister-Büro wochenlang in einen Flüchtlingscontainer verlegt hatte, um die harte Realität des Alltags kennenzulernen, wurde per Einspieler in seiner Rede im Landtag von Nordrhein-Westfalen gezeigt, wo er auch über Hoffnungen aber auch sehr niederschmetternde Geschehnisse und Dilemmas der Flüchtlings-Alltags referierte. Sein Fazit dennoch: „Wir werden es schaffen“. Zu solch einer Einschätzung könne man nur bei Ausblendung der Realität kommen, warf ihm Höcke händewedelnd entgegen: „Wir schaffen das nicht!“. Die Realität habe er ja nun wirklich kennengelernt, entgegnete Bouillon. Hochgeschaukelt bekommt Höcke ihn aber doch: „Wollen Sie mich hier verarschen?“, brüllte dieser zu dem Mann auf der anderen Seite. Dieser hatte Bouillon die Aussage angedichtet, dass es in Flüchtlingsunterkünften verstärkte Gewalt gegen Frauen gebe. „Sie haben keine Manieren!“, keifte Höcke zurück.

Das Schlusswort und damit den Punktsieg n der Sendung schnappte sich Maas, der der steten Provokation zu seiner Rechten („dass Sie als Schüler von Oskar Lafontaine lieber die Internationale hören als das Deutschlandlied, ist mir klar“) meist kühle Argumente aus seiner „Faktentasche“ entgegenbrachte: Als Reschke und Höcke über die Bühne hinweg einen abschließenden Streit austrugen, den Jauch beinahe vergeblich zu moderieren versuchte, ging der Justizminister, den der AfD-Mann eigentlich als sozialdemokratischen „Vaterlandsverräter“ zurücklassen wollte, dazwischen und murmelte in Richtung Jauch: „Ist egal, lassen Sie ihn!“.

So wurde Höckes Auftritt bei Günther Jauch via Twitter #Jauch kritisiert.

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