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„Die bitterste Stunde in der Geschichte der FDP“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Liberale erleiden ein historisches Debakel – und sind erstmals nicht im Bundestag vertreten / Parteichef Rösler und Spitzenkandidat Brüderle übernehmen die Verantwortung

Drei Wörter in Gelb und Blau: „Nur mit uns“. Gleich zwölfmal war der FDP-Wahlkampfslogan im Congress Center am Berliner Alexanderplatz oben auf der Bühne zu lesen. Die Wähler sahen das anders: „Nicht mit denen“, lautete die demütigende Botschaft von gestern Abend. Die FDP fuhr mit etwa viereinhalb Prozent nicht nur ihr schlechtestes Wahlergebnis aller Zeiten ein. Erstmals in der bundesdeutschen Geschichte ist sie im Bundestag nicht mehr dabei. Für eine Partei, die fast ein halbes Jahrhundert immer mit in der Regierung war und die deutsche Außenpolitik maßgeblich prägte, so oder so eine historische Schmach.

Bei den ersten TV-Prognosen gab es im Saal nur ein leises, langgezogenes „Ooooooh“ – wie bei einem schweren Schlag in die Magengrube. Zur Grabesstimmung passte, dass der Ton der TV-Übertragung abgeschaltet blieb. Die FDP-Spitze um Parteichef Philipp Rösler und Spitzenkandidat Rainer Brüderle verfolgte die Schockzahlen in einem Raum im Untergeschoss. Für die politische Karriere des ungleichen Duos bedeutet das gestrige Ergebnis praktisch schon den Knockout.

Nur etwas mehr als eine Dreiviertelstunde dauerte es dann, bis sich die beiden auf der Bühne zeigten. „Das ist eine schwere Stunde für die FDP. Als Spitzenkandidat übernehme ich dafür Verantwortung“, sagte Fraktionschef Brüderle, der lang anhaltenden Applaus bekam.

Hinter ihm auf der Bühne standen viele Minister, Rösler mit seiner Frau Wiebke. Der Vizekanzler sagte: „Es ist die bitterste, die traurigste Stunde in der Geschichte der Freien Demokratischen Partei.“ Brüderle und Rösler werden beim Neuaufbau der FDP keine Rolle mehr spielen.

Alle Hoffnungen ruhen jetzt auf Christian Lindner. Der 34-jährige Ex-Generalsekretär zeigte sich am Abend als erster der FDP-Promis: „Wir haben offensichtlich die Erwartungen nicht erfüllt. Auch im Stil hat die FDP nicht überzeugt.“ Die Partei müsse sich jetzt grundsätzliche Gedanken machen. „Die Situation ist sehr ernst. Deutschland braucht eine liberale Partei, wie sie die FDP traditionell einmal war.“

Lindner, der im Vorjahr in Nordrhein-Westfalen die FDP auf 8,6 Prozent brachte, hat aber Kritiker. Ende 2011 sei er doch im Frust über Rösler als Generalsekretär aus Berlin geflüchtet. Alternativen drängen sich aber nicht auf, die Personaldecke ist dünn.

Die Liberalen sind zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik nicht mehr im Bundestag vertreten. Dass eine Regierungspartei direkt aus dem Parlament fliegt, gab es nur einmal, vor über 50 Jahren.

Wie konnte es soweit kommen mit der Partei von Theodor Heuss, Thomas Dehler, Walter Scheel, Karl-Hermann Flach und Hans-Dietrich Genscher? Es dürfte an einer Mischung aus Selbstüberschätzung, schlechter Kampagne und Panik gelegen haben. Letztere griff nach dem 3,3-Prozent-Desaster in Bayern um sich. „Jetzt geht’s ums Ganze“, klebte die FDP danach auf ihre Plakate. Die alte Masche, jahrzehntelang erfolgreich. Mehr kam aber nicht.

Brüderle und Rösler bettelten um Zweitstimmen von Unionswählern. Dabei hatte der FDP-Chef vor zwei Jahren bei seinem Amtsantritt noch geschworen, seine Partei wolle sich nie wieder zum Stimmvieh erniedrigen. Die Zweitstimmen-Kampagne verpuffte, auch weil die Union gnadenlos dagegen hielt.

Brüderles politische Karriere ist mit 68 Jahren nun zu Ende. Auch Rösler, der zumindest bis 45 in der Politik bleiben wollte, sieht für sich keine Zukunft mehr, wie er auf offener Bühne einräumte. Auch Ex-Chef Guido Westerwelle und viele andere in der Führung tragen ihren Anteil.

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erstellt am 23.Sep.2013 | 00:33 Uhr

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