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Meinungsforschung : Die Angst der Demoskopen vor dem Wahltag

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Politiker sagen, sie wollen nicht Umfragen, sondern Wahlen gewinnen. Dabei können die Meinungsbilder Wähler beeinflussen.

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2017 | 09:59 Uhr

Berlin | Meinungsforscher fürchten die Wahlsonntage. Am Montag danach stehen sie regelmäßig in der Kritik. Je weiter ihre Umfragen vom Wahltag entfernt waren, desto trügerischer fielen die Ergebnisse aus. Zwar spielen Berlins Parteien den Wert der Demoskopie herunter. Man wolle nicht Umfragen, sondern Wahlen gewinnen, heißt es immer wieder. Dennoch kann man in der Hauptstadt ein demoskopisches Suchtverhalten beobachten.

Vorwahlumfragen sind ungenau, manchmal gar spekulativ. Doch sie können Wähler auch im letzten Moment noch in ihrer Entscheidung beeinflussen.

Spitzenpolitiker setzen alle Hebel in Bewegung, um den Instituten die neuesten Umfrageergebnisse vor deren Veröffentlichung zu entlocken. Per SMS werden Vertraute dann von ihnen informiert. Obwohl Vorwahlumfragen selten mehr als momentane Stimmungen wiedergeben, blicken Politiker ihnen geradezu fieberhaft entgegen. Verfestigen sich Stimmungen nämlich zu Trends, wie bei der Entzauberung des SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz oder dem Popularitätsverlust von Torsten Albig, sind sie wahlentscheidend.

Nicht erst seit dem Schleswig-Holstein-Ergebnis ist bekannt, dass sich die Wählermehrheit kurzfristig entscheidet. Schon nach der Bundestagswahl 2013 ergaben Befragungen, dass die Entscheidung in der letzten Woche vor der Stimmabgabe fiel. Während Parteien noch vor einem Jahrzehnt auf viel Stammpublikum zählen konnten, nahm ihre Bindungskraft seitdem ab. Bis zu 70 Prozent der Bürger bezeichnen sich heute als Wechselwähler. Sie treffen ihre Entscheidung kurzfristig und sind von aktuellen Entwicklungen stark beeinflussbar. Das immer seltenere Traditionswahlverhalten auf Basis fester Werte entschuldigt manch scheinbar falsche Analyse der Meinungsforscher und macht Berlins Parteizentralen nervös.

Umstritten ist, wie weit Umfragen Wähler beeinflussen. Einerseits mobilisiert der Abwärtstrend einer Partei deren Anhänger. Mancher, der das Rennen schon gelaufen glaubte, bewegt sich dann doch zur Wahlurne. Andererseits sehen sich ungebundene Wähler nicht gern auf der Verliererseite. Meinungsforscher sprechen vom „Bandwagon-Effekt“ (Mitläufereffekt), der dem mutmaßlichen Wahlsieger zusätzlich Auftrieb gebe. ARD und ZDF hatten vor diesem Hintergrund lange darauf verzichtet, Umfragen in der Vorwahlwoche zu veröffentlichen. Wie die meisten Medien durchbrechen sie diese Regel inzwischen aber konsequent.

Dass selbst die letzten Vorwahlumfragen allerdings ungenau sind, ist auch auf Mängel in der Datenerhebung zurückzuführen. Noch immer werden die meisten Befragungen am Festnetz-Telefon durchgeführt. Nur wenige Institute arbeiten mit einer größeren Smartphone-Quote, obwohl manche Wähler das herkömmliche Telefon nicht mehr nutzen – je jünger, desto seltener. Auch hat die Auskunftsfreudigkeit nach Darstellung von Demoskopen stark abgenommen. Missbräuchliche Werbeanrufe und regelrechter Betrug durch kriminelle Abzocker machen Telefonnutzer vorsichtig. Der Datenschutzeifer auf Bundes- und Landesebene bewirkt ebenfalls Verbraucherskepsis. Nicht zuletzt scheuen einige Wähler das öffentliche Bekenntnis zur Partei ihrer Wahl. In den Erhebungen wird die AfD deshalb oft zu niedrig bewertet. Umfrageinstitute gewichten vor diesem Hintergrund Daten nach eigenem Ermessen – was zu spekulativen Ergebnissen führen kann.

Am genauesten sind jene Umfragen, die den 18-Uhr-Prognosen der Fernsehanstalten am Wahlabend zugrunde liegen. Sie spiegeln die tatsächliche Stimmabgabe der Befragten wider und zeichnen den weiteren Verlauf des Wahlabends vor. In Berlin ist es ein offenes Geheimnis, dass die Rohdaten schon ab 14 Uhr eines jeden Wahltages vorliegen und dann den Politikern zur Verfügung gestellt werden können. Graugesichtige Wahlverlierer wie jubelnde Sieger werden nicht erst um 18 Uhr überrascht.

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