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Terror in Afghanistan : Deutscher in Kundus von Taliban entführt

vom

Die Taliban erstarken wieder: Seit Sonntag wird ein deutscher Entwicklungshelfer in Kundus vermisst, der von den Terroristen entführt wurde. Die Provinzregierung schlägt Alarm: Kundus droht an die Taliban zu fallen.

shz.de von
erstellt am 22.Apr.2015 | 17:17 Uhr

Kundus | Ein in Kundus vermisster deutscher Entwicklungshelfer ist nach Angaben aus Polizeikreisen von den Taliban entführt worden. Die Taliban hätten den Deutschen am Sonntag verschleppt und in den Unruhedistrikt Char Darah gebracht, sagte ein hochrangiger Polizist, der anonym bleiben wollte, am Mittwoch. Die Geisel sei am Leben.

Die Taliban waren nach dem Abzug der Sowjetunion 1989 aus Afghanistan bei der Bevölkerung zunächst willkommen. Sie regierten von 1996 bis 2001 das Land und errichteten in der Zeit ein Regime, welches auf Terror und Gewalt basierte.  Nach den Anschlägen des 11. September 2001 starteten die USA die Militätoperation „Enduring Freedom“, in deren Folge die Taliban vertrieben wurden.

Offiziell dementierte Polizeisprecher Sayed Sarwar Hussaini weiterhin, dass es einen Vermissten- oder Entführungsfall gegeben habe. Auch eine offizielle deutsche Bestätigung für die Entführung lag zunächst nicht vor. Die „Bild“-Zeitung hatte am Dienstag berichtet, der Vermisste arbeite für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Nirgendwo hatte die Bundeswehr mehr Gefallene zu beklagen als in Kundus. Seit dem Abzug der Deutschen verschlechtert sich die Lage dort immer weiter. Afganische Regierungsvertreter warnen vor einer großen Gefahr.

Zehn Jahre lang dauerte der verlustreiche Einsatz der Bundeswehr in Kundus. Als die Truppe im Herbst 2013 abzog, gab es die vage Hoffnung, dass die Afghanen in der nordafghanischen Provinz alleine für ihre Sicherheit sorgen könnten. Doch eineinhalb Jahre später schlagen nicht nur Bewohner, sondern auch die Provinzregierung Alarm: „Die Taliban werden immer stärker“, sagt Vizegouverneur Hamdullah Daneschi.

 „Sie werden die gesamte Provinz erobern, wenn unsere Sicherheitskräfte nicht Unterstützung aus der Hauptstadt erhalten.“ In ganz Afghanistan hat sich die Sicherheitslage mit dem Auslaufen des Nato-Kampfeinsatzes zum Jahreswechsel deutlich verschlechtert. In vielen Provinzen blieb die in vergangenen Jahren übliche Kampfpause im Winter aus. Vergangene Woche räumte Innenminister Nurulhak Olomi vor einem Parlamentsausschuss ein, dass sich 20 der 34 afghanischen Provinzen ernsthaften Bedrohungen durch die Taliban ausgesetzt sähen.

Am Mittwoch kündigten die Taliban den Beginn ihrer alljährlichen landesweiten Frühjahrsoffensive an. Es wird die erste seit dem Ende des Nato-Kampfeinsatzes. Die afghanischen Sicherheitskräfte sind jetzt weitestgehend auf sich selber gestellt.

Auf Kundus hatte Präsident Aschraf Ghani nach seinem Amtsantritt im September einen Schwerpunkt gelegt, um der Eskalation der Gewalt entgegenzusteuern. Für den Posten des Polizeichefs interviewte Ghani vier Kandidaten persönlich, bevor er sich entschied.

Viel gebracht hat das nicht: Aus Sicherheitskreisen in Kundus heißt es, die Taliban kontrollierten inzwischen weite Teile von vier der sechs Distrikte in der Provinz. Die radikalislamischen Aufständischen unterhielten sogar Checkpoints vor den Toren der Provinzhauptstadt Kundus.

Vizegouverneur Daneschi sagt, viele ausländische Kämpfer seien in die Provinz eingesickert, als die pakistanische Armee im vergangenen Jahr ihre Offensive gegen Extremisten im Grenzgebiet begonnen habe. Sie machten nun mit den örtlichen Taliban gemeinsame Sache. Arbab Hakim, ein Einwohner des Unruhedistrikts Char Darah, sagt über die Ausländer: „Sie tragen schwarze Uniformen.“

Die Fremden hätten viel Geld. „Und sie haben Einfluss auf die einheimischen Taliban-Gruppen.“ Hadschi Nuruddin, der aus demselben Distrikt stammt, sagt, Dorfbewohner würden von den „Männern in schwarz“ terrorisiert, die vor allem Kämpfer aus Tschetschenien und der Islamischen Bewegung Usbekistans seien.

Auch Ausländerinnen seien darunter, die den Kämpfern dabei behilflich seien, Sprengfallen zu legen oder Häuser zu durchsuchen. „Sie bilden auch einheimische Frauen in sogenannten islamischen und Dschihad-Themen aus.“ Nuruddin sagt, die Extremisten würden die Dorfbewohner zwingen, eine „Dschihad-Gebühr“ zu entrichten - er habe umgerechnet 800 Euro bezahlen müssen. Und sie untersagten Afghanen, für die Regierung zu arbeiten. „Diese neuen Kämpfer sind sehr grob und ungesittet, sie mischen sich in unsere persönlichen Angelegenheiten ein. Die einheimischen Taliban haben die Dorfbewohner gut behandelt, aber die Neuankömmlinge können nur töten.“

Dorfbewohner sagen, in Char Darah seien in den vergangenen sechs Monaten mindestens zehn Stammesälteste und andere einflussreiche Persönlichkeiten getötet worden.

Ein einheimischer Taliban-Kommandeur aus Kundus sagt mit Blick auf die afghanische Armee: „Die Stimmung bei den Sklaven-Soldaten ist sehr schlecht, sie fliehen aus der Gegend, sobald wir anfangen zu kämpfen.“ Die Regierung in Kabul sei schwach wie nie. „Wir können im Sommer leicht ganz Kundus und andere Provinzen im Norden erobern.“ Das könnte man als die übliche Taliban-Propaganda abtun - wären da nicht die Warnungen von Regierungsvertretern. Provinzgouverneur Mohammad Omar Safi drohte im vergangenen Monat mit Rücktritt, sollte Kabul nicht Verstärkung schicken. Sein Stellvertreter Daneschi sagt, inzwischen seien die ausländischen Kämpfer und die lokalen Taliban „mit besseren Waffen ausgerüstet als die Sicherheitskräfte“.

Ein hochrangiger Polizist in Kundus, der nicht namentlich genannt werden wollte, sagt: „Als die deutschen Soldaten abzogen, entstand ein Sicherheitsvakuum.“ Mit dem Abzug der Bundeswehr habe auch die Luftunterstützung für die afghanischen Sicherheitskräfte aufgehört.

Der Polizist meint, die Sicherheitslage sei so schlecht wie nie seit Beginn des internationalen Militäreinsatzes vor gut 13 Jahren. Vizegouverneur Daneschi sieht das nicht anders. Er sagt: „Das ist die schlimmste Situation in Kundus seit 2002.“

Die Bundesregierung sieht keine grundsätzliche Verschlechterung der Sicherheit in der afghanischen Provinz Kundus. „Es ist richtig, dass die Sicherheitslage in der Provinz Kundus eine Herausforderung ist. Das ist sie aber schon ganz lange“, sagte der Sprecher des Auswärtigen Amtes, Martin Schäfer, am Mittwoch in Berlin. Eineinhalb Jahre nach dem Abzug der Bundeswehr hatte der Vizegouverneur von Kundus vor einer Eroberung der nordafghanischen Provinz durch die Taliban gewarnt.

Schäfer räumte ein, dass es besonders problematische Distrikte in der Provinz wie Char Darah und Archi mit vermehrten Auseinandersetzungen gebe. Zudem starteten die Taliban derzeit ihre Frühjahrsoffensive.

Grundsätzlich seien die afghanischen Sicherheitskräfte aber in der Lage, den Taliban im Gefecht wirksam zu begegnen. Notwendig sei nun auch die umgehende Bestätigung eines neuen Verteidigungsministers durch das Parlament, um die Armee noch schlagkräftiger zu machen.

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