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Stammheim, Schleyer, Landshut : Deutscher Herbst 1977: Der RAF-Terror verändert die Republik

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Die 44 Tage, die als „Deutscher Herbst“ in die Geschichtsbücher eingegangen sind, wirken bis heute nach.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2017 | 12:14 Uhr

Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer hat an diesem 5. September 1977 schon einen langen Tag hinter sich. Er ist am frühen Morgen von Stuttgart nach Köln geflogen und um 17.30 Uhr auf dem Weg vom Büro zu seiner Kölner Wohnung. Plötzlich steht ein blauer Kinderwagen auf der Straße. Aus einer Einfahrt setzt ein gelber Mercedes zurück. Schleyers Fahrer steigt hart auf die Bremse, das Begleitfahrzeug mit den drei Personenschützern fährt auf seinen Wagen auf. Im selben Moment eröffnen vier RAF-Terroristen das Feuer.

Schleyers Fahrer und die drei Polizisten werden erschossen, der Arbeitgeberpräsident aus dem Wagen gezerrt und verschleppt. Die Entführung und die dramatischen Wochen, die darauf folgen, werden als „Deutscher Herbst“ in die Geschichtsbücher eingehen. Es sind 44 Tage, die die Bundesrepublik verändern. 

Noch am Abend bittet Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) seine wichtigsten Minister und Berater zu einer Lagebesprechung ins Kanzleramt. Um 21.30 Uhr tritt er vor die Fernsehkameras. Die Botschaft seiner kurzen Ansprache ist unmissverständlich: Der Staat werde „mit aller notwendigen Härte“ antworten. „Gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes.“



Über Nacht verwandelt sich Bonn in eine Festung: Stacheldrahtrollen, Tarnnetze, Schützenpanzer an strategischen Ecken im Regierungsviertel. Es wirkt, als sei der Ausnahmezustand ausgerufen worden. Die Entführer, das RAF-„Kommando Siegfried Hausner“, fordern die Freilassung von elf Terroristen der Roten Armee Fraktion, unter ihnen die in Stuttgart-Stammheim inhaftierten Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller. 

Am 6. September, kurz vor Mitternacht, tritt erstmals der „Große Krisenstab“ mit den Spitzen der Sicherheitsorgane und aller Parteien des Bundestags zusammen. Sie alle stellen sich hinter die Linie von Kanzler Helmut Schmidt: Der Staat wird sich nicht erpressen lassen.

Was folgt, ist ein wochenlanger Nervenkrieg - mit schweren Fahndungspannen und einer beispiellosen Aufrüstung des Staates. 

Am 13. Oktober entführen vier palästinensische Luftpiraten als „Kommando Martyr Halimeh“ die Lufthansa-Maschine „Landshut“ auf dem Flug von Palma de Mallorca nach Frankfurt, um den Forderungen der Schleyer-Entführer Nachdruck zu verleihen. Bei einem Zwischenstopp in Aden wird Flugkapitän Jürgen Schumann mit einem Kopfschuss ermordet. Der Irrflug endet in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Am 18. Oktober, kurz nach Mitternacht, wird die Lufthansa-Maschine von einem Einsatzkommando der deutschen GSG 9 gestürmt. Drei der Entführer werden getötet, die 86 Geiseln befreit.

Im Bonner Kanzleramt sitzt zu diesem Zeitpunkt die „Große Lage“ zusammen. Nach Stunden des zermürbenden Wartens kommt die erlösende Nachricht. Staatsminister Hans-Jürgen Wischnewski meldet seinem Chef über eine stark gestörte Telefonleitung aus Mogadischu: „Die Arbeit ist erledigt.“ Schmidt hatte für den Fall eines Scheiterns der Aktion seinen Rücktritt schon vorformuliert. Es ist „wohl der dramatischste Augenblick meines Lebens seit dem Krieg“, wird er später sagen.

Die am 13. Oktober 1977 entführte 'Landshut' nach der Landung in Mogadischu.  Archiv
Die am 13. Oktober 1977 entführte „Landshut" nach der Landung in Mogadischu.  Archiv Foto: dpa


Nach der erfolgreichen Aktion des Spezialkommandos des Bundesgrenzschutzes ist die Erleichterung in Bonn zunächst groß. Der Kanzler und der Krisenstab setzen darauf, dass die Schleyer-Entführer nun aufgeben werden. Doch das Gegenteil passiert.

Im Nachtprogramm des Rundfunks wird die Nachricht von der Befreiungsaktion in Nordafrika verbreitet. Trotz „Kontaktsperre“ mit dem Verbot „jedweder Verbindung untereinander und mit der Außenwelt“ erfahren die Stammheimer Häftlinge davon. Schon bei Verhören haben sie angedroht, dass sie auf einen Selbstmord als „Entscheidung über uns“ vorbereitet sind. Mit Hilfe einiger Anwälte haben sie Waffen und Sprengstoff in den Stammheimer Hochsicherheitstrakt geschmuggelt. 

Als am Morgen des 18. Oktobers, wenige Stunden nach der Befreiungsaktion in Mogadischu, gegen 8 Uhr die Zellen der Häftlinge geöffnet werden, finden die Wärter zuerst den schwer verletzten Raspe, der kurz darauf stirbt. Baader liegt mit einem Kopfschuss tot in einer Blutlache. Ensslin hat sich in ihrer Zelle am Fenstergitter erhängt. Irmgard Möller überlebt als einzige mit Stichwunden in der Brust die Todesnacht im siebten Stock des Gefängnisses.

Ein Tag später, am 19. Oktober um 16.21 Uhr, läutet das Telefon bei der Textaufnahme im Stuttgarter Büro der Deutschen Presse-Agentur. Eine weibliche Stimme beginnt zu diktieren: „Hier RAF (...) Wir haben nach 43 Tagen Hanns Martin Schleyers klägliche und korrupte Existenz beendet. Herr Schmidt (...) kann ihn in der Rue Charles Peguy in Mülhausen in einem grünen Audi 100 mit Bad Homburger Kennzeichen abholen.“ Auf die Zwischenfrage eines Redakteurs, ob die Anruferin einen Beweis für die Echtheit der Mitteilung habe, antwortet sie knapp: „Sie werden es sehen, wenn Sie das Auto gefunden haben.“ 

Es wird noch viele Stunden dauern, bis die Nachricht an die Öffentlichkeit dringt. Die Bundesregierung hatte eine „Nachrichtensperre“ verfügt. Hintergrund: Mitteilungen der Entführer an einzelne Medien sollten nicht vor einer Freigabe durch die Sicherheitsbehörden veröffentlicht werden, um die Suche nach dem RAF-Versteck nicht zu gefährden. Heute, im Zeitalter der sozialen Medien, wäre eine solche „Steuerung“ wohl kaum noch möglich. 

Es wird Abend, bis der Fundort im Elsass weiträumig abgesperrt ist und der Kofferraum des Audis geöffnet wird. Darin liegt: Hanns Martin Schleyer, aus nächster Nähe mit Kopfschüssen ermordet. Bis heute ist ungeklärt, wer genau aus dem Kreis der inzwischen verurteilten RAF-Terroristen die tödlichen Schüsse abgab.



Bundeskanzlerin Angela Merkel hat später einmal als politische Folgen der Schleyer-Entführung zwei Punkte genannt: Der Staat dürfe nicht erpressbar sein. Und: In vergleichbaren Situationen müssten Regierung und Opposition zusammenhalten. Das gilt bis heute: Im laufenden Wahlkampf haben sich Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz darauf verständigt, die Terrorbekämpfung herauszuhalten, um die gesellschaftliche Geschlossenheit in dieser Frage nicht zu gefährden. 

Schmidt hatte von Anfang an den damaligen Oppositionsführer Helmut Kohl in den „Großen politischen Beratungskreis“ und damit in alle relevanten Entscheidungen eingebunden. Für den damaligen CDU-Partei- und Fraktionschef - ein Freund Schleyers und bis dahin vom SPD-Kanzler eher gering geschätzt - war diese Zeit eine wichtige Etappe auf dem Weg ins Kanzleramt, das er dann fünf Jahre später für 16 Jahre übernehmen sollte. Der Machtmensch Schmidt wiederum erlebte mit seinem Krisenmanagement im Terrorjahr 1977 die Zeit seiner höchsten Anerkennung in der Bevölkerung. 

Das Jahr 1977 steht aber auch für eine bis dahin nicht erlebte „Aufrüstung“ des Staates gegen potenzielle Feinde seiner Ordnung im Inneren. Unter dem BKA-Chef Horst Herold entwickelten die Behörden Techniken zur „beobachtenden Fahndung“, die bis heute mit der breiten Sammlung von Personendaten politisch umstritten ist.



Als der „Deutsche Herbst“ endete, war die Fahndungsbilanz zunächst mager. Gerade einmal neun der später 22 ermittelten Tatverdächtigten waren identifiziert. Zehn von ihnen fanden Unterschlupf in der damaligen DDR. Dennoch zieht RAF-Experte Butz Peters in seinem neuen Standardwerk („1977 – RAF gegen Bundesrepublik“) eine insgesamt positive Bilanz: „Führt man auf Staatsseite die Sichtweisen gegen Jahresende 1977 auf einen kurzen Nenner zusammen, lautet das Fazit: Der Blutzoll war hoch. Aber nur so ließ sich künftiges Unheil vermeiden. Der Staat hat die Herausforderung bestanden.“

Zehn Menschen hatte die RAF im Terrorjahr 1977 ermordet. Und es sollte noch 21 Jahre mit weiteren Todesopfern dauern, bis die Rote Armee Fraktion 1998 schließlich in einer anonymen Erklärung ihre Selbstauflösung verkündete: „Heute beenden wir das Projekt.“ 

Mit dem Aufkommen des radikalen Islamismus hat die Terrorgefahr seit dem 11. September 2001 einen ganz anderen Fokus. Nicht mehr einzelne Vertreter der „Herrschenden“, wie es in den 70ern hieß, werden heute zum Ziel, sondern wehrlose Bürger, deren einziger Fehler es ist, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Die neuen Extremisten töten wahllos und willkürlich. Und die Ziele sind völlig andere. „Der RAF ging es um das Zerschlagen eines kapitalistischen Systems“, sagt Bundesinnenminister Thomas de Maizière. „Dem IS geht es um die Errichtung eines Gottesstaates.“

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