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Søren Espersen von der Dänischen Volkspartei : Deutsch-dänische Grenzfrage: Dänemark bis zur Eider? – Nix da!

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Espersen bringt eine Angliederung des nördlichen Teils Schleswig-Holsteins an Dänemark zur Sprache. Anke Spoorendonk: „Absoluter Blödsinn!“

shz.de von
erstellt am 23.Feb.2017 | 20:08 Uhr

In Dänemark – da hat sich der Rechtspopulismus schon lange vor dem Erstarken von AfD, Trump und Marine Le Pen etabliert. So sehr, dass bürgerliche Regierungen wie auch die derzeitige von der parlamentarischen Unterstützung der nationalistischen Dänischen Volkspartei (DVP) abhängig sind. So sehr, dass DVP-Gründerin Pia Kjærsgaard heute Parlamentspräsidentin ist. So sehr, dass auch andere Urgesteine der selbsternannten Partei der kleinen Leute in hohe Ämter gekommen sind. Wie zum Beispiel der einstige DVP-Pressechef Søren Espersen.

Ausgerechnet den Vorsitz des außenpolitischen Ausschusses des Folketing, der Diplomatie erfordert, hat dieser undiplomatische Hau-Drauf erobert. Und nun strahlt dieser Vormarsch sogar bis nach Schleswig-Holstein aus: Mit Espersen bringt einer der führenden Außenpolitiker Dänemarks eine Angliederung des nördlichen Schleswig-Holstein an Dänemark ins Gespräch. Der dänische Außenminister Anders Samuelsen äußerte sich am Donnerstagabend sagte dazu: „Wie bekannt, ist dies nicht die Politik Dänemarks oder der dänischen Regierung“.

Was karnevalistisch anmutet, war keinesfalls so gedacht. Nur: Karneval gibt es in Dänemark nicht in der in Deutschland bekannten Weise. Der jahreszeitliche Zeitpunkt der Veröffentlichung ist Zufall. In einer ernsthaften Politik-Interviewreihe des Privatsenders DK4 fragte Moderator Siegfried Matlok, einst Chefredakteur der Zeitung der deutschen Minderheit in Dänemark, ob die DVP territoriale Forderungen an Deutschland habe.

Und Espersen antwortete ohne Lächeln auf den Lippen: „Ein Dänemark bis zur Eider ist Hoffnung und Traum zugleich. Selbstverständlich. Das muss auch die Idee der dänischen Minderheit sein, sonst verstehe ich gar nichts. Nichts in der Geschichte ist statisch. Das wäre ganz neu, wenn Grenzen unverändert bleiben.“ Um noch schnell hinterherzuschieben, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg „doch mit nur einem Fingerschnipsen“ das nördliche Schleswig-Holstein hätte haben können. Die britische Besatzungsmacht sei dazu bereit gewesen. Leider habe die eigene damalige Kopenhagener Regierung darauf verzichtet.

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Foto: shz, Grafik Yalim
 

Klugerweise. Denn schon wenige Jahre später zeigte sich: Das erdrutschartig angewachsene Bekenntnis zur dänischen Minderheit unmittelbar nach dem Krieg war nur von sehr kurzer Dauer, eine dänische Bevölkerungsmehrheit zwischen der Eider und der Grenze nicht ansatzweise Realität.

Das ändert nichts daran, dass ein Dänemark bis zur Eider eine Kernforderung des dänischen Nationalismus war, der sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat. Und es trotz mehrfach gescheiterter Versuche zur Umsetzung auf diffuse Weise bis heute geblieben ist – siehe Espersens Äußerung. Gedankliche Rückgriffe bis ins Mittelalter stecken dahinter, als Karl der Große und dänische Könige ihre Einfluss-sphären gegenseitig entlang des Flusses abgesteckt hatten. Und mehr als 400 Jahre Personalunion Schleswigs, Holsteins und Dänemarks. „Dänemark bis zur Eider“ wurde schließlich im – für die Dänen erfolglosen – Krieg von 1864 gegen Preußen und Österreich zum Schlachtruf.

Da muss man schon dankbar sein, dass Espersen zumindest betonte, er wünsche „keine Panzerschlacht“ im deutsch-dänischen Grenzland, um seine Ambitionen zu verwirklichen. Die Botschaft reicht auch so schon, um bei der Wählerschaft der DVP zu punkten. Die Partei hat bei den letzten Parlamentswahlen ihren höchsten Stimmenanteil ausgerechnet in der Großkommune Apenrade unmittelbar nördlich der deutsch-dänischen Grenze eingefahren. Da hat es eine besondere Pikanterie, mit Debatten über den Grenzverlauf Gefühle in Wallung zu bringen.

Neben der grundsätzlichen Sympathie für die Eider ist an dem Espersen-Interview bemerkenswert, dass er die Minderheit in Schleswig-Holstein quasi zum Grenz-Revisionismus aufruft. Nach dem Motto: Wer nicht für eine Vereinigung mit dem Mutterland sei, sei gar nicht dänisch. Das setzt mal eben ein Fragezeichen hinter das komplette deutsch-dänische Minderheitenmodell. Das durch weitreichende Rechte gerade darauf setzt, die Minderheiten trotz ihrer Eigenheiten zu loyalen Bürgern im jeweiligen Staat zu machen.

Offenbar immer noch mit Erfolg, denn die Dänen in Schleswig-Holstein erteilten Espersens Vereinnahmungsversuchen gestern eine klare Abfuhr. „Wir können unser Dänisch-Sein ohne Probleme auch ohne geopolitische Veränderungen ausleben“, bekräftigte der Vorsitzende des kulturellen Dachverbands der Minderheit, John Hardon Hansen vom Sydslesvigsk Forening (SSF).

SSW-Landtagsfraktionschef Lars Harms nannte die Forderung nach einer Grenzrevision „unzeitgemäß, unrealistisch und ein gefährliches Spiel mit dem Grenzfrieden, den wir nach Jahrhunderten deutsch-dänischer Konflikte gemeinsam erreicht haben.“ SSW-Europaministerin Anke Spoorendonk kommentierte auch ohne Twitter-Account twittermäßig kurz: „Absoluter Blödsinn!“

Der FDP-Abgeordnete Ekkehard Klug quittierte sarkastisch: Falls der Landesteil Schleswig zu Dänemark gehörte, bekäme die Minderheit nicht mehr Zuschüsse aus zwei Ländern. Den Bogen zum Karneval schaffte bei dem Thema dann doch noch der SPD-Landtagsabgeordnete Kai Dolgner, in Rendsburg unmittelbar an der betroffenen Eider beheimatet. Er rief sich zum „Sprecher für rückwärtsgewandte nationalchauvinistische Fragen“ aus und äußerte: „Warum so zaghaft? Ein anständiges Groß-Dänemark muss doch auch Holstein bis Altona umfassen.“ Mal gucken, ob das in Zeiten des Trumpismus Fantasie bleibt.

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