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Prüfbericht : Detektivarbeit im Organspendeskandal

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie oft haben Kliniken wirklich gegen Richtlinien zur Organspende verstoßen? Das verraten die Zahlen der zuständigen Prüfungs- und Überwachungskommission. Wie schlimm die Verstöße sind, bleibt offen.

shz.de von
erstellt am 05.Sep.2013 | 00:34 Uhr

Monatelang war das Ausmaß des Organvergabeskandals in Deutschland unklar – jetzt hat die Prüfungs- und Überwachungskommission von Ärzten, Kliniken und Krankenkassen lange erwartete Zahlen auf den Tisch gelegt. Doch wer gehofft hatte, dass sich nun zeigen würde, wie gravierend die Missstände wirklich waren, dürfte enttäuscht werden.

Der Bericht der Kontrolleure erscheint sehr konkret. Wie oft wurde im Prüfzeitraum 2010/2011 gegen die einschlägigen Richtlinien verstoßen? In Göttingen in 79 geprüften Fällen, in Leipzig in 76, in der Klinik München rechts der Isar in 38 und im nun offiziell neu in den Fokus rückenden Münster in 25 Fällen. Diese Kliniken bekommen den Stempel systematischer oder bewusster Falschangaben zugunsten der eigenen Patienten aufgedrückt. Diese sollen deshalb bessere Chancen für ein Spenderorgan und somit eine Rettung bekommen haben. In weiteren 15 Krankenhäusern gab es demnach kleinere, zufällige Regelverstöße – Bewertungs-, Flüchtigkeits- oder Dokumentationsfehler etwa.

Die einzelnen Berichte zu den Kliniken lesen sich stellenweise wie Protokolle von Detektivarbeit. Im Fall München ist davon die Rede, dass unrichtige Laborwerte an die zentrale Stelle Eurotransplant geschickt worden seien. Für Münster wird festgestellt: „Bei den 30 Patienten, die in den Jahren 2010 und 2011 gegenüber Eurotransplant als dialysepflichtig gemeldet worden waren, hatte in fünf Fällen eine Dialyse gar nicht stattgefunden oder aber war vorzeitig abgebrochen worden, ohne dass eine Wiederaufnahme möglich oder beabsichtigt war.“ In neun Fällen habe eine Indikation für Dialyse gefehlt. Wissen muss man dazu: Wer eine Blutreinigung braucht, bekommt mehr Punkte für die Warteliste. Die Kontrolleure vermerken in ihrem Bericht, eine Mitarbeiterin in Münster habe gesagt, dass sie bei bestimmten Therapien auch immer ein Kreuz bei Dialyse gesetzt habe, „weil nur das Punkte bringt“.

Beispiel Leipzig: Hier rückt ein schon vor Längerem ins Gerede gekommenes Schnellverfahren bei der Organvergabe mit in den Fokus. „Im Bereich des beschleunigten Vermittlungsverfahrens bestanden nach Auffassung der Kommissionen in drei Fällen erhebliche Bedenken, ob die Auswahl der Patienten überhaupt gerechtfertigt war und nicht vielmehr von einer Transplantation hätte abgesehen werden müssen.“ Andernorts heißt es, nicht alles habe geklärt werden können.

Zum größten Fall in Göttingen – hier läuft gerade ein Gerichtsverfahren gegen den früheren Leiter der Transplantationsmedizin – gibt es nichts Neues. Die Staatsanwaltschaft habe erst kürzlich die Veröffentlichung der Ergebnisse freigegeben – eine endgültige Fassung fehle noch.

Und was genau ist nun zum Beispiel in Münster passiert, wie schlimm sind die mutmaßlichen Verstöße? Die Vorsitzende der Prüfungskommission, Anne-Gret Rinder, wehrt ab: Konkrete Angaben will sie nicht machen. „Aber Münster ist in der Skala der vier Zentren mit systematischen Richtlinienverstößen als letztes genannt.“

Das Uniklinikum Münster (UKM) reagiert verschnupft. „In 16 Fällen weist das UKM den Vorwurf des Richtlinienverstoßes zurück.“ Klinikchef Norbert Roeder räumt nur in neun Fällen Fehler in Meldeformularen ein. Hintergrund ist auch, dass die Ärzte in Münster auch ein anderes, durchaus innovatives Dialyseverfahren als üblich zur Anwendung brachten, die Patienten offiziell aber anders eingestuft haben sollen.

Und was ist eigentlich mit den anderen Transplantationszentren? Unter die Lupe genommen wurden nun die 24 Leberzentren, insgesamt gibt es aber 47 Kliniken mit Organtransplantationen. Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery meint, die anderen kämen in den normalen Prüfzyklen dran. „Das Geschäft geht jetzt ganz normal weiter.“

Nun muss aus der Feststellung von Verstößen nicht unbedingt etwas folgen. Die Landesregierungen, Staatsanwälte und betroffenen Kliniken würden informiert. „Alles andere liegt dann in der staatlichen Hand“, sagt Kommissionschefin Rinder. So soll zum Beispiel das Münchner Klinikum rechts der Isar nach dem Willen der bayerischen Landesregierung keine Lebern mehr verpflanzen dürfen.

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