Serie zum Ende des 2. Weltkriegs : Der Weg in die Freiheit endete im Bombenhagel in der Eckernförder Bucht

Ein Militärprahm mit zumeist jüdischen Häftlingen aus dem östlich von Danzig gelegenen KZ Stutthof an Bord strandete am 4. Mai 1945 nach einem britischen Jagdbomberangriff vor Bookniseck. Er war auf dem Weg nach Flensburg.  
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Ein Militärprahm mit zumeist jüdischen Häftlingen aus dem östlich von Danzig gelegenen KZ Stutthof an Bord strandete am 4. Mai 1945 nach einem britischen Jagdbomberangriff vor Bookniseck. Er war auf dem Weg nach Flensburg.

Das tragische Ende jüdischer Frauen, die das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig überlebten, ist weitgehend unbekannt. Nur wenige Tage vor dem Kriegsende wurde ihr Schiff von der britischen Luftwaffe bombardiert.

shz.de von
22. Mai 2015, 15:54 Uhr

Deutschland vor 70 Jahren. Der Zweite Weltkrieg ist verloren, die Gesamtkapitulation unterschrieben. Doch es gibt ein Nachspiel. Am 9. Mai 1945 meldet der einzige verbliebene Reichssender in Flensburg das „Schweigen der Waffen“ an allen Fronten. Aber noch bis zum 23. Mai bleibt die letzte Reichsregierung unter Hitler-Nachfolger Dönitz im Amt. Untergang und Neuanfang, Niederlage und Befreiung, Verzweiflung und Hoffnung bestimmten die Tage. In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir mit Historiker Prof. Gerhard Paul Orte, an denen das Ende auf so unterschiedliche Weise deutlich wurde. Es sind oft unscheinbare Erinnerungsorte, an denen Kriegsverbrecher abzutauchen versuchten, Marineschiffe versenkt, angebliche Deserteure immer noch hingerichtet wurden oder KZ-Häftlinge auf dem Weg in die Freiheit waren.

Der Campingplatz Boockniseck liegt idyllisch an der Nordseite der Eckernförder Bucht. Wer hier seinen Wohnwagen aufstellt, will vor allem das Meer und den Strand genießen, der sich kilometerweit hinzieht. Schaut man nach Norden, ragen die Hochhäuser der Ferienanlage Damp mit der Klinik hervor. Prof. Dr. Gerhard Paul schlägt die entgegengesetzte Richtung ein. Dort, am Ende des Campingplatzes und Strandes, fallen unweit vom Ufer im Wasser kleine gelbe Spitztonnen und auf dem Land gelb-rot-gelbe Stangen mit gelben, querliegenden Kreuzen auf dem oberen Ende ins Auge. Sperrgebiet. Doch die meisten Urlauber, die hier die Sonnenstrahlen genießen, kennen die Seeschifffahrtszeichen nicht und zucken mit ihren Schultern. Was die Tonnen und Stangen zu bedeuten hätten? Keine Ahnung. Eine Tragödie hier am Ende des Zweiten Weltkrieges? Noch nie gehört.

„Das Schicksal der 6400 Toten der ‚Cap Arcona‘ und der ‚Thielbek‘ ist im kollektiven Gedächtnis geblieben, den Opfern des Marinefährprahms am 4. Mai 1945 vor Bookniseck wird weniger Erinnerung zuteil“, sagt der Flensburger Historiker Paul. Ja, es gebe einen großen Gedenkstein auf dem Mühlenberg-Friedhof in Eckernförde mit Davidstern und 22 Namen drauf. Doch das tragische Ende jüdischer Frauen, die das Konzentrationslager Stutthof bei Danzig überlebten und dann wenige Tage vor dem Kriegsende bei der Evakuierung auf dem Seeweg von der britischen Luftwaffe bombardiert worden, kennen viele nicht. Zu groß ist die Katastrophe der „Cap Arcona“, die am 3. Mai 1945 in der Lübecker Bucht von britischen Bombern beschossen wurde und sank. Über 4000 Insassen aus dem KZ-Neuengamme ertranken oder verbrannten auf dem sinkenden Schiff. Und einige von jenen, die es doch noch zum rettenden Ufer schafften, wurden nach Augenzeugenberichten von Nazis ermordet.

Beim tragischen Geschehen am nächsten Tag vor der Eckernförder Bucht war das anders. An Land gab es Retter. Die britische Luftwaffe hatte wie im Fall der „Cap Arcona“ geglaubt, dass es sich bei dem Schiffstransport auf der Ostsee um Absetzbewegungen der deutschen Marine handelte. Der Geheimdienst meldete, dass sich deutsche Offiziere auf dem Marinefährprahm davonmachen wollten. Tatsächlich trafen die Bomben aus der Luft rund 500 Überlebende des KZ Stutthof, darunter 350 Frauen und Kinder, die zwei Wochen vor dem Kriegsende von den SS-Aufsehern auf das Boot getrieben worden waren, um entlang der Ostseeküste nach Norden gebracht zu werden.

Hanni Krispin, eine der Überlebenden, erinnerte sich 2010 in einem Interview im ARD-Hörfunkstudie in Tel Aviv an das Geschehen vor Bookniseck: „Ich war auf dem Deck, als die Bomben fielen. Das Boot begann zu brennen.“ Die damals 21 Jahre alte Frau wollte auf Deck zu ihrer kranken Mutter, die ebenfalls die Qualen als KZ-Gefangene erlebt hatte. Als sie stürzte und verzweifelte Menschen über sie liefen, um sich in Sicherheit zu bringen, glaubte sie an ihr Ende.

Doch der Prahm strandete vor dem heutigen Campingplatz, und Anwohner – vor allem der Gutsbesitzer von Hof Booknis, Graf Oskar Moltke-Kirsten – retteten die Menschen aus dem zerbombten Schiffswrack. Graf Moltke-Kirsten organisierte Wagen und Trecker, damit die verletzten Frauen ins 17 Kilometer entfernte Krankenhaus nach Kappeln gebracht werden konnten.

Doch dort wurde eine medizinische Versorgung abgelehnt. Juden! Sechs Frauen starben auf der Rückfahrt. Von Hof Booknis ging es schließlich ins 18 Kilometer entfernte Eckernförder Krankenhaus, wo endlich ärztliche Hilfe geleistet wurde. Trotzdem verstarben weitere 16 Frauen. An die 22 Toten erinnert der besagte Gedenkstein auf dem Friedhof in Eckernförde.

Für die Überlebende Hanni Krispin war Graf Moltke-Kirsten, wie sie im Interview mit dem NDR sagte, ein Held. Für den Historiker Paul ist die Geschichte ein Beispiel dafür, dass es auch in den letzten Kriegstagen „Gerechte und Ungerechte“ gab. Noch Wochen nach dem Untergang des Militärfährprahms seien in Bookniseck Leichen angetrieben worden, erst im Dezember 1989 wurde das gestrandete Schiff gehoben.

Nur zwanzig Meter vom Ufer entfernt – so berichtete damals die „Eckernförder Zeitung“ – fanden Taucher des Bombenräumkommandos Kiel drei mit Sprengstoff gefüllte Flak-Granaten. Noch ein bitteres Erbe aus den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges. „In der ganzen Ostsee tickt eine Zeitbombe. Wir haben uns nach dem Ende der NS-Diktatur mit den politischen Altlasten befasst, kaum aber mit den ökologischen Folgen des Krieges“, sagt Prof. Paul und erinnert an die Verklappung von mehr als einer Million Tonnen Munition – darunter Giftgas – in der Ostsee.

> Lesen Sie morgen, wie am 23. Mai 1945 mit ihrer Verhaftung die Reichsregierung Dönitz endete.

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