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Der Kanzler der Wende : Der Osten und Helmut Kohl: Zwischen Jubel und Enttäuschung

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In Ost und West wurde Kohl völlig verschieden wahrgenommen. Unser Chefreporter, 1963 in Pirna geboren, erinnert sich.

Helmut Kohl wurde im Osten und Westen Deutschlands völlig verschieden wahrgenommen. Unser Chefreporter Dieter Schulz wurde 1963 im sächsischen Pirna geboren und hat den Wandel des Bildes von Helmut Kohl in den neuen Bundesländern erlebt.

Als ich den Namen Helmut Kohl vor fast 35 Jahren zum ersten Mal hörte, hatte der in der damaligen DDR keinen guten Klang. Ich saß an jenem verregneten Abend im Jahr 1982 neben meinem Vater im Auto, als im Radio der Staatsfunk der DDR den Sturz der sozial-liberalen Bundesregierung unter Helmut Schmidt verkündete. Und Helmut Schmidt war für meine Familie im sächsischen Pirna ein Idol. Selbst mein Vater, nach heutigen Begriffen ein Konservativer, der weder mit der damaligen SED in der DDR noch der heutigen SPD im geeinten Deutschland etwas am Hut hatte, trug damals eine Prinz-Heinrich-Mütze. Die ähnelte der Schmidtschen Hanseatenmütze und war im Osten ein Zeichen des stummen Protestes.

Helmut Kohl wurde erst im Jahr, als die Berliner Mauer fiel, zum „Kanzler der Einheit“ und begeisterte Hunderttausende in den neuen Bundesländern. Er stand für die Wiedervereinigung, er war der Politiker, der die Richtung vorgab – ostdeutsche CDU-Politiker wie Lothar de Maizière oder spätere Minister wie Günther Krause stürzten über ihre Vergangenheit oder über Skandale. Kohl stand für die Wiedervereinigung, für Durchsetzungsstärke und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Nicht von ungefähr war es das Versprechen von den „blühenden Landschaften“, das sein Bild prägte.

Ich hatte die Ehre, Helmut Kohl in der Wendezeit zu treffen und erlebte einen Mann, der mit seinen Visionen nicht zum Arzt musste, sondern andere mit diesen begeistern konnte. So emotional und so polternd, wie Kohl auf Großveranstaltungen wirkte, so überzeugend, so für sich gewinnend und auf den einzelnen eingehend konnte der Machtmensch im persönlichen Gespräch in kleiner Runde sein. In letzterem sind sich der „Wessi“ Kohl und seine Nachfolgerin aus dem Osten, Angela Merkel, ähnlicher, als viele denken.

Helmut Kohl prägte das Politikverständnis einer ganzen Generation in Ostdeutschland. Sein Spitzname „Birne“ wurde ihm ebenso wenig gerecht wie „Mutti“ Angela Merkel. Sein Agieren in der CDU-Spendenaffäre haben viele im Osten, auch meine Familie und ich, immer eher als standhaft und prinzipienfest empfunden.

Ja, am Ende pfiffen die Menschen 1998 in Dresden und Leipzig bei Wahlkampf-Veranstaltungen auch gegen ihn. Es war eben schmerzhaft, als zusammenwuchs, was zusammen gehört. Die marode DDR-Industrie war nicht konkurrenzfähig, Millionen verloren ihren Arbeitsplatz. „Besser-Wessis“ zogen ahnungslose Ostbürger über den Tisch – so wie Kohl für die Einheit stand, stand er nun für die Enttäuschung. Ähnlich wie es Kurt Biedenkopf erging, den die Sachsen als Ministerpräsident erst nahezu königsgleich verehrten und dann als Politiker, der nicht loslassen konnte, vom Hof jagten.

Helmut Kohl bleibt für mich als „Kanzler der Einheit“ in Erinnerung. So, wie er in der historischen Nacht im Dezember 1989 unterm Brandenburger Tor stand. Und nicht, wie er als alter, kranker und zutiefst verbitterter Mann im Rollstuhl zu seinen letzten Auftritten geschoben wurde.

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erstellt am 17.Jun.2017 | 13:24 Uhr

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