Interview : „Der Nahe Osten ist zum Spielball geworden“

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Publizist Michael Lüders über die Krisenherde in der arabischen Welt, die Chancen auf Frieden und die Rolle des Westens

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24. Januar 2018, 21:36 Uhr

In seinem Buch „Die den Sturm ernten: Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“ geht Nahost-Experte Michael Lüders der Frage nach, welchen Anteil der Westen an der Entwicklung in Syrien hat. Nach seinen Recherchen entspricht die Wirklichkeit nicht immer dem Bild, das uns davon vermittelt wird. Außerdem gibt es aus Lüders’ Sicht einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen der Situation im Nahen Osten und der Flüchtlingskrise, aber auch einer erhöhten Terrorgefahr in Europa. Mit Blick auf den Krisenherd Naher Osten spricht Lüders von einem Stellvertreterkrieg.

Herr Lüders, dass Ihnen einmal der Stoff für Ihre Bücher über den Nahen Osten ausgehen könnte, ist nicht zu erwarten, oder?
Nein, das geht ja immer weiter in der Region. Neue Krisen zeichnen sich ab, vor allem zwischen Saudi-Arabien und dem Iran. Die Anerkennung Jerusalems durch die amerikanische Regierung hat weiteres Öl ins Feuer gegossen. Die ganze Region ist in einem Zustand, der ebenso instabil wie anfällig ist für Eskalationen – und das verheißt nichts Gutes für die nahe Zukunft.

Mit Genugtuung dürfte Sie das kaum erfüllen?
Natürlich nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Region zur Ruhe käme und dass es eine politische Option gäbe, Frieden zu schaffen und die Spannungen abzubauen. Aber wir haben eine solche Vielzahl von Krisen, die sich gegenseitig befeuern, dass kein Ende in Sicht zu sein scheint. Gerade jetzt hat die Türkei militärisch in den Norden Syriens eingegriffen. Sie will verhindern, dass die Kurden dort zu autonom werden. Für die Amerikaner sind die Kurden Verbündete gegen islamistische Extremisten, aber für die Türkei sind sie eine Bedrohung. Dies ist nur ein Beispiel dafür, warum die Lage so verfahren ist. Die Länder dort haben viele interne Probleme. Aber es geht eben auch um die Einflussnahme von außen. Die ganze Region ist ein Spielball äußerer Interessen geworden. Die USA, Russland aber auch China mischen da kräftig mit. Und die Völker müssen irgendwie sehen, wie sie durch dieses Chaos hindurchfinden und nicht in den vielen Kriegen untergehen.


In Ihrem aktuellen Buch beschreiben Sie, wie der Westen, allen voran die USA, Syrien ins Chaos stürzte. Was sind die wichtigsten Eckpfeiler dieser Entwicklung?

Was die meisten nicht wissen, der Versuch, einen Regimewechsel herbeizuführen und Assad zu stürzen, hat ja eine lange Vorgeschichte. Den ersten Putschversuch weltweit gab es 1949 in Syrien. Damals ging es darum, ein Regime abzulösen, das einen wichtigen Vertrag nicht unterzeichnet hatte – für den Bau einer Erdölpipeline von Saudi-Arabien ins libanesische Sidon, über syrisches Staatsgebiet hinweg. Von amerikanischer Seite hat man dann in den 1950er-Jahren zwei weitere Militärputsche zu unternehmen versucht – mit dem Ergebnis, dass sich Syrien eng an die Sowjetunion angelehnt hat. Das erklärt auch die Waffenbrüderschaft mit Russland. Später ist dann noch der Iran hinzugekommen. Die Vorstellung, dass man politische Interessen mit Regimewechseln durchsetzen kann, ist in vielen westlichen Hauptstädten, vor allem in Washington, sehr verwurzelt. Aber das ist eine dramatische Fehleinschätzung, denn wir haben ja schon diverse Regimewechsel in der Region gehabt, im Irak zum Beispiel oder in Libyen und Afghanistan. Und das hatte jedes Mal verheerende Folgen für die Menschen. Die Lage ist nicht stabiler geworden. Es hat nur noch mehr Chaos und noch mehr Anarchie gegeben – und eine Zunahme des Terrors auch bei uns in Europa.

Syriens Präsident Baschar al-Assad zusammen mit Kremlchef Wladimir Putin im russischen Sotschi. Michael Klimentyev
Mikhail Klimentyev
Syriens Präsident Baschar al-Assad zusammen mit Kremlchef Wladimir Putin im russischen Sotschi. Michael Klimentyev


Sie schreiben Medienvertretern immer wieder ins Stammbuch, nicht genau genug hinzuschauen, das Geschehen im Nahen Osten zu sehr aus westlicher Perspektive zu beurteilen. Gleichzeitig vertreten Sie Ihre eigenen Positionen ausgesprochen meinungsstark und vehement. Woher nehmen Sie diese Sicherheit, und aus welchen Quellen speisen sich Ihre Erkenntnisse?

Ich lege alle meine Quellen offen. Das meiste kommt aus England oder den USA, etwa von der New York Times oder der Washington Post. Das sind völlig unverdächtige Quellen. Alle Informationen sind vorhanden, sie werden bloß sehr unterschiedlich gedeutet. Die Frage ist, wie gewichtet man bestimmte Informationen. In den westlichen Ländern, auch in den deutschen Medien, war man sich zum Beispiel völlig einig, dass der Krieg in Syrien ausschließlich auf die Bösartigkeit des Assad-Regimes und seine russischen und iranischen Unterstützer zurückzuführen ist. Und um Missverständnissen vorzubeugen: Natürlich ist das Assad-Regime furchtbar und hat sich vieler Verbrechen schuldig gemacht. Aber es ist zu einfach, die Dinge in Gut und Böse zu unterscheiden. Und man hat gerade auch von deutscher Seite immer wieder auf eine sogenannte Zivilgesellschaft gesetzt, die dann nach dem Sturz Assads die Macht übernehmen sollte. Ich habe mich immer gefragt, woher die Leute die Gewissheit nehmen, dass das funktioniert. Wann hat es das jemals gegeben, dass eine wie auch immer geartete Zivilgesellschaft die Macht in einem kriegszerstörten Land übernommen hätte. Ich glaube, man darf nicht den Fehler machen, westliche Überzeugungen eins zu eins auf andere Staaten, Religionen und Kulturen zu übertragen. Und es hat ja auch nicht geklappt, einen Regimewechsel in Syrien herbeizuführen. Assad ist nach wie vor fest im Sattel – als Ergebnis seines Bündnisses mit Russland und dem Iran. Das alles war abzusehen. Und weil man diese Front-Lage in Syrien nicht richtig durchdacht hat, haben wir jetzt in Europa, in Deutschland ein massives Flüchtlingsproblem. Das ist auch die Quittung für eine verfehlte Einschätzung der Lage in Syrien.

Was sind denn die wesentlichen Fehleinschätzungen westlicher Politik im Nahen Osten?
Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir – die Politik und die Medien – die Welt in Gut und Böse zu unterteilen neigen. Und die Guten sind selbstverständlich immer wir, die Staaten, die für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte stehen. Die Bösen sind alle anderen. Aber wenn man sich mal anguckt, was westliche Politik in den vergangenen Jahrzehnten in der Region angerichtet hat, dann ist das nicht gerade ein Ruhmesblatt westlicher Demokratie-Entwicklung. Man hat viel Unheil gestiftet, in dem man auf fragwürdige Herrscher gesetzt oder sie in dem Moment zu stürzen versucht hat, wenn sie westliche Interessen zu bedrohen begannen. Das gilt für Syrien, aber auch für Afghanistan. Also hören wir auf, die Welt in Gut und Böse aufzuteilen. Die Dinge sind sehr, sehr komplex im Nahen Osten. Und die Verbündeten von heute können die Gegner von morgen sein. Denken wir an die Waffenlieferungen der Bundesregierung an die Kurden im Norden Irans, die jetzt auf einmal auch in den innerirakischen Auseinandersetzungen zwischen Kurden und Arabern eingesetzt werden. Es gibt nicht hier die Guten, da die Bösen, sondern sehr, sehr viele Grautöne und sehr viele fragwürdige Akteure, die heute teilweise erbitterte Feinde und morgen Blutsbrüder sind.

Sie sagen ja sogar, dass Amerikaner, aber auch Europäer mit Al Quaida und Islamischem Staat genau die Geister hervorgebracht haben, die sie riefen? Wie ist das zu verstehen?
Na ja, man hat Saddam Hussein 2003 im Irak gestützt. Und dem muss man nun wirklich keine Träne nachweinen. Man hatte aber keinen Plan für den Wiederaufbau des Iraks, und das Ergebnis war, dass ethnische und religiöse Spannungen extrem zugenommen haben. Die Sunniten wurden durch die schiitischen Machthaber massiv an den Rand gedrängt, und das Ergebnis war, dass eine Aufstands- und Widerstandsbewegung entstanden ist gegen die amerikanisch und britisch geführte Besatzung und gegen die neuen schiitischen Machthaber in Bagdad. Aus dieser Bewegung sind verschiedene Terrororganisationen hervorgegangen, darunter der Islamische Staat.

Proteste im Iran: Eine Studentin nach einem Tränengas-Angriff auf dem Gelände der Universität in Teheran.
dpa

Proteste im Iran: Eine Studentin nach einem Tränengas-Angriff auf dem Gelände der Universität in Teheran.



Das erste Buch aus der mittlerweile dreiteiligen Reihe über Iran, Irak, Afghanistan, Libyen und Syrien widmete sich dem Iran. Der geht derzeit wieder durch die Medien. Von Revolution ist die Rede. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Es gibt eine große Unzufriedenheit über die wirtschaftliche Lage und die Korruption im Iran, die Vetternwirtschaft an der Spitze des Staates und allgemein das Gefühl, dass das Regime zu wenig unternimmt, um die Lebensverhältnisse für die ärmere Bevölkerung zu verbessern. Es ist eine spontane Protestbewegung gewesen, die sich da über die vergangenen zehn Tage erstreckt hat – vor allem in ländlichen Gegenden des Irans. Es wäre allerdings ein Irrtum anzunehmen, dass diese Protestwelle der Vorbote für einen Regimewechsel im Iran sei. Es ist nicht so, dass Menschen alle paar Jahrzehnte eine Revolution anzetteln. Die Iraner haben 1979 aufbegehrt, und sie wollen eines ganz gewiss nicht: erneut Anarchie und Chaos. Sie hoffen auf eine Reformbewegung innerhalb des Regimes, dass das Regime sich öffnet, pluraler wird und eine bessere Wirtschaftsleistung hinlegt. Das hängt aber nicht nur am iranischen Regime, sondern auch an den Sanktionen, die gegen das Land erhoben worden sind – im Zuge des Atomprogramms. Und trotz des Atomabkommens von 2015 sind viele Sanktionen gegen den Iran auf amerikanischen Druck noch immer nicht aufgehoben worden, was die iranische Wirtschaft massiv schwächt.

Ist es überhaupt noch möglich, die Lage im Nahen Osten zu befrieden? Und wenn ja, wie könnte das geschehen?

Das hängt sehr davon ab, von welchem Konflikt wir reden. Es gibt ja ein ganzes Bündel von Konflikten – zwischen Israelis und Palästinensern; im Irak gibt es Unfrieden, in Syrien einen anhaltenden Konflikt, in Libyen Anarchie und Staatsverfall. Ägypten ist in einem sehr labilen Zustand und sieht einer düsteren Zukunft entgegen. Was Israel und Palästina angeht, ist es wichtig, sich an internationalen Rechtsnormen zu orientieren und nicht an religiöser Geschichte, was dann gegebenenfalls dazu führt, die Grenzen dort zu setzen, wo sie gar nicht hingehören. Mit anderen Worten: Die fortgesetzte Besiedlung palästinensischer Gebiete ist nicht aufrecht zu erhalten. Und es ist dringend erforderlich, dass Russland und die USA sich ins Benehmen setzen. Sonst kann es in der Region tatsächlich noch zu weiteren massiven Konflikten kommen – vor allem, wenn die Amerikaner das Atomabkommen aufkündigen sollten.

Michael Lüders: „Die den Sturm ernten: Wie der Westen Syrien ins Chaos stürzte“, C.H. Beck Verlag, 175 Seiten, 14,95 Euro.

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