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Der Mensch spielt kaum eine Rolle

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

In der Diskussion über Syrien darf nicht nur in militärischen Kategorien gedacht werden – wichtiger ist Hilfe für die zivilen Opfer des Bürgerkriegs

Worin unterscheiden sich Kriege von Naturkatastrophen? Natürlich: Militärische Verwüstungen sind von Menschenhand gemacht, Naturkatastrophen dagegen sind wir mehr oder weniger hilflos ausgesetzt.

Doch es gibt noch ein Unterscheidungsmerkmal. Bei Naturkatastrophen denken wir zuerst an die Opfer. Ob Überschwemmungen, Erdbeben oder Wirbelstürme: Menschen rücken zusammen, Spendenkonten werden eingerichtet, die Solidarität gilt den Heimgesuchten.

Und im Krieg? Da wird in politischen und militärischen Kategorien gedacht. Wie lange dauert ein Militärschlag gegen das syrische Regime? Werden neben Marschflugkörpern und Kampfflugzeugen auch Bodentruppen eingesetzt? Was bedeutet die militärische Eskalation für die Stabilität in der gesamten Region? Und nicht zuletzt: Wie steht es um die völkerrechtliche Legitimitätsgrundlage eines Militärschlags?

Fragen über Fragen – nur der Mensch spielt darin kaum eine Rolle. Dabei haben die modernen Kriege gezeigt, dass sich nichts, aber auch gar nichts am Leid der Zivilbevölkerung geändert hat. Es gibt nicht die sogenannten „chirurgischen Militärschläge“, wie sie der US-Kongress fordert. In jedem Krieg sterben unschuldige Frauen und Kinder, jeder Krieg entwurzelt Menschen, zerstört Hab und Gut, reißt Familien auseinander.

Auch die zivilen Opfer des Bürgerkriegs in Syrien kommen zu kurz. Der grausame Kampf zwischen dem mörderischen Assad-Regime auf der einen und militanten Rebellengruppen auf der anderen Seite ist nur die eine Wahrheit. Millionen Menschen sind auf der Flucht vor dem Gemetzel, darunter Hunderttausende von Kindern. Städte und Dörfer sind in Schutt und Asche gelegt, die medizinische Versorgung ist nicht mehr gewährleistet. Von den mehr als 100 000 Toten, die dieser Krieg bislang gefordert hat, ganz zu schweigen.

Militärschläge mögen die ultima ratio sein in diesem Land, in dem zu den Kriegsverbrechen des Assad-Regimes die wachsende Radikalisierung der Rebellen kommt. Doch die Diskussion darüber, was die „angemessene“ Reaktion des Westens auf den Giftgas-Einsatz in Syrien ist, darf nicht nur unter militärischen Aspekten geführt werden. Angemessen ist vor allem humanitäre Hilfe. Zumal das große Sterben im syrischen Bürgerkrieg schon lange vor dem „zivilisatorischen Verbrechen“ begann, wie Bundesaußenminister Guido Westerwelle den Einsatz chemischer Waffen im syrischen Bürgerkrieg nannte. Doch erst jetzt schaut die Welt genauer hin.

Wichtiger als die militärische Option ist die internationale Hilfe für die zivilen Opfer dieser Katastrophe. Wie viele Flüchtlinge aus Syrien nimmt Deutschland auf? Wie viele zivile Helfer schicken wir zum Wiederaufbau? Spätestens, wenn die Waffen ruhen, kommt die Nagelprobe. Ist die Humanität stärker als die Barbarei des Krieges?

Bleibt jedoch die Frage, wie lange das Interesse der westlichen Welt an den Zuständen in Syrien und in der gesamten Nahost-Region anhält. Dieser Bürgerkrieg ist militärisch kaum zu beenden; zu groß sind die Gräben auch innerhalb der syrischen Opposition. Das Leid der Zivilbevölkerung wird also weitergehen, weil sauberes Trinkwasser fehlt, weil die Wirtschaft danieder liegt, weil Schulen und Krankenhäuser zerstört sind. Doch ein Blick in den Irak zeigt, wie schnell die öffentliche Aufmerksamkeit des Westens sinkt. Fast täglich werden aus Bagdad und anderen Städten Bombenattentate mit Dutzenden von Toten gemeldet. Sie wirken fast wie Verkehrsnachrichten. Man nimmt sie zur Kenntnis – und geht zur Tagesordnung über.

Der Westen hat bei vielen Einsätzen immer wieder betont, dass militärisches Eingreifen ein Gebot von Vernunft und Verantwortung sei. Doch mit jedem Militärschlag steigt die moralische Verpflichtung für die Zeit danach. Die Opfer dieses Bürgerkriegs in Syrien dürfen nicht alleingelassen – oder noch schlimmer: den verfeindeten islamistischen Rebellengruppen ausgeliefert werden. Sonst wird die moralische Begründung militärischen Handelns zur Scheinmoral.

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erstellt am 31.Aug.2013 | 00:33 Uhr

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