Der künftige „Präsident aller Polen“ gibt Rätsel auf

Der „nette Präsident vom nebenan“? Wahlsieger Andrzej Duda.
Der „nette Präsident vom nebenan“? Wahlsieger Andrzej Duda.

Nach dem Wahlsieg des nationalkonservativen Andrzej Duda droht ein Rechtsruck in Warschau

shz.de von
25. Mai 2015, 14:53 Uhr

In der Stunde des großen Triumphes blieb Andrzej Duda bescheiden. Sein Lächeln wurde zwar breiter, als er sich am Sonntagabend den Weg durch die jubelnde Menge im Wahlquartier der polnischen Nationalkonservativen bahnte. Aber gleichzeitig suchte der frisch gewählte polnische Präsident den Brückenschlag über Parteigrenzen hinweg: „Ich will, dass man in fünf Jahren sagt, dass Duda der Präsident aller Polen ist“, sagte der 43-jährige Jurist.

Duda hatte gestern nach Auszählung von 28 der 51 Wahlbezirke 53,8 Prozent der Stimmen erhalten. Sein Konkurrent bei der Präsidenten-Stichwahl, der deutschfreundliche Bronislaw Komorowski, wurde nach einem blutleeren Wahlkampf auch Opfer der Unzufriedenheit der Bürger mit der Regierung.

Bürgernah gab Duda sich am Morgen nach der Wahl. An einer Warschauer U-Bahnstation verteilte er Kaffee, wollte zeigen, dass er den Weg auch zu denen sucht, die in nicht gewählt haben. In der Hauptstadt dürften das viele sein: Seit Jahren macht seine Partei PiS hier keinen Stich gegen die liberalere Bürgerplattform. Sein Parteibuch will Duda zurückgeben: Als Präsident aller Polen könne er schließlich nicht parteilich sein.

Doch nicht alle glauben an den netten Präsidenten von nebenan. Manche warnen vor einer „Orbanisierung“ Polens, also einem strammen Kurs nach rechts wie in Ungarn unter Victor Orban. Dabei ist Duda auch für viele Polen als Politiker bis zum Präsidentenwahlkampf ein Unbekannter gewesen. Wie wird es künftig weitergehen im Verhältnis zur EU, zu Deutschland oder zu Russland? Eine klare Antwort gibt Duda nicht. Im Wahlkampf hatte er sich auf sozialpolitische Themen konzentriert, auf die Alltagsprobleme der Menschen. Polen müsse seine nationale Identität auch in der EU bewahren, seine nationalen Interessen verfolgen, betonte er in einer TV-Debatte. Das klingt wie ein Zugeständnis an diejenigen Wähler, die von tiefem Misstrauen gegen Europa geprägt sind. Es weckt aber auch Erinnerungen an die Zeit, als Polen unter dem nationalkonservativen Präsidenten Lech Kaczynski und seinem Zwillingsbruder Jaroslaw Kaczynski als Regierungschef kaum einen Konflikt mit den Nachbarn ausließ. Damals galten Kompromisse in der EU als Zeichen von Schwäche und die Erinnerung an tragische historische Erfahrungen blockierten den Blick auf die Zukunft.

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