Rezension von Michael Wolffs „Fire and Fury“ : Der Bestseller über Präsident Trump: „Ein krasses Buch“

„Ein Idiot, der von Clowns umgeben ist“ – schonungslos werden in Wolffs Buch Zitate zu einem Gesamtbild des Präsidenten zusammengefügt.

„Ein Idiot, der von Clowns umgeben ist“ – schonungslos werden in Wolffs Buch Zitate zu einem Gesamtbild des Präsidenten zusammengefügt.

Michael Wolffs „Fire and Fury“ verrät wenig Neues über Trump und gehört trotzdem zu den wichtigsten Büchern über diese Präsidentschaft, findet US-Korrespondent Thomas J. Spang.

shz.de von
16. Januar 2018, 15:17 Uhr

Washington | Einen Pulitzer-Preis wird der Autor des furiosen Insider-Reports aus dem Weißen Haus vermutlich nicht erhalten. Dafür fehlt „Fire and Fury“ der Tiefgang, der das Buch über seinen Gebrauchswert für die politische Gegenwart hinaus wertvoll machte. Wichtig ist der Titel, weil er eine Chronologie und Enzyklopädie des ersten Jahres dieser anormalen Präsidentschaft liefert.

Wolff zieht den Vorhang auf und gibt den Blick frei auf ein Weißes (Irren-)Haus, dessen Kompetenz Trumps Top-Wirtschaftsberater, der ehemalige Goldman-Sachs-Banker Gary Cohn, gegenüber dem Autor in erschütternder Ehrlichkeit so beschreibt: „Ein Idiot, der von Clowns umgeben ist.“ Cohn vertraute Wolff an, sich permanent in einem „Zustand von Schock und Horror“ zu befinden.

Wenn nur die Hälfte von dem stimmt, was der New Yorker Spezialist für Klatsch und Tratsch zu Papier gebracht hat, gibt es allen Grund, diese Sorge zu teilen. Wolff zeichnet das Bild eines Präsidenten, dessen Team bis zum Tag von Trumps Wahl selber nicht daran geglaubt hatte, nur die Spur einer Chance zu haben.

Bände spricht das Eröffnungskapitel, in dem Wolff ein privates Dinner mit dem zwischenzeitlich verstorbenen Fox-Chef Roger Ailes, dessen Frau, der Chefredakteurin des „Hollywood Reporters“, Janice Min, und Steve Bannon schildert. Darin reden Ailes und Bannon über den gerade gewählten Präsidenten der Supermacht USA wie einen Schutzbefohlenen.

 

„Er kapiert, was er kapiert“, zitiert Wolff den damaligen Chefstrategen Trumps. Worauf Ailes amüsiert hinzufügt: „Ich würde ihm nicht zu viel zum Nachdenken geben.“ Das Bild des allzeit überforderten Toren, der nicht liest, keine Geduld für inhaltliche Briefings hat und Experten für Langweiler hält, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch – und wird von Wolff anhand vieler Anekdoten, Zitate und Schilderungen belegt. Saftigere Details bleiben dagegen oft vage.

Ob es stimmt, dass sich Trump bereits zur Kinderstunde in seine Privatgemächer zurückzieht, um im Bademantel Cheeseburger zu mampfen, während er auf drei Flachbildschirmen gleichzeitig Kabel-Shows schaut, lässt sich am Ende kaum beweisen. Wichtig ist, dass Wolffs Leser sich dies nach der Lektüre genauso vorstellen können wie einen Präsidenten, der nachts verloren durch das Weiße Haus irrlichtert oder niederes Personal paranoid anweist, seine Zahnbürste nicht anzurühren.

Da gebissene Hunde bekanntlich bellen, lassen die Reaktionen Trumps mehr als einen Kern an Wahrheit vermuten. Sein Versuch, das Erscheinen von „Fire and Fury“ per Unterlassung in letzter Minute zu verhindern, geriet zu einem Ritterschlag für den Autor. Und der Bruch mit Bannon, der sich unter den 200 Interviewten als eine der ergiebigsten Quellen für das Buch entpuppte, verleiht Wolffs Insider-Report das Prädikat „Pflichtlektüre“.   

Das gilt auf jeden Fall für das Team von Sonderermittler Robert Mueller, das in „Fire and Fury“ eine Menge zusätzlicher Munition für seine Ermittlungen findet. So zitiert der Autor Bannon mit der Einschätzung, das Treffen zwischen Donald Trump Junior und russischen Emissären im Trump-Tower vom August 2017 sei „verräterisch“ gewesen. Zudem sei es kaum vorstellbar, dass der Senior die Besucher anschließend nicht selber empfangen habe.

Der in Ungnade gefallene „Dark Vader“ der amerikanischen Politik versuchte sich nach dem Erschienen von dieser Aussage zu distanzieren, doch Mueller erhielt dank Wolffs Schilderung der Episode eine Steilvorlage auf Schwarz und Weiß. Der Autor nennt auch ein Motiv für Trumps fragwürdiges Interesse an Russland: Düstere Finanzgeschäfte. Wladimir Putin habe in ihm einen nützlichen Idioten erkannt, der sich darum bemühte „sein Freund zu sein“.

Tage nach dem Erscheinen auf dem US-Markt wetterte Trump noch gegen das „Fake-Buch eines mental entgleisten Autors“, der „wissentlich falsche Informationen“ verbreite. Aus Sicht des Präsidenten gehören dazu wohl auch die Teile des Buchs, in dem Wolff einen Mann schildert, der Anzeichen von Demenz erkennen lässt. Trump erzähle in immer kürzeren Abständen die immer selben Geschichten, erkenne Personen nicht wieder, könne sich nicht konzentrieren und sei oft – wie sein Haushaltschef Mick Mulvaney gesagt haben soll – „zu verwirrt, um hilfreich zu sein“.

Was Wolffs Polit-Schmöker zu einer kurzweiligen Lektüre macht, ist gleichzeitig die Schwäche des Titels. Die Perspektive des allwissenden Erzählers hält die Leser von „Fire and Fury“ zu Lasten der Genauigkeit in Atem. Da behauptet der Autor etwa, Trump habe nicht gewusst, wer John Boehner sei, obwohl dieser mit dem früheren Speaker nachweislich stundenlang Golfen ging. Oder er schreibt die Namen gut bekannter Personen falsch.

Unbeabsichtigt übt Wolff die hochverdiente Rache an einem, der selber zu Superlativen und ständigen Übertreibungen neigt. Was er nicht liefert, ist eine inhaltliche Auseinandersetzung mit Trump oder den Versuch, das Phänomen des Trumpismus zu erklären. Wer danach sucht, findet in David Frums „Trumpocry“, Joshua Greens „Devils Bargain“ oder Norm Ortsteins „One Nation After Trump“ vermutlich bessere Antworten. 

„Fire and Fury“ ist der Bestseller, den dieser Präsident verdient hat: genauso schonungslos, genauso plakativ, genauso unterhaltsam. Kurz gesagt: ein krasses Buch.    

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