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Präsident des Instituts für Weltwirtschaft : Dennis Snower nach dem Brexit: „Unsicherheit ist Gift für die Wirtschaft“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Dennis Snower, Präsident des Instituts für Weltwirtschaft, fürchtet negative Folgen durch den Brexit – sowohl für die EU wie auch für Großbritannien

Kiel | Dennis Snower ist in Wien geboren, hat die amerikanische Staatsbürgerschaft und lebte und arbeitete über 20 Jahre in London. Als Kosmopolit und überzeugter Europäer tritt er für den Zusammenhalt der EU und die Förderung einer gemeinsamen europäischen Identität ein. Die Brexit-Entscheidung alarmiert ihn.

Was bedeutet das Brexit-Votum?

Snower: Diese Entscheidung wird potenziell fatale Folgen haben, auch wenn sie nicht überraschend gekommen ist. Besonders tragisch ist das Votum, weil kein einziges Argument der Brexit-Befürworter stichhaltig ist.

Wie sehen die Folgen konkret aus – etwa für die britische und deutsche Wirtschaft?

Es wird nun eine möglicherweise lange und gefährliche Phase der Unsicherheit folgen, wie es mit den Beziehungen der EU zu Großbritannien weitergeht. Unsicherheit ist immer Gift für die Wirtschaft, weil sich Unternehmen dann zum Beispiel mit Investitionen zurückhalten.

In welche Richtung gehen Ihre Prognosen beim Wachstum?

Nach unseren Schätzungen, die nur sehr vorläufig sein können, wird die Zuwachsrate des britischen Bruttoinlandsprodukts (BIP) um etwa 1 Prozent im Jahr 2017 und knapp 2,5 Prozent im Jahr 2018 zurückgehen. In Deutschland könnte das BIP durch größere Unsicherheit und eine niedrigere Nachfrage aus dem Vereinigten Königreich in den kommenden beiden Jahren um etwa ein Prozent gemindert werden, gleiches gilt für die EU als Ganzes.

In London denken Politiker über ein Assoziierungsabkommen nach dem Modell der Schweiz oder Norwegens nach.
Für Großbritannien ist das blanke Utopie. Die Briten hätten dann ihren Einfluss in der EU verloren, müssten aber weiter fast alle Regeln befolgen. Und dass die EU Großbritannien ziehen lässt, dem Land aber weiter in großem Umfang wirtschaftliche Vorteile gewähren wird, ist ebenfalls unwahrscheinlich.

Was also wird die EU nach Ihrer Einschätzung tun?

Es wird Forderungen geben, dass Brüssel und die Europäischen Staaten ein Exempel statuieren, um andere vom Verlassen der Union abzuschrecken. Es kann aber nicht nur um Abschreckung gehen. Es muss faire Verhandlungen mit Großbritannien geben, in denen aber auch klar wird, dass es unbequem ist, außerhalb der EU zu stehen. Politische Fliehkräfte in anderen europäischen Staaten gibt es leider einige. Denken wir nur an rechtspopulistische Parteien etwa in den Niederlanden, in Österreich oder Frankreich.

Was muss passieren, damit die EU nicht weiter zerfällt?

Europa muss das Zugehörigkeitsgefühl der Bürger zur Gemeinschaft stärken. Das muss vor allen weiteren Integrationsschritten stehen. Nur wenn Wähler die EU-Zugehörigkeit als Teil ihrer Identität wahrnehmen, werden sie bereit sein, einen politischen Kurs der tieferen Integration oder auch der gegenseitigen Unterstützung zu tragen.

Wie kann dieses Gefühl denn erzeugt werden angesichts der Kritik, die gern und oft an Brüssel geäußert wird?

Wir müssen Kontakte unter den EU-Bürgern in allen Gesellschaftsschichten ausbauen. Durch gemeinsame Bildung, Arbeitsmarktpolitik und kulturellen Austausch muss für mehr sozialen Zusammenhalt gesorgt werden. Damit wächst das Verständnis für Gemeinsamkeiten, aber auch die Toleranz für unterschiedliche Sichtweisen.

Und die Rolle der EU-Mitgliedsländer dabei?

Die müssen ihre gemeinsamen Werte wieder klar definieren und an die Bürger kommunizieren. Wenn bei den Bürgern ein attraktives Bild gemeinsamer Werte entsteht, wächst die Bereitschaft, auch in Krisenzeiten füreinander einzustehen.

Heißt das umgekehrt, so arg ist es gar nicht mit den wirtschaftlichen und politischen Problemen Europas?

Natürlich gibt es diese Probleme. Die aber sind nur ein Symptom der viel größeren Herausforderung: Der Entwicklung einer gemeinsamen europäischen Identität, die neben den vielen nationalen und kulturellen Identitäten Europas besteht. Die EU muss ihren Bürgern eine inspirierende Vision bieten, die mehr ist als nur das Versprechen möglichen Wohlstands...

...weil die Gesellschaft mehr ist als ein Marktplatz...

So ist es. Identität entsteht nicht allein durch Freihandel in einem gemeinsamen Markt. Ohne eine starke gemeinsame Identität kann die EU langfristig nicht überleben.

Einen Kommentar zum Brexit vom Online-Chefredakteur Joachim Dreykluft finden Sie hier. Weitere Reaktionen aus Deutschland und aus Europa zum Brexit.

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erstellt am 25.Jun.2016 | 08:28 Uhr

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