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Interview mit US-Ökonom : Dennis Snower: „Grexit würde auch Europa gefährden“

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Für den US-Ökonomen Dennis Snower hätte der Austritt Griechenlands aus der Eurozone kaum abschätzbare Folgen.

shz.de von
erstellt am 17.Jun.2015 | 07:03 Uhr

Kiel | Ein Ausstieg Griechenlands aus dem Euro kann nach Einschätzung des US-Ökonomen Prof. Dennis Snower Europa destabilisieren. „Ein Grexit wäre sehr risikoreich, und vor allem die politischen Folgen lassen sich kaum abschätzen“, sagte der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft am Mittwoch in einem Interview. Nach der Rückkehr zur Drachme und einer Staatspleite könnte Griechenland nur mit einem Verzicht auf die Rückzahlung seiner gigantischen Schuldenlast sowie mit europäischen Finanzhilfen wieder vorankommen.

Eine deutliche Mehrheit der Deutschen spricht sich für ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone aus. Nach einer am Mittwoch veröffentlichten Umfrage des Instituts YouGov würden es 58 Prozent vorziehen, dass das von der Staatspleite bedrohte Land den Euro verlässt. 28 Prozent wollen Griechenland im Euro behalten. 14 Prozent haben dazu keine Meinung oder machten keine Angaben. Für wahrscheinlich halten 49 Prozent einen Austritt, 41 Prozent halten dies für unwahrscheinlich.

Lassen sich die Folgen eines Grexit vorhersehen?

Kurzfristig wären die ökonomischen Folgen für den Rest der Euro-Zone überschaubar, aber für Griechenland wären auch schon die kurzfristigen Wirkungen schmerzlich. Wenn der Grexit nicht durch Europa abgefedert wird, droht Griechenland zu einem politisch und ökonomisch instabilen Staat zu werden. Davon gehen dann auch Gefahren für die wirtschaftliche und politische Stabilität des übrigen Europa aus, die sich nicht abschätzen lassen.

Bestünde die Gefahr einer Rezession in Europa?

Wenn es zu einer länger anhaltenden politischen und ökonomischen Instabilität in Griechenland kommt, birgt das auch Gefahren für die Konjunktur in anderen europäischen Ländern. Dabei spielt weniger die unmittelbare wirtschaftliche Verflechtung Griechenlands mit anderen Ländern eine Rolle als vielmehr die entstehende Unsicherheit, die das Investitionsklima ausbremst.

Droht die Pleite griechischer Banken und damit auch eine Existenzgefahr für andere Banken Europas?

Für einen Zusammenbruch des griechischen Bankensystems sollte Europa dank der Schutzschirm-Mechanismen gerüstet sein. Die griechischen Banken sind vor allem bei staatlichen Stellen verschuldet. Hier droht unmittelbar keine große Gefahr für das Finanzsystem.

Zu den mittel- und langfristigen Perspektiven: Würden unter dem Strich durch einen Staatsbankrott und einen Austritt aus dem Euro und die Wiedereinführung der Drachme insgesamt die positiven Auswirkungen für Griechenland überwiegen?

Dies könnte nur erreicht werden, wenn Griechenland dabei vom Rest Europas unterstützt würde. Dazu würden ein weitgehender Verzicht auf die Rückzahlung der Schulden und Finanzhilfen für die Restrukturierung von Griechenlands Wirtschaft und der politischen Institutionen gehören. Ohne seine gigantische Schuldenlast und die damit verbundenen Zinsen hätte Griechenland die Chance auf einen Neuanfang: Das Land müsste nicht zum gescheiterten Staat werden, sondern könnte sich außerhalb der Eurozone erneuern.

Welche Hausaufgaben müsste Griechenland machen?

Griechenland müsste in eigener Souveränität Reformen umsetzen, in die Wettbewerbs- und Innovationsfähigkeit seiner Wirtschaft investieren und die Korruption bekämpfen, um damit die Basis für langfristiges, nachhaltiges Wachstum zu legen. Eines Tages könnte das Land dann gestärkt, unter neuen Voraussetzungen und ohne geschönte Zahlen in die Eurozone zurückkehren - und Vorbild sein für einen echten Relaunch. Dies wäre jedoch die risikoreichere und wahrscheinlich auch teurere Option im Vergleich zu einer Lösung, die einen Staatsbankrott und einen Grexit verhindert.

Prof. Dennis J. Snower (64) ist seit 2004 Präsident des Instituts für Weltwirtschaft in Kiel. Der amerikanische Wirtschaftswissenschaftler hat Regierungen mehrerer europäischer Staaten beraten. Auch der Internationale Währungsfonds und die Weltbank griffen auf seine Expertise zurück. Er war Gastprofessor unter anderem in Harvard und Princeton.
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