Jungferninseln St. Thomas und St. Croix : Debatte: Muss Dänemark sich für die Sklaverei in Westindien entschuldigen?

<p>Dänische und amerikanische Flagge am Veterans Drive in Charlotte Amalie auf St. Thomas.</p>

Dänische und amerikanische Flagge am Veterans Drive in Charlotte Amalie auf St. Thomas.

Hundert Jahre nach dem Verkauf der Westindischen Inseln entfacht ein Streit um den Umgang mit der eigenen Geschichte.

shz.de von
27. März 2017, 13:21 Uhr

Kopenhagen | Der außenpolitische Sprecher der Dänischen Volkspartei, Søren Espersen, der kürzlich mit seinen Äußerungen über ein Dänemark bis zur Eider in Deutschland für mediales Aufsehen gesorgt hat, hat sich in die Diskussion über die Verantwortung des heutigen Dänemarks für seine kolonialen Missetaten eingemischt.

Mit oder im Ersten Weltkrieg endete nicht nur für Dänemark das koloniale Zeitalter. Hundert Jahre später eröffnet sich für viele Staaten Europas erneut die Frage, wie man der historischen Verantwortung Rechnung tragen kann. Die Herero und Nama fordern von Deutschland finanzielle Entschädigung für die Massaker in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika.

Es geht bei dieser Debatte um historische Verfehlungen des Landes einmal nicht um den wunden Punkt Grönland, sondern um des Vermächtnis der Dänischen Westindien-Kompanie. Auf den Karibikinseln St. Thomas, St. Jon und St. Croix wurden aus Afrika eingeschiffte Sklaven (atlantischer Dreieckshandel) ab 1672 über weit mehr als ein Jahrhundert in den Zuckerrohrplantagen unter widrigsten klimatischen Bedingungen und Gewalt zur Arbeit gezwungen. Viele Sklaven begingen Selbstmord. Ein dunkles Kapitel der Geschichte, das bis nach Deutschland reicht und der einstigen Rumhauptstadt Flensburg als bedeutendstem Importhafen zeitweilig Reichtum verschaffte.

Die Regierungspartei Venstre und allen voran die Dansk Folkeparti zeigen keinerlei Willfährigkeit für eine offizielle Entschuldigung in Richtung der heute US-Amerikanischen Inseln in der Karibik. Es sei schon überraschend, dass die linksliberale Partei „Radikale Venstre“ ihre Haltung geändert habe und nun doch dafür sei, dass sich Dänemark offiziell für Sklaverei und Sklavenhandel während der Zeit als Koloniemacht in der Karibik entschuldige, sagte Espersen.

„Wir unterstützen die Aussagen des ehemaligen radikalen Außenministers Nils Helveg Petersen, dass es keinen Sinn ergebe, dass Generationen, die nie Sklaven gehalten haben, sich bei Generationen entschuldigen sollen, die nie Sklaven waren“, zitiert die Nachrichtenagentur Ritzau den Sprecher der nationalkonservativen Partei.

<p>Früher legten aus Dänemark kommende Sklavenschiffe aus Afrikas Westen in Saint Thomas an und nahmen auf dem Rückweg Zucker mit. Heute liegen dort Kreuzfahrtschiffe.</p>
xblickwinkel/McPhotox/MichaelxDeFreitasx

Früher legten aus Dänemark kommende Sklavenschiffe aus Afrikas Westen in Saint Thomas an und nahmen auf dem Rückweg Zucker mit. Heute liegen dort Kreuzfahrtschiffe.

Auch die rechtsliberale Regierungspartei Venstre ist dieser Auffassung. „Ich finde, wir sollten uns ja auch nicht für die Wikingerzeit bei Frankreich entschuldigen“, sagt deren Fraktionssprecher Jakob Ellemann-Jensen. „Ich bin also der Meinung, dass Entschuldigungen von denen gegeben werden sollten, die die Untaten begangen haben.“ Auch die Sozialdemokraten wollen sich nicht bei den Bewohnern der Jungferninseln entschuldigen.

Forscherin: Es geht nicht um individuelle Schuld

Doch das sei moralisch nicht in Ordnung, sagt die Geschichtspolitik-Forscherin Astrid Nonbo Andersen vom Dänischen Institut für Internationale Studien der Nachrichtenagentur. Eine Entschuldigung könne nur an lebende Menschen gegeben werden. Die Argumentation der Folketingsmehrheit ergebe keinen Sinn. „Es geht nicht um individuelle Verantwortung, es geht um staatliche Verantwortung“, sagt sie. „Es gibt massenweise Beispiele dafür, dass man es dennoch gemacht hat. Es ist also ein gültiges philosophisches Argument“, sagt die Wissenschaftlerin und unterstreicht, dass die Sklaverei auf unterschiedliche Weise das Leben der jetzigen Bewohner des damaligen Dänisch Westindien präge. So sind rund 80 Prozent der Einwohner afrikanischer Abstammung.

Eine Entschuldigung würde also durchaus die Richtigen erreichen, meint sie. „Das ist da drüben lebendige Geschichte“, denn für viele „würde das eine Anerkennung der Geschichte bedeuten, die man dort hat, und alle Probleme, die diese mit sich brachte.“ Dieser Ansicht sind auch die Folketingsfraktionen der Radikalen Venstre, der Einheitsliste, der Alternative und der Sozialistischen Volkspartei. Sie fordern eine offizielle Entschuldigung des dänischen Staates.

Sklaverei in dänischem Namen bis 1848

Dänemarks Sklavereigeschichte reicht zurück bis ins Jahr 1672, als die erste Kolonie auf der Insel St. Thomas eingerichtet wurde. Begonnen hat die Geschichte übrigens in Hamburg, wo 1659 die Glückstädter Africanische Kompanie gegründet wurde, die von König Friedrich III. mit der Kolonisierung beauftragt wurde und die schließlich 1671 in der Dänischen Westindischen Kompanie aufging. 1775 übernahm der dänische Staat die Kontrolle über die Kolonien in die eigene Hand.

1792 wurde der Handel mit Sklaven verboten, jedoch trat die betreffende Verordnung erst 1803 in Kraft. Allerdings war Sklaverei weiterhin erlaubt und wurde erst viele Jahre später, 1848, durch Generalgouverneur Peter von Scholten endgültig verboten und auf St. Croix nach einem Aufstand der Sklaven abgeschafft. Der ursprüngliche Plan sah vor, die Sklaven erst 1860 endgültig freizugeben und ihnen bis dahin nur nach und nach Freiheitsrechte einzuräumen. 1878 wurde die wurde die Hauptstadt Frederiksted bei einem Austand ehemaliger Sklaven komplett zerstört.

1917 kauften die USA die Inseln St. Thomas, St. Jon und St. Croix für 25 Millionen US-Dollar.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen