zur Navigation springen

Umstrittene Zulassung in der EU : Debatte in Brüssel: Wie gefährlich ist Glyphosat?

vom

Eine neue Studie des Umweltbundesamtes sorgt für Aufsehen. Doch auf das Zulassungsverfahren des Pestizids hat sie vermutlich kaum Einfluss.

shz.de von
erstellt am 28.Jan.2016 | 12:30 Uhr

Berlin/Brüssel | Das Unkrauftvernichtungsmittel Glyphosat bleibt ein großes Thema – nicht nur in Deutschland. In Brüssel beraten Vertreter der EU-Staaten über das umstrittene Pestizid. Das berichtet der NDR. Die EU-Kommission muss in den nächsten Monaten entscheiden, ob Glyphosat weitere zehn Jahre in der Europäischen Union zugelassen bleibt.

Glyphosat ist Hauptbestandteil einiger Unkrauftvernichtungsmittel und kommt weltweit zum Einsatz. Das Pestizid steht im Verdacht, krebserregend zu sein. Eine eventuelle erneute Zulassung ist umstritten, da es viele unterschiedliche Studien gibt, die Glyphosat entweder für gefährlich oder für unbedenklich halten.

Erst kürzlich hat das Umweltbundesamt (UBA) eine neue Studie zur Glyphosat-Belastung veröffentlicht. Über einen Zeitraum von 15 Jahren wurden bei Studenten Urinproben entnommen. Während 2001 nur bei zehn Prozent der Probanden eine Anreicherung von Glyphosat im Urin nachgewiesen werden konnte, waren es 2013 bereits 60 Prozent. Im vergangenen Jahr war die Belastung noch bei 40 Prozent der 400 Proben nachgewiesen worden. Der höchste gemessene Wert lag dabei nur bei rund einem Tausendstel des von der EU-Lebensmittelbehörde festgelegten Grenzwertes. Da die Weltgesundheitsorganisation (WHO) jedoch befürchtet, Glyphosat sei „wahrscheinlich krebserzeugend beim Menschen“, müsse über das Pestizid neu diskutiert werden, sagt das UBA.

Hintergrund: Glyphosat

Glyphosat wird seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre weltweit zur Unkrautbekämpfung eingesetzt – in der Landwirtschaft, der Industrie und auch in privaten Haushalten. Das Pestizid ist ein Breitbandherbizid, das ein für das Wachstum der Pflanze wichtiges Enzym hemmt. Nutzpflanzen können mittels Gentechnik eine Resistzenz gegen Glyphosat erhalten. In Deutschland spielen diese Pflanzen allerdings keine Rolle. Die deutsche Landwirtschaft setzt das Pestizid um die Aussaat herum, zwischen Ernte der Winterfrucht und Aussaat der Sommerfrucht eingesetzt. Stark eingeschränkt auch vor der Ernte. 30 bis 40 Prozent der Ackerflächen in Deutschland werden mit Glyphosat behandelt.

2015 wurde Glyphosat von mindestens 91 Chemieunternehmen in 20 Ländern hergestellt und in über 130 Ländern verkauft. Bekannte Unkrauftvernichter mit Glyphosat heißen „Round Up“ (Monsanto), „Glyfos“ (Cheminova) oder „Touchdown“ (Syngenta)

Die IARC, eine Unterorganisation der WHO hatte die Einstufung im März 2015 nach Auswertung mehrerer Studien vorgenommen. Dagegen hatte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) bei einer Untersuchung 2014 nach eigenen Angaben keine solchen Hinweise gefunden. Auch der Hersteller Monsanto betont: „Toxikologische Langzeitstudien an Ratten und Mäusen haben gezeigt, dass auch eine dauerhafte Verabreichung von Glyphosat das Krebsrisiko nicht erhöht.“

Kritik kam damals von Bernd Biggemann von der BUND-Kreisgruppe Pinneberg „Von zwölf Mitgliedern der BfR-Kommission für Pflanzenschutzmittel sind zwei Mitarbeiterinnen von BASF und ein Mitarbeiter von Bayer CropScience. Und von der 18-köpfigen Arbeitsgruppe, die die EFSA zur Neubewertung der Wirkung von Glyphosat einsetzte, haben acht Verbindungen zur Industrie“. Allein steht er mit der Vermutung nicht. So haben sich etwa 5000 Ärzte in einer Unterschriftenliste zusammengetan. „Um die Bürger vor unnötigen Krebserkrankungen zu schützen, muss Glyphosat verboten werden“, sagt der Initiator, ein Internist aus Aachen. Das IARC genieße höchste Anerkennung, man müsse die Warnung ernst nehmen. Das BfR berufe sich hingegen auf Studien von Herstellerfirmen.

Doch das beruhigt die Politiker nicht mehr. „Pflanzenschutzmittel wie Glyphosat gelangen durch den intensiven Einsatz in Flüsse, Seen und Bäche. Die Daten für Schleswig-Holstein deuten auf eine erhebliche ökotoxikologische Beeinträchtigung der Gewässerbiologie hin“, warnte Kiels Grüner Umweltminister Robert Habeck im September 2015. Auch im Grundwasser – der Hauptquelle für das Trinkwasser – seien Rückstände der Pflanzenschutzmittel und ihrer Abbauprodukte in relevantem Ausmaß zu finden. „Es besteht also Handlungsbedarf“, sagt der Minister.

Auch Präsidentin Maria Krautzberger vom Umweltbundesamt reagiert auf die neue Langzeitstudie: „Wir müssen die Datenlage zur Belastung beim Menschen verbessern. Insbesondere bei Kindern wissen wir bisher kaum etwas. Dazu läuft im UBA bereits eine Studie. Wir sollten Glyphosat auch nicht isoliert betrachten, sondern die eingesetzten Produkte umfassender untersuchen. Heißt: Glyphosat mitsamt der anderen Stoffe bewerten, die zugesetzt werden, damit es auf dem Acker überhaupt wirkt.“

Dennoch dürfte die Einschätzung des BfR eine größere Rolle bei der Diskussion über Glyphosat in Brüssel spielen als die Untersuchung des Umweltbundesamtes. Für das Zulassungsverfahren müsse die UBA-Studie nicht hinzugezogen werden, heißt es in dem NDR-Bericht. Die publizierten Daten seien keine repräsentative Studie. Die wissenschaftliche Bewertung sei abgeschlossen und nun sei es an der Politik, Glyphosat zu genehmigen oder nicht.

Deutsche Umweltschützer und Grünen-Politiker kritisierten bereits im Vorjahr die Haltung des Bundesinstituts. „Was das BfR vorgelegt hat, taugt nicht als Grundlage für ein Wiederzulassungsverfahren“, kommentierte der agrarpolitische Sprecher der Grünen im EU-Parlament, Martin Häusling. Er forderte eine Neubewertung. „Es ist unverantwortlich, Glyphosat weiter als unbedenklich einzustufen“, meinte auch der Pestizidexperte des BUND, Tomas Brückmann.

Harald Ebner, Pestizid-Experte bei den Grünen, will die Neuzulassung von Glyphosat auf EU-Ebene verhindern. Er sagte gegenüber dem NDR, dass umfassende Untersuchungen darüber fehlten, wie hoch die Gefährdung durch das Mittel wirklich ist. Bis dahin müsse das Vorsorgeprinzip gelten: Zulassung nicht verlängern und Stopp von Glyphosat-Anwendungen im öffentlichen Raum.

Laut dem Bericht haben Hamburg und Niedersachsen bereits reagiert und vor wenigen Tagen die Anwendung von Glyphosat an öffentlichen Plätzen gestoppt. Zunächst solle geklärt werden, ob und unter welchen Bedingungen das Mittel krebserregend ist. Eine Info- und Protestkampagne der Naturschutzverbände hatte im vergangenen Jahr Wirkung gezeigt: Große Baumärkte in Schleswig-Holstein wie Toom (Rewe-Gruppe) oder Bauhaus nahmen das Mittel aus den Regalen.

(mit dpa)

 

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen