Deutsche Einheit : DDR-Flüchtlinge aus Prag: Die Angst fuhr mit im Zug der Freiheit

Um 6.14 Uhr am 30. September 1989 erreichte Zug aus Prag das oberfränkische Hof.

Um 6.14 Uhr am 30. September 1989 erreichte Zug aus Prag das oberfränkische Hof.

Vor 29 Jahren rollte der erste Zug mit rund 1000 DDR-Flüchtlingen im oberfränkischen Hof in den Bahnhof ein. Reporter Peter Wüst war damals dabei.

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03. Oktober 2018, 17:04 Uhr

Hof | Das Ende von Genschers legendärem Satz „Liebe Landesleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise...“ ging im Jubel der Botschaftsflüchtlinge unter. Kurz danach musste der Politiker den Menschen erklären, dass sie noch einmal 253 Kilometer durch das Land fahren müssen, aus dem sie geflüchtet sind. Ein Schock, und wieder ein Schrei aus tausend Kehlen „NEIN!“

Die Menschen aus der DDR waren nach einem Ungarn-Urlaub in die Prager Botschaft geflüchtet. Nach zähen Verhandlungen des damaligen Außenministers Hans-Dietrich Genscher (FDP) und der DDR-Führung wurde den Flüchtlingen die Ausreise in den Westen am 30. September 1989 gewährt. Die Machthaber in Ost-Berlin wollten die Ausreise ihrer „abtrünnigen Bürger“ aber über ihr eigenes Staatsgebiet abwickeln.

Ein Zug, der nicht auf dem Fahrplan stand

Entlang der Strecke zwischen Schöna und Gutenfürst kam es deshalb zu Protesten der DDR-Bevölkerung, in Dresden auch zu Ausschreitungen. Einige Menschen versuchten, auf die durchfahrenden Züge aufzuspringen, was allerdings angesichts der massiven Staatsmacht misslang. Die blauen Ausweise mit dem Emblem des Arbeiter- und Bauernstaates wurde den Bürgern während der Fahrt über Dresden, Freiberg, Karl-Marx-Stadt und Plauen von der Stasi abgenommen: „Wir hatten Angst, die man im ganzen Zug riechen konnte“, sagten viele der Flüchtlinge nach ihrer Ankunft. Auf der Fahrt in die Freiheit hatten sie zum ersten Mal mit eigenen Augen gesehen, wie sehr sich die DDR mit Mauern, Grenztürmen und Todesstreifen abgesichert hatte.

Vor 29 Jahren rollte um genau 6.14 Uhr im oberfränkischen Hof der Zug auf dem Bahnsteig ein. Ein Zug, der nicht auf dem Fahrplan stand. Es war der erste Zug der Freiheit mit rund 1000 DDR-Botschaftsflüchtlingen aus Prag, und wieder ein Schrei aus tausend Kehlen: „Freiheit, Freiheit, Freiheit!“ Ein Augenblick, den man sein Leben lang nicht mehr vergessen kann.

Erschöpfung und Rührung

Wie versteinert saßen die Lokführer der „Taigatrommel“ in ihrem Führerstand, blickten angewidert auf Menschen, die vor Glück am Bahnsteig niederknieten und den Boden küssten. Einer der Lokführer schrieb später in einem Bericht an die Stasi: „Ich habe mich für meine Landsleute geschämt!“

Noch am Bahnhof wurden die DDR-Flüchtlinge von Helfern des bayerischen DRK in der Bahnhofshalle betreut und versorgt, viele zitterten vor Erschöpfung, oder weinten gerührt, auch die Helfer. Die meisten Frauen, Männer und Kinder reisten in Aufnahmelager in Bayern und Hessen weiter. 658 blieben erstmal in Hof und übernachteten in der Freiheitshalle.

Tränen der Rührung bei der Ankunft im Bahnhof.
Peter Wüst

Tränen der Rührung bei der Ankunft im Bahnhof.

 

Peter Wüst  war damals als Chefreporter von Radio Schleswig Holstein (RSH) und Korrespondent des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages (SHZ) dabei. Seine Reportagen, und die seiner Kollegen wurden später mit einem Rundfunkpreis geehrt. RSH war damit der erste Radiosender der Privaten, der mit einem Medienpreis ausgezeichnet wurde.

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