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Talsperre droht überzulaufen : Dauerregen und Katastrophenalarm: Braune Fluten im Harz

vom

Tief «Alfred» sorgt in vielen Regionen Deutschlands für den Ausnahmezustand. Heftiger Regen und Hochwasser treffen vor allem die Region am Harz. Innerhalb von zwei Tagen regnet es mehr als sonst im ganzen Juli. Ein wenig Besserung ist in Sicht.

shz.de von
erstellt am 26.Jul.2017 | 21:10 Uhr

Wegen heftiger Regenfälle ist im niedersächsischen Landkreis Goslar der Katastrophenalarm ausgerufen worden. Tief «Alfred», das seit Tagen in vielen Teilen Deutschlands für Hochwasser und tiefgraue Himmel sorgt, traf am Mittwoch vor allem die Region am Harz.

Braune Wassermassen strömten durch die Straßen von Goslar . Hunderte Rettungskräfte waren im Landkreis im Dauereinsatz.

Auch andere Regionen Deutschlands wurden durch den starken Regen unter Wasser gesetzt. Es kam zu Behinderungen im Bahn- und Busverkehr. Laut Deutschem Wetterdienst fiel innerhalb von zwei Tagen teilweise deutlich mehr Regen als sonst im gesamten Juli. Die starken Niederschläge ließen gegen Abend teilweise nach. Für die kommenden Tagen gaben Meteorologen Entwarnung - wirklich sommerlich wird es aber auch nicht .

In Sachsen-Anhalt verschwand während des Dauerregens in Wernigerode eine 69-Jährige in der Nähe eines Flusslaufes. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass sie in einen stark angestiegenen Fluss gefallen sei, sagte ein Polizeisprecher.

«Eine solch dramatische Hochwasserlage hat die Stadt Goslar seit 70, 80 Jahren nicht erlebt», betonte Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk am Mittwochabend. Tagsüber hatte Michael Weihrich, Sprecher im Landkreis Goslar, gesagt: «Die Lage ist weiter sehr, sehr angespannt. Alles, was wir an Einsatzkräften zur Verfügung haben, ist im Einsatz.»

In der 40 000-Einwohner-Stadt Goslar selbst waren demnach ein oder zwei Straßenzüge in der Altstadt wegen des Hochwassers evakuiert worden. Die kleine Siedlung Oberschulenberg im Landkreis wurde ebenfalls vorsorglich evakuiert. Der Damm eines alten Teiches drohte laut Behörden dort zu brechen.

Auch in Hildesheim stand die Evakuierung eines Wohngebiets im Raum: «Bisher halten unsere Dämme. Wir sind hier aber nach wie vor auf alles vorbereitet. Auch auf eine Evakuierung», sagte ein Sprecher der Feuerwehr. Sollte geräumt werden, wären laut Stadt 1100 Menschen betroffen.

Auf der Ostseeinsel Rügen wurden bei einem Unfall bei Dauerregen zwei Urlauber lebensgefährlich verletzt. In Niedersachsen wurden drei Feuerwehrmänner im Hochwassereinsatz bei einem Verkehrsunfall verletzt. Aus bislang ungeklärter Ursache geriet ihr Fahrzeug plötzlich auf den unbefestigten Seitenstreifen, der wegen der Regenfälle stark aufgeweicht war.

Wegen der starken Regenfälle war die Zillierbachtalsperre oberhalb von Wernigerode im Harz randvoll - ob sie überläuft, war aber ungewiss. Der Zulauf nehme nicht mehr zu, und so sei unklar, wann und ob die Talsperre überlaufe, hieß es am frühen Abend.

Ein umgestürzter Baum brachte den Zugverkehr zwischen Deutschland und Polen bei Grambow in Mecklenburg-Vorpommern zum Erliegen. Auch in Niedersachsen kam es wegen Erdrutschen und Straßensperrungen zu Ausfällen und Verspätungen im Busverkehr; einige Bahn-Regionalverbindungen wurden gesperrt. In Hessen war der Boden wegen des Regens laut der Feuerwehr so aufgeweicht, dass mehrere Bäume umfielen. Sie blockierten Straßen und beschädigten die Oberleitung einer Straßenbahn.

Gegen Abend entspannte sich die Lage den Behörden zufolge in einigen Regionen wieder, darunter in Nordhessen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. In weiten Teilen Thüringens ließ der Dauerregen ebenfalls nach, die Flüsse waren allerdings weiter angeschwollen.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz wandte sich an die Einsatzkräfte und Freiwilligen in den Hochwassergebieten: «Ich danke der Polizei, der Feuerwehr und allen Helferinnen und Helfern, die in den vom Hochwasser betroffenen Gebieten im Einsatz sind», schrieb er auf Twitter. Er sei in Gedanken bei Betroffenen und Helfern. «Jetzt gilt: Alle mit anpacken!»

Besonders betroffen vom Dauerregen der vergangenen Tage war nach Angaben des DWD ein Streifen vom südlichen Niedersachsen über Teile Hessens und Thüringens bis nach Nordbayern . Dort fielen binnen 48 Stunden verbreitet mehr als 100 Millimeter Regen - und damit teils deutlich mehr als sonst in einem gesamten Juli. Auf dem Brocken im Harz registrierte der DWD sogar 238 Millimeter Regen, in Seesen im Harz 161 Millimeter, in Helbedündorf in Thüringen 134 Millimeter und in Hessisch-Lichtenau 111 Millimeter.

Wie normal ist dieser Sommer? Dazu sagte Wetterexperte Jörg Kachelmann im dpa-Interview, Juni und auch weite Teile des Julis seien in weiten Teilen Deutschlands deutlich überdurchschnittlich gewesen, «von den Temperaturen her, auch von der Sonnenscheindauer her»: «Die groteske Wahrnehmung bei vielen Menschen im Lande ist, dass es normal wäre, wenn es jetzt wochenlang Sonne und Hitze gäbe.»

Der DWD erklärte, die Meteorologen seien noch dabei, den Dauerregen der vergangenen Tage auch unter regionalen Gegebenheiten einzuordnen. Es sei theoretisch möglich, dass die jüngsten Regenmengen ein Anzeichen von globaler Erwärmung und Klimawandel seien, sagte DWD-Meteorologe Martin Jonas und betonte gleichzeitig, er würde nie von einem Einzelereignis auf eine Gesamtentwicklung schließen. «Man darf nicht vergessen, dass Wetter und Klima eine natürliche Bandbreite haben. Normalität ist nicht das Normale beim Wetter.»

Für die kommenden Tagen gaben Meteorologen unterdessen Entwarnung: Der Dauerregen geht zu Ende, Tief «Alfred» zieht nach Osten ab, wie der DWD mitteilte. Der Regen höre damit zwar nicht auf, aber die Intensität lasse nach. Wirklich sommerlich-schön wird es allerdings nicht. Erst zum Wochenende zeichnet sich eine allmähliche Beruhigung mit wieder steigenden Temperaturen ab.

DWD

Der Katastrophenalarm, den der Landkreis Goslar wegen massiver Überschwemmungen offiziell ausgerufen hat, löst einen zuvor genau festgelegten Krisen-Mechanismus aus. Der eingesetzte Katastrophenschutzstab übernimmt die Gesamtverantwortung und übergeordnete Koordination aller Einsätze für das Krisengebiet und fordert weitere Einsatzkräfte oder Materialien an. Bis auf wenige Ausnahmen trägt das Land dabei die Kosten für das, was einsatzbedingt von diesem Gremium offiziell angefordert wird. Seine Mitglieder wurden schon im Vorfeld bestimmt und für ihre Aufgabe geschult.

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