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Insolvenz der MS Deutschland : Das ZDF-Traumschiff und der Fluch des Geldes

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Aus Traumschiff wird Albtraum: Laut Experten wurde der Wert des Schiffes viel zu hoch angesetzt.

shz.de von
erstellt am 29.Okt.2014 | 16:45 Uhr

Neustadt | Das einstige Traumschiff „MS Deutschland “ wird zum Albtraum für die Eigner. Schon die beiden Deilmann-Schwestern wurden mit ihrem Erbe nicht froh und erlitten 2009 mit dem Luxusliner und der Neustädter Reederei Deilmann Schiffbruch. Jetzt kommt nicht nur der neue Eigentümer, die „Callista Private Equity“, in Bedrängnis. Auch die vielen Kleinanleger, die sich über eine Mittelstandsanleihe mit rund 60 Millionen Euro an dem Schiff beteiligten, fürchten um ihr Geld. Gestern meldete die Neustädter Beteiligungsgesellschaft offiziell Insolvenz beim Amtsgericht in Eutin an. Ähnlich wie im Fall der Kieler Augenklinik Uthoff handelt es sich dabei um ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, wie der Mehrheitsgesellschafter Callista mitteilt. „Wir mussten eine neue Sanierungsphase einleiten. Ich bin aber sehr optimistisch, das Schiff langfristig in ein sicheres Fahrwasser zu bringen. Wir werden nun die Kapitalstruktur bereinigen“, kündigte Sanierer Wolfram Günther an. An oberster Stelle stehe die Finanzierung für den bevorstehenden Werftaufenthalt, damit das von 1996 bis -98 in Kiel gebaute Schiff noch in diesem Jahr auf Weltreise gehen könne.

Schon Anfang Oktober hatte die Beteiligungsgesellschaft zu einer Gläubigerversammlung geladen. Die Anleger sollten sich zu Zugeständnissen bereit erklären und dem Unternehmen vorläufig die Zinszahlungen stunden, die sie eigentlich im Dezember erhalten müssten. Zugesagt war ein jährlicher Zins von 6,75 Prozent. Außerdem sollen sie freiwillig auf ihr Kündigungsrecht verzichten. Das hat nicht geklappt: „Die Verschlechterung der Liquiditätssituation“ sowie „nicht vorhandene mittelfristig notwendige weitere Finanzierungszusagen“ wurden von Günther als Grund für die aktuell prekäre Lage genannt.

Etliche Kleinanleger fühlen sich getäuscht. Viele hatten die Papiere gekauft, weil sie sie für eine sichere Anlage hielten, zumal das Schiff mit 78 Millionen Euro als Sicherheit in den Büchern stand. Doch Experten waren von Anfang an skeptisch und hielten den Wert für unrealistisch. Das Schiff sei längst nicht mehr Spitzenklasse und habe mit seiner Kapazität von 490 Passagieren im Wettbewerb mit den modernen Mammut-Kreuzfahrern schwer zu kämpfen.

Zuletzt hat die „MS Deutschland“ – bestens bekannt als Traumschiff in der seit 1998 ausgestrahlten gleichnamigen ZDF-Sendung – nur noch für Negativ-Schlagzeilen gesorgt. Nach dem Zusammenbruch der Neustädter Traditionsreederei – die beiden Töchter des Unternehmensgründers Peter Deilmann befinden sich derzeit in Privatinsolvenz – stieg zunächst der Münchner Investor Aurelius ein und Kapitän Andreas Jungblut unter lautem Protest aus – verärgert über die geplante Ausflaggung des Schiffes. Anfang 2014 übernahm dann Callista das Ruder. Doch schon Ende Juli musste die Beteiligungsgesellschaft mitteilen, dass die Umsätze des Traumschiffes 2014 sechs Prozent niedriger ausfallen als geplant – und das trotz des Booms auf dem Kreuzfahrtmarkt. Jetzt also die Pleite. Aktuell werden Löhne und Gehälter für drei Monate durch die Bundesagentur für Arbeit gesichert.

Details zu den geplanten Sanierungsschritten sollen auf der Gläubigerversammlung am 12. November in München präsentiert werden. Thema dürfte dann auch sein, ob die Prospekte für emitierte Inhaber-Teilschuldverschreibungen korrekt waren. Der tatsächliche Wert der „MS Deutschland“ liegt nach Aussage des Münchner Fachanwalts für Kapitalmarktrecht, Christian Luber, nicht bei knapp 80 Millionen Euro, sondern – „je nachdem, ob man von dem Schrott- oder Verkaufspreis ausgeht – bei maximal 10 Millionen Euro“. Da der Wert binnen weniger Monate nicht so drastisch gesunken sein könne, spreche viel dafür, dass der Wert in dem Anleiheprospekt „deutlich zu positiv angegeben wurde.“ Ob sich daraus für Kleinanleger Hoffnung auf Rettung ihres Geldes ableiten lasse, wird die Zukunft zeigen.

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