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Toter Flüchtlingsjunge in Bodrum : Das Versagen Europas und der Welt in einem Bild

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Ein Foto sagt mehr als tausend Worte. Der Tod eines Jungen vor der türkischen Küste ist ein Symbol für die Tragödie vor den Toren Europas. Ein Kommentar von Gerrit Hencke.

shz.de von
erstellt am 03.Sep.2015 | 15:40 Uhr

Das Foto eines syrischen Flüchtlingskindes, das tot am Strand von Bodrum in der Türkei liegt, geht um die Welt. Der Junge ist ertrunken, auf dem Weg aus seiner Heimat nach Europa. Weg vom Krieg in Syrien in ein vermeintlich sicheres Europa. Ein Kind mit einem Namen, einer Stimme und einem Lachen und Eltern, in deren Situation in diesen schweren Stunden niemand stecken möchte. Dieser Tod, dieses Bild, ist ein Symbol für die Grausamkeit europäischer Flüchtlingspolitik. Ein Bild, das emotional kaum zu ertragen ist und dennoch gezeigt werden muss. Denn es steht für das Schicksal unzähliger Menschen, die ihre Hoffnung auf ein friedliches, neues Leben in Europa mit dem eigenen Leben bezahlen.

Doch die Politik im reichen Europa zögert noch immer, kann sich nicht einigen, spricht von Quoten und ist überfordert. An den Grenzen entstehen Zäune, es wird Tränengas eingesetzt und Züge gestoppt. Sieht so die Hoffnung auf ein besseres Leben aus? Alles, was bleibt, sind leere Phrasen. Die Handlungen zeigen das hässliche Gesicht Europas.

Viele Medien zeigen heute dieses Bild des Jungen und auch in den sozialen Netzwerken verbreitet sich die Bestürzung unter dem Hashtag #KiyiyaVuranInsanlik, was in etwa so viel bedeutet wie „Menschheit an die Küste gespült“. Eine Botschaft bleibt hängen: „Wenn dieses Bild die Welt nicht verändert, haben wir alle versagt“.

Dieses Bild sollte alle aufrütteln, endlich zu handeln. Es darf nicht sein, dass weitere Menschen auf der Flucht ihr Leben verlieren und vor den Toren Europas den Tod im Meer finden. Das reiche Europa darf keine Festung sein, denn auf der Flucht sind Menschen wie du und ich. Mit Träumen, mit Zielen, mit Hoffnungen, mit Emotionen. Unsere Gesellschaft, ja unsere Zivilisation, darf diesen Menschen nicht die kalte Schulter zeigen, denn dann unterscheiden wir uns von diesen Flüchtlingen in einem Punkt: Wir zeigen in dieser Situation Unmenschlichkeit.

In Erinnerung an Aylan Al-Kurdi aus Kobane, der zusammen mit seiner Familie in einer Gruppe von mindestens zwölf syrischen Flüchtlingen die gefährliche Überfahrt in die griechische Hafenstadt Kos wagte, und am Mittwoch vor der türkischen Küste ebenso wie alle anderen ertrank. Unter den Opfern war auch sein fünfjähriger Bruder sowie seine Mutter. Der Vater der Familie überlebte die Tragödie.

Hintergrund: Vater der Familie schildert Tragödie im Meer

Der Vater des ertrunkenen Flüchtlingskindes aus Syrien hat den Tod seiner Familie im Meer geschildert. Das Boot sei auf der Fahrt vom türkischen Bodrum zur griechischen Insel Kos bei hohem Wellengang gekentert, sagte Abdullah Kurdi dem oppositionellen syrischen Radiosender Rosana FM am Donnerstag in einem Telefonat.

„Ich half meinen beiden Söhnen und meiner Frau und versuchte mehr als eine Stunde lang, mich am gekenterten Boot festzuhalten. Meine Söhne lebten da noch. Mein erster Sohn starb in den Wellen, ich musste ihn loslassen, um den anderen zu retten.“

Weinend fügte der Vater hinzu, dass trotz seiner Bemühungen auch der andere Sohn gestorben sei. Als er sich dann um seine Ehefrau habe kümmern wollen, habe er sie tot vorgefunden. „Danach war ich drei Stunden im Wasser, bis die Küstenwache ankam und mich rettete.“

Er habe den Schleusern 4000 Euro für die Überfahrt seiner Familie gezahlt. Der Menschenschmuggler an Bord sei nach Beginn des hohen Wellengang ins Wasser gesprungen, um sich in Sicherheit zu bringen, und habe die Flüchtlinge alleine gelassen.

(dpa)

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