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Nach Kohl-Abrechnung : Das „System Kohl“ geht nach hinten los

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Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie heikle Zitate aus vertraulichen Gesprächsprotokollen weniger seine politischen Weggefährten treffen, als den Altkanzler Helmut Kohl selbst. Eine Analyse von Stephan Richter.

Es wäre nicht die schlechteste Wahl, würde Helmut Kohl im 25. Jahr des Mauerfalls der Friedensnobelpreis zuerkannt. Oft genug stand er auf der Liste des Osloer Komitees, und als „Kanzler der deutschen Einheit“ und Motor der Europäischen Union hat er historische Verdienste. Doch die jetzt kursierenden Zitate aus vertraulichen Gesprächsprotokollen zeigen, dass Helmut Kohl zwei Gesichter hatte: hier der Staatsmann, da der CDU-Patriarch, der auch mit engen parteipolitische Weggefährten gnadenlos abrechnete.

Dass Zitate aus Gesprächen, die der Altkanzler mit seinem inzwischen in Ungnade gefallenen Biografen Heribert Schwan zwischen 2001 und 2002 führte, nun in Buchform auf den Markt kommen, ist nicht nur ein Vertrauens-, sondern auch ein Rechtsbruch. Nach dem Zerwürfnis zwischen Kohl und Schwan hatte das Kölner Oberlandesgericht die 200 Tonbänder dem einstigen CDU-Vorsitzenden zugesprochen. Allerdings hat der düpierte Biograf Revision gegen das Urteil eingelegt. Die Auslieferung des Buches hat begonnen. Der Kohlsche Geist ist aus der Flasche, und dessen Anwälte werden mit einer einstweiligen Verfügung nichts mehr ausrichten. Politik, so zeigt die Häme, mit der der CDU-Grande Parteifreunde abkanzelte, ist ein schmutziges Geschäft – zumal, wenn es um die Sicherung der Macht geht. Aber auch das Geschäft mit Indiskretionen ist alles andere als sauber – vor allem, wenn Verkaufserfolge und Geld winken.

Das Tragische an den Veröffentlichungen ist, dass sie ausgerechnet dort auf Helmut Kohl zurückfallen, wo er glaubte, denen eins auswischen zu können, die ihn von oben herab als biederen Partei-Emporkömmling betrachteten. Wenn der Altkanzler in den nach dem Auffliegen der CDU-Parteispendenaffäre geführten Gesprächen über Angela Merkel lästert, dass sie „nicht richtig mit Messer und Gabel essen“ könne, wenn er dem ehemaligen Bundestagspräsidenten Wolfgang Thierse ein „Volkshochschulhirn“ bescheinigt oder Ex-Bundespräsident Christian Wulff als „Verräter“ und „Null“ abstempelt, dann spricht aus dieser Abrechnung nicht der Staatsmann, sondern ein beckmesserischer Kleingeist. Kohl sah sich als Patriarch und war überzeugt davon, dass alle Parteifreunde in seiner Regierungszeit Amt und Würden nur ihm allein zu verdanken hätten. Er war nicht „Birne“, wie manche Medien ihn verächtlich machten, sondern er sah sich als Ziehvater einer großen christdemokratischen Familie. Wer Undankbarkeit zeigte, fiel in Ungnade. Schließlich sah sich der „Oggersheimer“ im Keller seines pfälzischen Flachdachbungalows, wo er dem Journalisten Heribert Schwan sein politisches Vermächtnis erzählte, als einsamen Revierwolf. Hintergangen von engsten Weggefährten, die sich nach der Parteispendenaffäre von ihm distanzierten.

Dass die von ihm Gescholtenen unisono schweigen oder – noch schlimmer – so antworten, wie sein einstiger Minister Blüm, muss Kohl ins Mark treffen. „Auf diesem Niveau diskutiere ich nicht“, ließ Blüm wissen. Da schimmert wieder ein Stück Herablassung hervor, die den Politiker Kohl („Tölpel aus der Pfalz“) ein Leben lang begleitet hat.

Seine Gegner zeigen am Ende mehr Größe. Als sein wohl wichtigster Minister, der ehemalige schleswig-holsteinische Ministerpräsident Gerhard Stoltenberg, zwei Jahre vor seinem Tod in einem Buch seine politischen Erinnerungen als Finanzminister und Verteidigungsminister im Kabinett Kohl vorlegte, war darin kein schlechtes Wort über den Kanzler zu lesen. Stoltenberg ging es um die Sache, obwohl er viel Kritisches über den Kanzler hätte schreiben können. Freunde diskutierten damals mit dem schleswig-holsteinischen Ehrenbürger, wer denn bei der Präsentation seines Buches die Laudatio halten solle. Helmut Kohl habe sich bereits dazu bereit erklärt, sagten sie. „Wenn Kohl kommt, bleibe ich weg“, beschied Stoltenberg. Stattdessen solle der CDU-Vize Norbert Blüm den Part übernehmen. Das tat dieser auch. Lebte Stoltenberg noch, könnte er nachlesen, dass Kohl ihn als „hinterfotzig“ bezeichnete – genau so wie Blüm auch.

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erstellt am 07.Okt.2014 | 18:52 Uhr

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