Landtagswahl : Das Saarland entscheidet: Kramp-Karrenbauer oder Rehlinger?

Am Sonntag wird im Saarland gewählt. Das Rennen um die Staatskanzlei ist absolut offen. Schafft es wieder Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)? Oder wird ihre Herausforderin Anke Rehlinger (SPD) die neue Ministerpräsidentin?

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23. März 2017, 12:59 Uhr

Annegret Kramp-Karrenbauer

Sie ist immer wieder für höchste politische Ämter in Berlin im Gespräch, aber bislang ist Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) dem Saarland treu geblieben. Geht es nach ihr, soll das auch so bleiben: Die 54-Jährige will auch nach der Landtagswahl am kommenden Sonntag Regierungschefin an der Saar bleiben. Im kleinsten Flächenland der Republik ist sie geboren und aufgewachsen, da lebt ihre Familie und dort spricht man Saarländer Dialekt: „Für mich ist, wenn ich mich wirklich daheim fühlen will, es absolut notwendig, dass ich Platt rede“, sagt sie.

Ihre steile Politik-Karriere hat sie nicht geplant. „Viele glückliche Zufälle haben mir dabei geholfen“, sagt die Mutter von drei Söhnen, seit 2011 erste Ministerpräsidentin des Saarlandes.

Eigentlich wollte sie vor dem Abi Hebamme werden, danach dachte sie an Lehrerin. Als 18-Jährige trat sie in die CDU ein und studierte Jura und Politik. Ihre politische Leidenschaft hatte sie da bereits entdeckt – für ihr Heimatland im Südwesten Deutschlands. „Ich fühle mich hier im Saarland ungeheuer wohl.“

Sie begann als Stadtratsmitglied in Püttlingen, seit 1999 sitzt sie im Landtag. Im Jahr 2000 berief sie der damalige Ministerpräsident Peter Müller (CDU) zur ersten Innenministerin in Deutschland. Danach war sie Bildungs-, Kultus- und Sozialministerin, bevor sie 2011 Regierungschefin einer schwarz-gelb-grünen „Jamaika“-Koalition aus CDU, FDP und Grünen wurde. Anfang 2012 beendete sie das Bündnis und regiert seither nach einer Neuwahl mit den Sozialdemokraten.

Kramp-Karrenbauer pflegt einen nüchtern-analytischen Politikstil, wirkt stets überlegt und unaufgeregt. Die Begeisterung um SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sieht sie gelassen. „Ich sehe keine Wechselstimmung an der Saar.“ Sie gilt als durchsetzungsstark, auch bei Saar-Angelegenheiten in Berlin, ist Vertraute von Kanzlerin Angela Merkel und sitzt seit 2010 für die CDU im Bundespräsidium.

Sie kann auch gut mit den Leuten „schwätzen“. „AKK“, wie sie im Saarland genannt wird, ist beliebt: Gesprächspartner loben ihre „offene, kommunikative Art“. „Sie ist eine wie Du und ich“, sagt eine Wählerin in Weiskirchen. „AKK“ kann auch witzig: Beim  Karneval tritt sie seit Jahren als „Putzfrau Gretel vom Landtag“ auf und zieht Politiker aller Couleur durch den Kakao, sich selbst eingeschlossen: „Man muss sich auch auf die Schippe nehmen können.“ Zu ihr gehören auch klare Ansagen: Sie will nach der Wahl das „Projekt“ der großen Koalition mit der SPD als Juniorpartner fortsetzen. Und: Wenn sie nicht mehr Ministerpräsidentin werde, würde sie sich aus der Politik zurückziehen. An der Saar zumindest.

Anke Rehlinger

Anke Rehlinger will Annegret Kramp-Karrenbauer als Ministerpräsidentin ablösen.
dpa

Anke Rehlinger will Annegret Kramp-Karrenbauer als Ministerpräsidentin ablösen.

Sie ist eine Kämpfernatur. Noch immer hält sie im Saarland den Rekord im Kugelstoßen (16,03 Meter) sowie den Jugendrekord im Diskuswurf (49,18 Meter). Und nach wie vor trainiert sie im Kraftraum ihres Leichtathletik-Vereins in Rehlingen, um sich fit zu halten für Kugel und Diskus. 2016 holte sie in beiden Disziplinen bei den Landesmeisterschaften der Senioren den Titel. „Ich bin in Form“, sagt sie. Auch als Vize-Regierungschefin ist sie zurzeit auf Höhenflug: Sie will bei der Landtagswahl am Sonntag den Ministerpräsidenten-Sessel von der CDU nach 18 Jahren zurückerobern.

Denn die Begeisterung um SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz verleiht ihr Flügel: „Wir sind knapp dran und damit auch knapp dran an unserem Ziel. Nämlich die stärkste Kraft in diesem Land zu werden und damit die Regierung auch anzuführen“, sagt sie kämpferisch. Seit Anfang 2014 regiert die Juristin mit Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in einer großen Koalition das kleinste Flächenland Deutschlands, die SPD ist Juniorpartner. Deren Verhältnis wird als „kollegial, freundschaftlich“ bezeichnet. Doch im Wahlkampf werden aus Partnern Gegner – Rehlinger schließt Rot-Rot nach der Wahl nicht aus. Sie hat Streitthemen gefunden, mit denen sie sich von der CDU absetzt. Zum Beispiel will sie die Kita-Gebühren abschaffen und „G9“ an Gymnasien wieder möglich machen.

Gut versteht sich Rehlinger (40) mit Linke-Fraktionschef Oskar Lafontaine. Aber noch besser mit Schulz, mit dem sie sich derzeit besonders gerne blicken und ablichten lässt. „Lieber Martin, du bist die richtige Antwort auf die Herausforderungen in dieser Zeit!“, ruft sie Schulz bei einem seiner vielen Auftritte im Saarland zu. Am Sonntag verkündete sie die 100-Prozent-Abstimmung für den neuen Parteichef.

Rehlinger stieg nach ihrem Studium in die Politik ein – erst auf Kreis-, dann auf Landesebene. Im Mai 2012 wurde sie zunächst zur Ministerin für Justiz, Umwelt und Verbraucherschutz berufen. Seit 2013 steht sie SPD-Landeschef Heiko Maas als Stellvertreterin zur Seite – nach dessen Wechsel als Bundesjustizminister nach Berlin „beerbte“ sie ihn als stellvertretende Ministerpräsidentin. Sie übernahm zudem das Ministerium für Wirtschaft und Verkehr. Rehlinger kommt mit ihrer offenen Art gut bei den Saarländern an. „Sie ist bodenständig, authentisch. Das zeichnet sie einfach aus“, sagt der Vorsitzende des Leichtathletik Clubs Rehlingen, Thomas Klein. Die Mutter eines Sohnes liebt ihre Heimat im Nordsaarland und Saarländer Platt: „Dialekte geheere zu uns Saarlänner unn sinn e Stigg Heimat“, sagt sie. Daher wirbt die SPD Saar mit kleinen Video-Clips über ihr Wahlprogramm – auf Saarländisch. Birgit Reichert

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