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Landtagswahl in Baden-Württemberg : Das Geheimnis des grünen Teufels

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Im Ländle bahnt sich ein politisches Erdbeben an: Die Grünen gelten als neue Volkspartei, sieht man einmal von der Bundespartei ab.

Stuttgart | Wenn Winfried Kretschmann nicht Ministerpräsident in Baden-Württemberg wäre, und wenn er nicht ein machtvoller Politiker der Grünen wäre, dann könnte er auch Regierungssprecher sein. Das hätte zum einen den Vorteil, dass man seine Worte entspannt mitschreiben kann, weil das schwäbische Idiom recht schwerfällig und langsam ist. Zum anderen hätte es den Vorteil, dass sich Gleiches zu Gleichem gesellt. In seinen Worten: „Es gibt ein tiefes Band unter Naturwissenschaftlern: Erst die Fakten, dann die Bewertung.“ Damit spielt er auf die Physikerin Angela Merkel an, die er nicht erst seit der Flüchtlingsfrage überaus schätzt: „Ich halte ganz ähnliche Reden wie die Kanzlerin.“ Oder: „Ich muss mich auf die Krisenerfahrung der Kanzlerin verlassen – wer soll es sonst machen?“

Am Sonntag entscheidet Baden-Württemberg, wer künftig in Stuttgart regiert. Dabei haben die Grünen die CDU in Umfragen bereits überholt. Doch die Koalition mit der schwächelnden SPD wird wohl nicht bleiben können. Weitere Whalen finden in Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt statt.

Erst die Fakten, dann die Bewertung. Mit dieser Maxime hat Kretschmann binnen weniger Monate das hochexplosive Thema um den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs abgeräumt – gegen den Willen seiner Wähler, gegen den Willen seines eigenen Verkehrsministers. Er hat sich einfach an die Rechtsgrundlagen gehalten, die zu diesem Zeitpunkt bereits so weit gediehen waren, dass ein Stopp von Stuttgart 21 rechtlich unmöglich war. Also wird gebaut. Die Landeshauptstadt ist eine einzige, eingestaubte Wunde, aber so ist es halt. Verantworten müssen es am Ende ja die glücklosen Vorgängerregierungen unter Oettinger und Mappus.

Es gibt einen Amtsvorgänger, dem Kretschmann immer mehr ähnelt, akustisch wie optisch: Erwin Teufel. Er wurde von einer übermütigen CDU aus dem Amt gejagt, und einen Typus wie ihn würden sie sich jetzt herbeisehnen. Denn Guido Wolf, der Spitzenkandidat der CDU, kann es mit der Landesväterlichkeit Kretschmanns oder eben Teufels nicht aufnehmen. Das geht so weit, dass der Bundeschef der Linken, Bernd Riexinger, ohne Häme und ganz analytisch sagt: „Die CDU ärgert sich am meisten, dass Kretschmann nicht ihr Spitzenkandidat ist.“

Das wiederum muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Kretschmann entstammt nicht der Jungen Union, sondern dem Kommunistischen Bund Westdeutschland, einer sektiererischen, ultralinken Splittergruppe, zu der übrigens auch Jürgen Trittin gehörte. Kretschmann bedauert seine damaligen Positionen als Verirrung, aber der Weg, den er danach einschlug, ist ein anderer als der von Jürgen Trittin. Vielleicht liegt es am schwäbischen Naturell, vielleicht auch an seiner offen bekundeten Beheimatung im Katholizismus, dass Kretschmann zu einem bodenständigen Landespolitiker wurde. Grundlage seiner Popularität.

Zugleich ist dies ein Indiz für den tiefen Riss, der durch die Grünen geht: Sie stellen in Baden-Württemberg den Ministerpräsidenten, werden vermutlich sogar stärkste Partei. Sie stellen stellvertretende Ministerpräsidenten in großen Flächenländern wie Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein. Allesamt eher realpolitisch, pragmatisch orientierte Landesverbände. Um die Bundespartei sieht es dagegen grau aus: Außer Cem Özdemir, der zufälligerweise aus Baden-Württemberg stammt, fallen die meisten Bundesgrünen durch teils irrlichternde Äußerungen auf. Anton Hofreiter jedenfalls kann sich niemand als stellvertretenden Ministerpräsidenten vorstellen, während Schwarz-Grün in Hessen einen sensationell geräuschlosen Job macht.

Ach so, die SPD. Sie ist in einem bejammernswerten Zustand, und das Beste, was dem glücklosen Landeschef Nils Schmid passieren kann, ist ein Anruf in der Nacht zum 14. März, ob er denn mitmachen würde als Minister. Wer auch immer dann anrufen wird.

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