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Hintergrund und Analyse zum Terror in Belgien : Das Erwartete trifft Brüssel unerwartet

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Warum gerade Belgien? Der aus Flensburg stammende Politologe Kolja Raube lebt in Brüssel und wagt einen Erklärungsversuch.

Flensburg/Brüssel | Als am frühen Dienstagmorgen die Nachricht von einer Explosion am Brüsseler Flughafen bekannt wurde, war den meisten Menschen in Brüssel klar: Das Erwartete war eingetroffen, denn seit dem terroristischen Attentat auf das jüdische Museum in Brüssel im Mai 2014, das vereitelte Attentat auf den Thalys Brüssel-Paris im August 2015 und die Attentate von Paris im November 2015 war Brüssel immer wieder ins Zentrum terroristischer Aktivitäten gerückt. Zudem beteiligt sich Belgien offiziell an der von den USA geführten militärischen Koalition gegen den Islamischen Staat (IS) in Syrien und dem Irak.

Ob die Attentate der Brüder Bakraoui im unmittelbaren Zusammenhang mit der Festnahme Salah Abdeslams am Freitag in Molenbeek und der Hausdurchsuchung im Stadtteil Forest stehen, kann noch nicht mit Gewissheit gesagt werden. Die belgischen Behörden hatten sich jedenfalls noch am Freitag feiern lassen: Glückwünsche des amerikanischen Präsidenten Obama und des französischen Staatspräsidenten Hollande taten der oft gescholtenen belgischen Exekutive gut. Zu lange hatte sie gebraucht, die offensichtlich nach Brüssel zurückführenden Spuren zu verfolgen und einen Erfolg vorzuweisen. Als strukturelle Gründe werden Haushaltskürzungen, Missmanagement und mangelnder Informationsaustausch im schwer durchschaubaren Kompetenzgeflecht der belgischen Polizeiführung genannt.

Es bleibt Spekulation, ob ein europaweites Datenaustauschprogramme, das derzeit an den nationalen Interessen der EU Mitgliedstaaten scheitert, schnellere Erfolge erzielt hätte. Belgische und französische Behörden haben seit Februar 2016 verstärkt transgouvernemental zusammengearbeitet. Nur wenn das Vertrauen unter einzelnen EU-Mitgliedstaaten funktioniert, kann es langfristig eine breitere europäische Kooperation geben. Die Mitgliedstaaten der EU und der Europäische Auswärtige Dienst werden sich zudem erneut Gedanken machen müssen, welche koordinierte und kohärente europäische Auβenpolitikstrategie langfristig zur Überwindung der Ursachen des transnationalen Terrorismus im Nahen Osten und Afrika beitragen kann. 

Molenbeek ist Sinnbild geworden für eine misslungene Integration der muslimischen Mitbürger von Brüssel. Rund 95.000 Menschen leben hier, 40 Prozent der Bewohner sind Muslime, die Jugendarbeitslosigkeit beträgt etwa 50 Prozent. Frustration, Abgrenzung und Entfremdung können hier schnell eine islamistische Radikalisierung zur Folge haben. Freiwillige Integrationsprogramme in Brüssel sind offensichtlich nicht effektiv genug. Medien spekulieren, dass von den rund 400 Dschihadisten Belgiens, die sich dem IS angeschlossen haben, ein Großteil aus Molenbeek stammt. Beobachter sprechen von einer Art Parallelgesellschaft, die unweit des Zentrums von Brüssel entstanden ist. In der flämischen Zeitung „De Morgen“ wird laut Augenzeugen berichtet, dass Salah Abdeslam bis zu seiner Verhaftung sich einigermaβen öffentlich in Molenbeek bewegt haben sollen.

Dennoch: Wir sollten uns davor hüten, die 21 Prozent der arabisch-sprechenden Bevölkerung von Brüssel über einen Kamm zu scheren und Stadtteile unter Generalverdacht zu stellen. Neben effektiveren sicherheitspolitischen Maβnahmen gegen bestehende Terrorzellen wird die gröβte Herausforderung sein, jungen Muslimen Perspektiven anzubieten, ihre Integration voranzutreiben und Radikalisierung zu unterbinden. Es gibt überall in jedem Stadtteil dieser Stadt positive Beispiele von Integration, wo Menschen aus der ganzen Welt zusammenkommen und friedlich  zusammenleben.

Der 22. März 2016 wird die Bürger der Stadt Brüssel noch lange verfolgen. Die Reaktion ist diesmal jedoch eine andere: Zwar riefen die belgischen Behörden die höchste Terrorwarnstufe aus und ergriffen weitere Vorsichtsmaβnahmen, doch während Brüssel nach den Pariser Attentaten in einen sogenannten „Lockdown“ trat, fahren jetzt  die öffentlichen Verkehrsmittel, sind Schulen und Konzertsäle geöffnet. Es ist ein Zeichen, vor dem angedrohten, neuem Terror diesmal nicht in die Knie zu gehen. Auf der anderen Seite sollte jeder wissen, dass es die komplette Sicherheit des öffentlichen Lebens nicht geben kann. Der Preis für unsere offene und liberale Gesellschaft wäre ein zu hoher – nicht nur in Brüssel.

Dr. Kolja Raube ist gebürtiger Flensburger, Dozent und Programm-Koordinator am Masterstudiengang „European Studies: Transnational and Global Perspectives“ an der Universität Leuven (Belgien) sowie Wissenschaftler am „Leuven Centre for Global Governance Studies“. Er lebt in Brüssel.
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erstellt am 24.Mär.2016 | 07:15 Uhr

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