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Prozess gegen Beate Zschäpe : Darum ging es bisher im NSU-Plädoyer

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Die Anklage fasst die Beweisaufnahme der vergangenen mehr als vier Jahre zusammen – und belastet Beate Zschäpe schwer.

München | Drei Juristen gehören im NSU-Prozess zum Team der Bundesanwaltschaft. Zwei von ihnen sind bisher zu hören. Bundesanwalt Herbert Diemer, der ranghöchste, lieferte eine streckenweise scharfe Vorrede. Oberstaatsanwältin Anette Greger übernahm und beschäftigt sich seitdem mit Beate Zschäpe und ihrer Rolle bei den Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Die Hauptangeklagte folgt mit ernstem Blick und macht sich Notizen, während Greger am Pult steht und direkt in Zschäpes Blickfeld Punkt für Punkt das Vorleben der Angeklagten durchgeht. So verlief der erste Tag. Und dies ist die Zwischenbilanz nach Tag zwei:

Zschäpes Rolle im NSU-Trio:

Greger sieht Zschäpes Stellung ganz anders als die Angeklagte sie selber darstellte. Mehr als 13 Jahre im Untergrund mit den Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nur wegen eines „Motivbündels aus Liebe, Loyalität, Unsicherheit“, wie Greger es formuliert? Nichts da. Ohne Zschäpe hätte der NSU nicht existieren und morden können, meint die Anklägerin am Mittwoch vor dem Münchner Oberlandesgericht. Zschäpe sei in sämtliche finanzielle Transaktionen der Gruppe eingeweiht gewesen, was für „eine herausragende Stellung in der Gruppenhierarchie“ spreche.

Falsche Namen, echte Pässe:

Zschäpe habe sich über die Jahre zu einer „Meisterin des Verschleierns“ entwickelt, sagt die Staatsanwältin und beschreibt detailliert, wie die Angeklagte etwa für die perfekte Tarnung Böhnhardts gesorgt habe. Der habe Pass und Führerschein von dem Mitangeklagten Holger G. bekommen – echte Papiere, die G. in seinem niedersächsischen Heimatort beantragt und dazu ein Passfoto Böhnhardts eingereicht habe. Zschäpe habe G. dafür bezahlt. Sie sei dabei gewesen, wenn das Trio G. regelmäßig zu Details seines Lebens ausfragte, um die Tarnung intakt zu halten. Die NSU-Mitglieder seien so perfekt aufeinander abgestimmt gewesen, dass sie sich sogar untereinander nur mit Decknamen anredeten: Liese, Gerry und Max.

Auswahl der Opfer der NSU-Verbrechen:

Es hätte jeden treffen können, sagt Greger. Jeden Kunden einer Bank oder einer Post, vor allem aber jeden Zuwanderer. Alle Opfer seien willkürlich und zufällig ausgewählt worden: „Motiv für all diese Verbrechen war rechtsextremistische Ideologie.“ Das gelte für die Toten der neun „Ceska-Morde“ und die Verletzten der Bombenanschläge in Köln, mit denen Zuwanderer in Angst versetzt werden sollten. Das gelte auch für die Polizistin Michele Kiesewetter in Heilbronn – zufällig ausgewählt als Vertreterin des Staates. Zweifel an dieser Darstellung weist Greger zurück. Das seien „Spekulationen selbst ernannter Experten“.

Gründung des NSU:

Fast schon süffisant verweist Greger auf ein Detail beim Verschwinden des NSU-Trios aus Jena. Die Drei seien zuerst bei Gesinnungsgenossen in Chemnitz untergekommen, vermittelt von einem „ehemaligen Intimfreund der Angeklagten“ – nach oder neben Liebesbeziehungen mit Mundlos und Böhnhardt. Dort hätten sie den Plan gefasst, sich dauerhaft im Untergrund einzurichten. Vorbild sei die Hauptfigur in einem rechtsextremen Roman aus den USA gewesen, ein Werk, das auf einer Computerfestplatte des Trios gefunden worden sei. 

Die Waffen des NSU:

Waffen seien ein gemeinsames Anliegen aller drei NSU-Mitglieder gewesen, sagt Greger. In einem Fall – die Lieferung einer Waffe durch Holger G. – sei Zschäpe „nicht unmaßgeblich eingebunden“ gewesen. Die Angeklagte sei auch schon in ihrer Vorgeschichte mit einer Neigung zu Waffen aufgefallen. Sie habe eine Gaspistole besessen. Im Untergrund habe sich das Trio ein „Arsenal an Waffen“, dazu „Unmengen“ an Munition und Sprengstoff besorgt. 

Zweifel an Zschäpes Glaubwürdigkeit:

Immer wieder macht die Oberstaatsanwältin Widersprüche oder Fehler in Zschäpes Aussage geltend – oder hält ihr vor, Entscheidendes verschwiegen zu haben – wie eine Reise zu Holger G. nach Hannover mit der Bahn. Das ergebe sich aus dem Verlauf ihres Internetbrowsers und den Aussagen mehrerer Zeugen, darunter eines Taxifahrers. Die Reise habe Zschäpe am 16. Juni 2011 angetreten, nur wenige Monate vor dem Auffliegen des Trios. Das, so Greger, passe nicht zu Zschäpes eigener Darstellung, die die Anklägerin als verharmlosend bezeichnet.

 
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erstellt am 26.Jul.2017 | 20:03 Uhr

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