zur Navigation springen

Vom Aufstieg der Rechtspopulisten : Dansk Folkeparti: Die Wächter der „dänischen Werte“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Wie die rechtspopulistische Dansk Folkeparti zur Massenbewegung und zum Dreh- und Angelpunkt der dänischen Politik aufgestiegen ist. Und warum sie gerade in Südjütland so viele Stimmen sammelte.

shz.de von
erstellt am 24.Jun.2015 | 15:20 Uhr

Kopenhagen/Apenrade | Brian Lundgaard zeigt gern, wie wichtig ihm Wachsamkeit über sein Vaterland ist: Auf seinen rechten Unterarm hat sich der 38-Jährige den Schriftzug „Sixtus“ tätowieren lassen und den Danebrog gleich daneben. Sixtus ist der Name einer Geschütz-Stellung der historischen Kopenhagener Stadt-Festung nahe der Meerjungfrau. Das Bild von den Kanonen, die auf die rot-weiße Flagge aufpassen, haben den Rettungswagen-Fahrer inspiriert: Für den Hauptstädter ist die Tätowierung „ein Symbol dafür, dass ich stolz bin, ein Däne zu sein“.

Mit dieser Einstellung ist er ein Selbstgänger als „Mitglied des Monats“. Unter dieser Rubrik lässt die Dansk Folkeparti (DF) auf ihrer Website Menschen wie du und ich ihren Weg in die Organisation erzählen. Lundgaard ist eingetreten, weil er sich „Sorgen macht über die Gesellschaft, in der meine Kinder aufwachsen. Alles ist heute so wild“, sagt er und nennt Messerstechereien und Einwanderer in einem Atemzug. „Ich finde: Es gibt in einem Haus Regeln, und die muss man einhalten – oder das Haus verlassen.“

Damit hat er die Kernbotschaft zusammengefasst, mit der die DF bei den Folketingswahlen zum Königsmacher geworden ist. Mit 21,1 Prozent der Stimmen errang sie mit Abstand ihr bestes Ergebnis, ist zweitstärkste Partei im Land und die größte im „bürgerlichen“ Spektrum.

Der DF-Vorsitzende Kristian Thulesen Dahl (l.) mit seiner Vorgängerin Pia Kjærsgaard (2013).
Der DF-Vorsitzende Kristian Thulesen Dahl (l.) mit seiner Vorgängerin Pia Kjærsgaard (2013). Foto: dpa
 

Gerade mal 20 Jahre hat die Strömung gebraucht, um tatsächlich zu der Volkspartei zu werden, wie es der Name beansprucht. 1995 hat die Krankenschwester Pia Kjærsgaard die DF auf den Trümmern der Fortschrittspartei des Steuer-Rebellen, verurteilten Straftäters und Querulanten Mogens Glistrup gegründet. Mit nahm Kjærsgaard die Ressentiments gegen Ausländer, insbesondere Moslems, und die EU. Als zweites Markenzeichen  baute sie ein Füllhorn sozialpolitischer Versprechen auf. Hatte sie doch erkannt, dass die Dänen ihren Wohlfahrtsstaat identitätsstiftend finden. Beide Säulen funktionieren als zwei Seiten einer Medaille: Je weniger für Ausländer ausgegeben werden müsse – desto mehr bleibe für Wohltaten für die Dänen.

Viele dachten, der Zenit wäre überschritten, als sich Kjærsgaard 2012 vom Vorsitz auf den Posten der „wertepolitischen Sprecherin“ zurückzog. Nachfolger Kristian Thulesen Dahl, ebenfalls seit 1995 dabei, kommt schließlich wenig charismatisch daher. Der 45-jährige Betriebswirtschaftler gibt sich betont nüchtern. Als Ausgleich zu den provokanten Inhalten erweist sich diese Art aber als Erfolgsrezept: Als Wolf im Schafspelz funktioniert Thulesen Dahl noch besser als die zierliche Kjaersgaard. „Du weißt, wofür wir stehen“: Viel mehr als diese Andeutung brauchte DF vor der Wahl nicht zu plakatieren.

Die Stimmungsmache vor Überfremdung gedeiht gut, weil Nation und Kultur besonders klein sind. Indem die etablierten Parteien auf die ausländerkritische Linie einschwenkten, segneten sie die DF-Ideen ab. Der lange Schatten der Mohammed-Karikaturen und das Entsetzen über den Terror-Anschlag in Kopenhagen im Februar haben der DF in die Hände gespielt. 

Aus den letzten Jahren hat jeder Däne genug Forderungen aus dem DF-Baukasten im Hinterkopf. Beispiele: Unterbringung von Asylbewerbern nur in Sammelunterkünften. Ausreisepflicht für die ganze Familie, wenn ein Mitglied straffällig wird. Keine Satellitenantennen in Ausländervierteln, damit  keiner  Al-Dschasira guckt. Volksabstimmungen über Moscheen. 50 Prozent dänische Musik im Radio. Keine englischsprachigen Studiengänge. Ein Historiker-Check für TV-Serien, damit Dänemark nicht zu negativ wegkommt. 50 Prozent höhere Verteidigungsausgaben. GPS-Chips für Demente. Für Senioren Anspruch auf zwei wöchentliche Spaziergänge mit Altenhelfern. Die bisherige sozialdemokratische Regierung rechnete nach: Alle Wahlversprechen summieren sich angeblich auf 23 Milliarden Euro.

Dass die Rechtspopulisten gerade im Großwahlkreis Südjütland sogar 28,4 Prozent holten, mag ein Stück weit Protest Land gegen Stadt sein. Stärker dürften andere Gründe wiegen. Südjütland ist der Wahlkreis des bei Vejle lebenden Thulesen Dahl. Das landesweit höchste Ergebnis in einer Kommune fuhr die DF mit 31,9 Prozent in Apenrade ein. Für den dortigen Kandidaten Peter Kofod Poulsen hat sich offenbar sein Internet-Pranger gelohnt: Der 25-Jährige wurde mit einer Homepage bekannt, auf der Bürger schlechte Erfahrungen mit Osteuropäern melden sollen.

Geografisch wie historisch ist der Süden Dänemarks ein besonders gedüngter Nährboden für die DF. Hier liegt nun einmal die Grenze, deren permanente Bewachung die Rechtspopulisten zur fast heiligen Aufgabe stilisiert haben. Sønderjylland ist der Landesteil, wo man noch bewusster als in anderswo dänisch ist. Unsere Nachbarn pflegen das Trauma, dass die Region als einzige einst – von 1864 bis 1920 – zu Preußen zählte. Sønderjylland ist deshalb erprobt im Selbstverständnis als Bollwerk gegen üble Einflüsse jeglicher Art: Erst gegen die lange verfemten Deutschen, heute gegen die angeblich bösen Asylbewerber und osteuropäische Einbrecher, die von Süden das Königreich erreichen.

Gern wird in DF-Kreisen ein Vergleich zwischen dem Einmarsch der Deutschen 1940 und muslimischer Einwanderung gezogen. Brian Lundgaard mit seiner Wächter-Tätowierung am Arm müsste eigentlich aus Kopenhagen an die Grenze ziehen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen