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Sprachwissenschaftler analysieren : „Danke Merkel“ und „Sad“ – wie Politik ihren Weg in die Sprache findet

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Wenn Politik-Referenzen plötzlich zu geflügelten Wörtern werden – gerade Merkel und Trump inspirieren.

shz.de von
erstellt am 18.Mai.2017 | 16:33 Uhr

Manche sagen: Angela Merkel ist an allem Schuld, besonders an kriminellen Ausländern. Dafür hat sich in der rechten Ecke das wütende „Danke Merkel“ eingebürgert. Mittlerweile geht es auch in eine andere Richtung. Nicht nur AfD-Anhänger sagen das. Sondern man kann es auch ironisch verwenden, wenn die Pizza verkohlt oder der Fernsehkrimi schlecht ist. Eine Facebook-Seite namens „Danke Merkel“ macht sich so über Wutbürger lustig. „In dieser Funktion könnte es sich noch eine Weile halten, als Jargon oder Slang“, sagt der Berliner Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch.

 

Es gibt gerade einiges aus der Politik, das in die Alltagssprache einsickern könnte. Je nachdem, in welcher „Filterblase“ man lebt, das heißt, welche Medien man nutzt. Wer viel über Donald Trump liest und den Twitter-Kanal des US-Präsidenten verfolgt, kann jetzt die Party am Abend „sad“ oder „tremendous“ finden - traurig oder toll.

 

Stefanowitsch sieht noch keine Breitenwirkung: „Wenn man da einen größeren Einfluss vermutet, erliegt man der Tatsache, dass man sich in der medialen Filterblase bewegt. Die meisten Menschen verfolgen Trump auf Twitter nicht.“ Was aber den Begriff „Fake News“ angeht, die bewusst lancierten falschen Nachrichten: „Wir würden sicherlich nicht so viel darüber reden, wenn Trump nicht wäre - dabei ist er ein Katalysator gewesen“, sagt Stefanowitsch. Seiner Meinung nach ist es nicht richtig, Trump ein niedriges Sprachniveau zu attestieren oder zu sagen, dass die Sprache Vorschulkindern entspreche. „So reden ja keine Vorschulkinder.“

Stefanowitsch sieht Trumps Sprache eher als abstrakt, nach dem Motto „Wir werden ganz großartige Dinge tun“. Das seien „hypnotische“ Sprachmuster. „Inhaltsleer und etwas prahlerisch, vielleicht am ehesten wie bei spätpubertierenden männlichen Jugendlichen.“

Für Wortspiele im Deutschen ist Trump allemal gut. Der Sprachwissenschaftler Lutz Kuntzsch hat bereits in einem Aufsatz zu den „Wörtern des Jahres 2016“ einige Spuren der US-Wahl aufgelistet. Etwa „Trumpologie“, „Trumpismus“, „Donaldismus“ und „Trumpokalypse“.

Das seien „Wortschöpfungen der Medien mit noch sehr vagen Bedeutungen“, schreibt er. Der neue US-Präsident hat gerade seine ersten Monate hinter sich. Ob er einmal berühmte Wendungen hinterlassen wird wie John F. Kennedy („Ich bin ein Berliner“)? Das hängt von seiner weiteren Karriere ab. „Insbesondere wenn solche Sätze kurz und prägnant formuliert sind und sich in ihnen eine politische Kontroverse kristallisiert, ist die Wahrscheinlichkeit jedenfalls größer, dass sie häufig zitiert werden und damit große Bekanntheit erlangen“, erklärt der Aachener Sprachwissenschaftler Thomas Niehr.

„Mehr Demokratie wagen“ (Willy Brandt), „Ich bin schwul, und das ist auch gut so“ (Klaus Wowereit) oder „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ (Walter Ulbricht) seien dafür gute Beispiele. In diesen Sätzen werde eine gesellschaftliche Kontroverse knapp zusammengefasst und ein Standpunkt innerhalb dieser Kontroverse prägnant bezeichnet.

Bei Floskeln aus der Politik, die in den Alltag gelangt sind, denkt die Münchner Politikwissenschaftlerin Astrid Séville neben Wowereits Spruch auch an Merkels „Sie kennen mich“. Zu Trump sagt sie, er verwende die Antisprache zur deutschen Sprache. Wörter wie „sad, bad, sick, fake“ - so eine Brachialgewalt funktioniere im Deutschen kaum. „Da wäre der deutsche Wähler komplett verschreckt.“

Merkel ist für Séville sprachlich ein Anti-Trump: nüchtern, trocken, spröde. „Sie würde niemals sagen, das ist alles so sad, sick, fake news oder ich bin die tremendous Kanzlerin.“ Mit Trump sei die Sprache aus dem Reality-TV in die Politik gekommen. „Das ist in Deutschland glücklicherweise noch nicht anschlussfähig.“

Merkel ist demnach eine pragmatische Sprecherin. Was von ihr einmal bleibt? „Das ist alternativlos.“ Für Séville, die über „Sachzwang und Alternativlosigkeit“ ihre Doktorarbeit geschrieben hat, ist das die Signatur der Kanzlerschaft.

Über den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz sagt sie: „Er versucht, die rhetorischen Tricks aus der sozialdemokratischen Mottenkiste wieder hervorzuholen.“ Die Phrase von den „hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten“ habe er auffällig oft verwendet. Wie groß Schulz' Einfluss sprachlich sein wird - noch schwer einzuschätzen.

Und von Merkel wird noch ein Satz bleiben, den sie angesichts der vielen Flüchtlinge in Deutschland sagte: „Wir schaffen das.“

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