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Erdgasförderung in der Nordsee : Dänische Öl-Pläne – Angst um Küste in SH

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Landesregierung besorgt: In der Nordsee sollen neue Fördergebiete ausgewiesen werden.

shz.de von
erstellt am 20.Dez.2015 | 18:30 Uhr

Dänische Pläne zum Ausbau der Erdöl- und Erdgasförderung in der Nordsee ernten Widerspruch aus Schleswig-Holstein. „Schädlicher Lärm für Schweinswale durch Schockwellen, Frack-Säuren im Wasser, zusätzliche Nährstoffeinträge ins Meer – es gibt eine Reihe kritischer Punkte bei dem Projekt“, warnt Umweltminister Robert Habeck (Grüne). Eine zwölfseitige Stellungnahme aus seinem Haus sieht das Risiko „großer Fernwirkungen“. Sie könnten „bis in schleswig-holsteinische Küstengewässer reichen“.

Zwar liegt das Fördergebiet gut 100 Kilometer vom Land entfernt. Jedoch verläuft die Strömung überwiegend nach Osten – auf Schleswig-Holstein zu. 85 zusätzliche Bohrlöcher sieht der Konzern Mærsk Oil dort auf seinen Feldern Gorm und Dan vor. Bis zum Jahr 2042 läuft die Konzession.

Das zur deutschen Nordsee zählende Natura-2000-Gebiet Doggerbank reicht bis auf einen Kilometer ans Förder-Areal heran. Auf der mit 18.000 Quadratmetern größten Nordsee-Sandbank sieht das Umweltministerium Schweins-, Mink-, Grind- und Schwertwale in Gefahr. „Durch die geplanten seismischen Untersuchungen kommt es zu starken Schockwellen, die bei Walen zur Schädigung des Gehörs oder direkt zum Tode führen können“, lautet ein Einspruch aus Kiel.

Auch in Gebieten jenseits der Doggerbank lägen die zu erwartenden Geräuschpegel „weit über den Grenzwerten“. Verbindliche Schritte zur Schall-Minimierung müssten her und überwacht werden. Etwa Zeitfenster, in denen nicht gebohrt werden darf.

Einleitungen von Förderwasser, Bohrspülungen und Stimulations-Säuren bei ausgeweiteten Mærsk-Aktivitäten könnten „auch zur Anreicherung von Schadstoffen in der deutschen Nordsee führen“, heißt es in dem Papier, das im Rahmen einer grenzüberschreitenden Umweltverträglichkeitsprüfung nach Kopenhagen geschickt worden ist. Die Sorge gelte schon für den Teil des Förderwassers, der planmäßig ins Meer eingeleitet werde; erst recht aber bei Störungen, etwa wenn der Sicherheitseinschluss eines Tanks verloren geht.

Detaillierte Folgeabschätzungen fehlten in den Planunterlagen völlig, pauschale Aussagen reichten keinesfalls. Ausdrücklich wehren sich die Kieler Fachleute gegen die Aussage des dänischen Konzepts, Auswirkungen aufs Wasser seien lokal und kurzfristig. Die Deutschen sprechen von einer „nicht unerheblich beeinträchtigten Fläche“ und einem langfristigen Effekt.

Weiter bemängelt das Habeck-Ressort Schadstoff-Emissionen, die durch Verbrennungsprozesse bei Förder- und Bohraktivitäten entstehen. Dies trage auch zur Nährstoff-Überfrachtung der Nordsee bei.

„Insgesamt wird das Meer nicht ausreichend als Schutzraum gesehen“, bilanziert Habeck den Ansatz der Pläne. Aber auch politisch passt der Expansionskurs von Mærsk für ihn nicht in die Zeit. „Um die Weltklimaziele zu erreichen, müssten 80 Prozent der Erdöl- und Erdgasvorräte im Boden bleiben“, stellt Habeck fest. Der Klimagipfel in Paris habe das aller Welt deutlicher denn je vor Augen geführt. „Daher sind derartige Projekt klimapolitisch kontraproduktiv.“ 

Schadstoffe kennen keine Grenzen. Ein Kommentar von Frank Jung.

 

Die Auseinandersetzung um Grenzkontrollen, völlig gegenteilige Ansätze in der Flüchtlingspolitik, Hängepartie bei der Fehmarnbelt-Querung – das deutsch-dänische Verhältnis ist nicht gerade arm an Reibereien. Nun kommt  eine weitere hinzu: Die Absicht aus Dänemark, in direkter Nachbarschaft zum deutschen Teil der Nordsee die Erdöl- und Erdgasförderung  auszubauen. Trotz des massiven Preisverfalls für Öl. Der Antrag der steuerpolitisch extrem verwöhnten Firma Mærsk Oil zeigt, wie dick   ihr  Finanzpolster aus der Vergangenheit sein muss.  

Zwar wird Schleswig-Holstein den Expansionsdrang von Mærsk nicht verhindern können. Die Genehmigung erfolgt nach dänischem Recht. Dennoch ist es wichtig, dass das Umweltressort von Robert Habeck klar und deutlich Einspruch gegen die  Pläne einlegt.

Denn unter welchen Auflagen  die Erkundungen und Ausbeutungen  ablaufen, lässt sich über die derzeit laufende Umweltverträglichkeitsprüfung  noch beeinflussen. Exakt  dies zu tun, ist dringend geboten.  Zu alarmierend sind  die Schwachstellen, die Experten der Landesregierung in den  Planungsunterlagen  ausgemacht haben. Schadstoffeinträge kennen keine Grenzen.

Durchaus könnten Vorgänge auf hoher See auch Auswirkungen auf die Küstennähe haben. Das gilt allemal  für die geplanten  Schadstoff-Emissionen in Wasser und Luft, und erst recht, wenn etwas schief läuft. Die Sorgen sind nicht an den Haaren herbeigezogen – wiederholt ist es in den letzten Jahren auf  Mærsk-Feldern  in der Nordsee  zu unbeabsichtigten Öl-Austritten  gekommen.

Auf wunde Punkte hinzuweisen, ist umso berechtigter, als es um einen sehr langen Zeitraum geht. Jedes Bohrloch, das Mærsk jetzt genehmigt wird, darf es ein Vierteljahrhundert nutzen. So rekordverdächtig lange reicht die  2003 erteilte General-Konzession des dänischen Staats für die Nordsee. Der damit seiner Ambition, sich energiepolitisch als besonders grün darzustellen, einen Bärendienst erweist.

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