Senatsvorwahlen in den USA : Christlicher Fundamentalist könnte Senator von Alabama werden

Roy S. Moore gilt als religiöser Hardliner - was im Bibelgürtel kein Nachteil sein muss.

Roy S. Moore gilt als religiöser Hardliner - was im Bibelgürtel kein Nachteil sein muss.

Trumps ehemaliger Chefberater Steve Bannon pusht einen neuen Politiker. „Judge Moore“ möchte Alabama zum Gottesstaat machen - und hat gute Chancen auf einen Senatsposten.

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27. September 2017, 18:12 Uhr

Montgomery | Roy S. Moore (70) stellt Gott über das Gesetz. Nach seinem Sieg über den von Donald Trump unterstützten Kandidaten bei den Vorwahlen in Alabama steht der Fundamentalist vor dem Einzug in den US-Senat.  

Zur Wahlparty brachte „Judge Moore“ eine Version der in zwei Steintafeln gemeißelten zehn Gebote mit. Als feststand, dass die Republikaner des rebellischen Südstaats dem Fundi Vorzug über den vom Weißen Haus und Senatsführer Mitch McConnell unterstützten Luther Strange gaben, twitterte Moore ein Bild der Steintafeln an seine Fans.  

Eine trotzige Geste, die daran erinnerte, wie der Aufstieg des „christlichen Taliban“ aus dem Bibelgürtel in die Bundespolitik 2003 begann. Damals weigerte sich Moore als Chefrichter des Verfassungsgerichts des Bundesstaats, eine 2500 Kilogramm schwere Statue mit den zehn Geboten aus der Lobby zu entfernen. Gottes Gesetz stehe über der Anordnung eines Bundesgerichts, begründete er seinen Bruch mit der Rechtsstaatlichkeit.

Das führte zu seiner ersten Suspendierung. Die zweite folgte vier Jahre nach seiner Wiederwahl 2012. Dabei ignorierte er die Entscheidung des US-Verfassungsgerichts, das in einem Grundsatzurteil die Homo-Ehe anerkannt hatte. Das sei gegen den Willen Gottes, verkündete Moore, der Homosexualität eine Bestialität nennt und darin „etwas inhärent Böses“ sieht, „vor dem Kinder geschützt werden müssen“.

Nicht weniger als einen christlichen Gottesstaat versprach der Richter denn auch bei den Vorwahlen für den Sitz, der nach dem Umzug Jeff Sessions an die Spitze des Justizministeriums vakant geworden war. „Gott ist die einzige Quelle für unser Recht, unsere Freiheit, unsere Regierung.“ Er werde im Senat dafür streiten, die Gott gewollte Ordnung wieder herzustellen. Wer genauer wissen möchte, wie die aussieht, kann das in einem Traktat nachlesen, von dem er stets eine Kopie bei sich trägt. 

Während radikale Positionen zur Abtreibung, Schulgebet und Sexualität in der Republikanischen Partei heute die Norm sind, überholt der Fundi Trump auf der Rechten. Kurz vor dem Wahltag zog der Kandidat, der sich gerne in Cowboyhut und Westerstiefeln präsentiert, bei einer Wahlkampfveranstaltung demonstrativ einen Colt aus der Tasche: „Das ist meine Haltung zum Verfassungsrecht, eine Waffe zu tragen.“

Obwohl Trump und Vizepräsident Mike Pence für Strange Wahlkampf machten, und dieser fast zehn Mal so viel Geld zur Verfügung hatte, fiel das Rennen nicht einmal knapp aus. Judge Moore hängte den Senator um zehn Punkte ab. Dabei half ihm der ehemalige Chefberater Trumps, Steve Bannon, der sein Engagement für den Rebellen als Liebesdienst für den aus seiner Sicht vom Establishment sabotierten Präsidenten verstanden wissen möchte. „Die halten Euch für Affen“, hetzte Bannon gegen die republikanischen Kongressführer, die Trumps Agenda, wie gerade bei Obamacare, nicht umsetzten. Deren Tage seien Dank Kandidaten wie „Judge Moore“ gezählt.  

Der Präsident löschte noch in der Wahlnacht Tweets, mit denen er Strange unterstützt hatte, und tat in seinem Kommentar so, als sei er schon immer für Moore gewesen. „Roy, SIEGE im Dezember“. Tatsächlich hatte sich Trump mit seiner Unterstützung für seinen getreuen Gefolgsmann Strange verkalkuliert.

In dem Südstaat, in dem sich jeder zweite Bürger als evangelikaler Protestant versteht, ist die Forderung nach einer Theokratie kein Ausschlusskriterium. Im Gegenteil. Die Chancen stehen sehr gut, dass Alabama Judge Moore nach Washington schickt.   

Der Fundi kündigte bereits an, Senatsführer McConnell das Leben noch schwerer zu machen, als er es in der ideologisch tief zerstrittenen Fraktion ohnehin schon hat. „Er wird mich nicht managen“, droht Moore mit dem, was er für Prinzipienfestigkeit hält. „Das hat bei mir noch niemand geschafft.“

Politische Kultur verkommt immer mehr zu einer „Freak-Show“ - ein Kommentar von Thomas J. Spang

Der „Trumpismus“ hat Donald Trump in Alabama rechts überholt. Anders lässt sich der haushohe Sieg des Fundamentalisten Roy Moores über den vom Präsidenten unterstützten Luther Strange bei den Vorwahlen für den offenen Senats-Sitz kaum verstehen.   

So peinlich die Schlappe seines Favoriten auch sein mag, hat Trump von dem Taliban aus dem Bibelgürtel wenig zu fürchten. Sollte dieser die Nachwahlen im Dezember gewinnen, könnte Moore ihm dabei helfen, den missliebigen Senatsführer Mitch McConnell loszuwerden. 

Diesen macht Trump so sehr für das klägliche Scheitern seiner Agenda im Kongress verantwortlich wie Speaker Paul Ryan. Zuletzt etwa bei dem zum fünften Mal im Kongress gescheiterten Anlauf, Barack Obamas Gesundheitsreform rückgängig zu machen. 

Mit der erwarteten Ankunft des Super-„Trumpers“ Moore auf dem Kapitolhügel gewinnt Trump einen Verbündeten, der ihm dabei helfen kann, die letzten Bastionen der alten „Grand Old Party“ zu schleifen. 

Dass der Narzisst im Oval Office dabei erwischt wurde, Tweets für seinen Favoriten zu löschen, finden nur Kritiker des Präsidenten peinlich. Seine Anhänger haben das genauso schnell vergessen wie Trump selber. So ist das bei echten Fans.  

Die großen Verlierer sind die Amerikaner, deren politische Kultur immer mehr zu einer „Freak-Show“ verkommt. Mit dem Senator-in-Spe Moore droht sie nun auch den altehrwürdigen Senat zu erfassen.      

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